Weißt Du, woher der Begriff Schrulle kommt?
Heute geht es um einen Begriff, der mir immer wieder mal begegnet, zuletzt in diesem Beitrag über Steckenpferd. Ich bin mir sicher, dass eine Schrulle eine Eigenheit eines Menschen ist, doch ich habe keine Ahnung, woher der Begriff kommt. Das ist in meinen Augen aber wichtig, denn manche Begriffe, die wir im Alltag benutzen, haben Bedeutungen bzw. Herkünfte, die negativ sind. Mit solchen Begriffen können wir unwissentlich Menschen verletzen. So habe ich zum Beispiel dank des Buches von

Nina Niedereder: Mis(s)understood. Augenkontakt (un)erwünscht!
gerade gelernt, dass das Asperger-Syndrom, das lange Zeit eine Form von Autismus bezeichnet hat, einen sehr problematischen Ursprung hat. Johann „Hans“ Friedrich Karl Asperger, der Namensgeber des Syndroms, war eine der vielen Personen, die mitzuverantworten hatten,, dass Menschen mit Beeinträchtigungen während des Nationalsozialismus getötet wurden. Er schrieb:
„So wie der Arzt bei der Behandlung des einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muß, so müssen auch wir aus hoher Verantwortung Einschnitte im Volkskörper machen: wir müssen dafür sorgen, daß das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weitergeben würde, zu des einzelnen und des Volkes Unheil, an der Weitergabe des kranken Ergbutes verhindert wird.“ Dr. Hans Asperger: Aus der Heilpädagogischen Abteilung der Wiener Universitäts-Kinderklinik (Vorstand: Prof. Dr. Franz Hamburger): Pädagogische Therapie bei abnormen Kindern.
Wenn wir also den Begriff Asperger-Syndrom benutzen, kann es sein, dass unser Gegenüber glaubt, dass wir den gerade zitierten Ideen anhängen. Ich für meinen Teil streiche diesen Begriff dank dieses Wissens aus meinem Wortschatz.
Nina teilt in ihrem Buch nicht nur Wissen über andere, sondern vor allem über sich selbst. So erläutert sie z. B., daß bestimmte Reaktionen auf ihr Outing als Autistin für sie schwierig sind. In einer dieser Erklärungen taucht unser heutiger Begriff auf:
„Schwierig sind für mich auch Fragen wie „Sind wir nicht alle ein bisschen autistisch?“. Diese werden gern von Menschen gestellt, die wohlmeinend versuchen, autistische Eigenschaften zu relativieren, indem sie Vergleiche mit ihren eigenen Schrullen anstellen.“
S. 12.
Lass uns doch einmal schauen, was uns unser Lexikon über die Herkunft des Begriffes verraten kann.
Was das Lexikon sagt
Folgenden Eintrag hält unser Lexikon heute für uns bereit:

Schrullle, die; -, -n [im 18. Jh. aus dem niederd. Pl. Schrullen = tolle Einfälle < mniederd. schrul, schrol = verrückte Laune; Groll, verw. mit älter niederl. schrolle = brummen; schimpfen, lautm.]: 1. seltsame, wunderlich anmutende Eigenart, Angewohnheit, die zum Wesenszug eines Menschen geworden ist: sie hat den Kopf voller -n. 2. (ugs.) ältere, schrullige Frau: ach, die alte S. spinnt doch.
Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 2054.
Die Herkunft unseres heutigen Begriffes scheint laut unserem Lexikon unproblematisch zu sein. Er stammt aus dem Niederdeutschen und Niederländischen und leitet sich von den Begriffen für
- Tolle Einfälle,
- Verrückte Laune,
- Groll,
- Brummen
ab. Doch die Sache ist die: Mein Lexikon hat gut 2 Jahrzehnte auf dem Buckel, und in dieser Zeit hat sich unser Sprachgebrauch und unser Umgehen miteinander weiterentwickelt. Aus diesem Grund möchte ich zur Sicherheit noch ein etwas aktuelleres Nachschlagewerk zu Rate ziehen.
Was mein Bibliotheksausweis sagt
Bingo, die Formulierung „die alte Schrulle“, die unser Lexikon als umgangssprachlich einordnet, ist laut eines Lexikons aus unserem Jahrzehnt eine abwertende Formulierung:
Schr u ̣ l|le, die; -, -n [im 18. Jahrhundert aus dem niederdeutschen Plural Schrullen = tolle Einfälle ‹ mittelniederdeutsch schrul, schrol = verrückte Laune; Groll, verwandt mit älter niederländisch schrolle = brummen; schimpfen, lautmalend]: 1. seltsame, wunderlich anmutende Eigenart, Angewohnheit, die zum Wesenszug eines Menschen geworden ist: sie hat den Kopf voller Schrullen. 2. (veraltend abwertend) ältere, schrullige Frau: das ist vielleicht eine alte Schrulle!
Deutsches Universalwörterbuch: 10., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage; Cornelsen Verlag GmbH, Berlin, 2023.
Fazit
Wir wissen nun, woher unser heutiger Begriff kommt. Die Herkunft des Begriffes ist in meinen Augen unproblematisch, die abwertende Bezeichnung „die alte Schrulle“ dagegen nicht. Wäre der Begriff Teil meines aktiven Wortschatzes, würde ich mich mit dem heute gewonnenen Wissen bemühen, ihn nur noch auf mich zu beziehen.
Lass uns an dieser Stelle noch einmal zu Ninas Zitat zurückkehren. Nina hat erst spät in ihrem Leben erfahren, dass sie Autistin ist. Für sie war die Diagnose wichtig. Sie hat Nina geholfen zu verstehen, warum manche Dinge in ihrem Leben so laufen, wie sie laufen. Soweit ich es verstehe, ist die Diagnose für Nina eine Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Diese Abgrenzung ist für Nina wichtig, denn sie hilft ihr, die Welt, bzw. ihr Verhalten und ihre Erwartungen und das Verhalten und die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft einzuordnen. Diese Einordnung leidet unter der Relativierung, die in dem Satz „Sind wir nicht alle ein bisschen autistisch?“ mitschwingt.
Nun fragst Du Dich vielleicht, wie genau Du darauf reagieren solltest, wenn sich eine Person Dir gegenüber outet. Ich habe mich das auch lange gefragt. Inzwischen durfte ich in diesem Bereich eigene Erfahrungen sammeln, da sich mir immer mehr Menschen anvertrauen. Ich habe mit der Antwort „Danke für Deine Offenheit und Dein Vertrauen. Ich weiß das sehr zu schätzen.“ Bisher gute Erfahrungen gemacht.
Danach muss ich mich dann immer zügeln, weil ich neugierig bin. Ich möchte gern wissen, wie das für den Menschen ist. Wenn jemand Zahlen Farben zuordnet, möchte ich wissen, welche Zahl welche Farbe hat und ob Rechenzeichen auch Farben haben. Aber meine Fragenflut könnte der Person unangenehm sein. Also schweige ich in der Regel, weil mir die Formulierung „Wenn Du mehr darüber erzählen möchtest, würde ich mich freuen.“ in dem Moment nicht einfallen will. Mein Schweigen und mein interessierter Blick eröffnen meinem Gegenüber den Raum, mehr zu erzählen, stellen aber keinen Zwang dar. Wird der Raum nicht genutzt, nutze ich meine im Verkauf erworbenen Fähigkeiten und leite das Gespräch in eine andere Richtung.
An dieser Stelle bin ich neugierig: Wie reagierst Du, wenn Menschen sich Dir gegenüber outen?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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