Arbeitest Du ausschließlich des Geldes wegen?
Manchmal stolpere ich in Büchern über Sätze, bei denen sich mir die Stirn in Falten zieht. Ein solcher Satz ist mir in dem Buch

begegnet. Der Satz lautet:
„Herr Wagner, ich denke, dass diejenigen, die heute stark zwischen Work und Life unterscheiden, diejenigen sind, die ausschließlich wegen des Geldes arbeiten; sie haben Probleme mit dem Unternehmen oder können sich nicht mit ihrer Arbeit identifizieren.“ S. 172.
Wenn der Satz wahr wäre, müsste er auch mit einem Rollentausch funktionieren, oder? Lass uns den Satz doch einmal umdrehen und aus Perspektive der Arbeitnehmenden formulieren:
„Herr Wagner, ich denke, dass Firmen, die sich genau an das im Vertrag vereinbarte Gehalt halten, Probleme mit Ihren Arbeitnehmenden haben und sich nicht mit diesen identifizieren.“
Kennst Du eine Arbeitgeberin, die ihren Mitarbeitenden regelmäßig mehr Gehalt bezahlt als das, was vertraglich vereinbart ist? Ich kenne keine.
Um zu verstehen, was mich an unserem heutigen Satz so stört, schauen wir uns nun die Aussagen, die er enthält, im Einzelnen an meinem Beispiel an.
Aussage 1: Menschen arbeiten nur wegen des Geldes
Erwischt. Ja, ich gehe tatsächlich arbeiten, weil ich dafür Geld bekomme. Das Geld benutze ich dann um meine Miete zu zahlen und mir Essen zu kaufen und ein Leben zu führen, dass ich gern führen möchte. Bräuchte ich für all die Dinge kein Geld, würde ich wahrscheinlich nicht 39 Stunden in der Woche für eine Arbeitgeberin arbeiten gehen.
Doch die Sache ist die: Ich arbeite nicht nur wegen des Geldes. Würde ich nur wegen des Geldes arbeiten, dann wäre es mir schnuppe, für welche Arbeitgeberin ich arbeiten würde. Dann wäre es für mich auch völlig okay, wenn ich für ein Unternehmen arbeiten würde, dass Massenvernichtungswaffen herstellt. Dann wäre das Gehalt, dass meine Arbeitgeberin zahlt mein einziges Entscheidungskriterium.

Ist es aber nicht. Das Gehalt ist nur ein Faktor bei meiner Entscheidung für eine Arbeitgeberin. Es muss hoch genug sein, damit ich davon leben kann und für den Fall der Fälle Geld zurücklegen kann. Das bedeutet ich würde gern in einem Verlag arbeiten, doch ich tue es nicht, da ich bis jetzt keinen gefunden habe, der mir einen Job angeboten hat, der mir ein Gehalt zahlen kann, dass meine Mindestanforderungen deckt.
Neben dem Gehalt habe ich es weitere Entscheidungskriterien, die mich dabei unterstützen meine nächste Arbeitgeberin auszuwählen. Je weniger Kriterien die Arbeitgeberin erfüllen kann, desto höher ist das Gehalt, dass sie mir zahlen muss. Andere wichtige Entscheidungskriterien für eine Arbeitgeberin sind:
- Ich kann mich mit den Leistungen des Unternehmens identifizieren.
- Ich kann mich mit den Werten des Unternehmens identifizieren.
- Die Arbeitsbedingungen sind so gestaltet, dass die Arbeit nicht krank macht.
- Ich arbeite in einem Team, das gern lernt und sein Wissen gern teilt.
- Ich habe die Möglichkeit mein Wissen einzubringen und etwas zu lernen.
- Die Arbeit bietet mir eine gute Mischung aus klaren Prozessen und Gestaltungsfreiraum.
Auf mich trifft diese Aussage aus dem obigen Zitat also nicht zu. Ich arbeite nicht nur für das Geld, doch ich kann nicht umsonst arbeiten, wenn ich meinen Lebensstandard halten möchte. Zu diesem Lebensstandard gehört auch ein Urlaub im Jahr, der vier Wochen dauert. Aus diesem Grund kommt eine vollständige Selbstständigkeit für mich nicht in Frage.
Aussage 2: Menschen haben Probleme mit ihrem Unternehmen
Hätte ich ein Problem mit meinem Unternehmen, dann würde ich nicht in diesem Arbeiten. Habe ich aber nicht, ich habe ganz viele kleine Probleme mit meinem Unternehmen. Diese Probleme können mir auf den Kekes gehen, doch diese Probleme machen den Job auch spannend. Gäbe es keine Probleme, könnte es gut sein, dass mir schnell langweilig wird.
Probleme sind in der Regel spannende Herausforderungen. Herauszufinden wie ein Problem entsteht und Wege zu finden es zu beheben bereitet mir Freude. Ist das Problem entstanden, weil die Kommunikation nicht passte? Wird das Problem durch einen schlechten Prozess verursacht? Fehlt den am Problem Beteiligten an irgendeiner Stelle Wissen oder eine Checkliste? Haben die am Problem beteiligten Menschen die Ressourcen, die sie brauchen, um die Aufgabe zu bewältigen?

Nichts finde ich schöner als in ein Problem reinzulaufen und es im Trial und Error Verfahren aus der Welt zu schaffen. Und nur so nebenbei: das ist durchaus problematisch, denn dieses Verhalten meinerseits kann übergriffig sein, ohne dass es mir bewusst ist, was zu neuen Problemen führen kann.
Diese Aussage des Zitats trifft also einigermaßen auf mich zu. Ich habe Probleme mit meinem Unternehmen und ich freue mich darauf diese Stück für Stück zu lösen. Wenn es keine Probleme mehr gibt, oder ich feststelle, dass mir und meinem Unternehmen etwas fehlt, um diese zu lösen, ziehe ich von Dannen.
Aussage 3: Menschen identifizieren sich nicht mit ihrer Arbeit
Ich fange Jobs an, weil ich mich mit der Arbeit, die dort auf mich wartet, identifiziere.
Ich habe für einen Herrenausstatter gearbeitet, weil der Job mein Studium finanziert hat und die Menschen bei meinem Unternehmen Produkte in einer Qualität kaufen konnten, die meinen damaligen Ansprüchen genügte.
Ich habe bei einem Optiker gearbeitet, weil ich einen neuen Job brauchte, um mein Studium zu finanzieren und Brillen noch viel sinnvoller sind als Kleidung.
Ich habe für ein FinTech gearbeitet, weil es einen Bankenskandal gab und ich der festen Überzeugung war, dass Kredite von Mensch zu Mensch eine Lösung für das Problem sein könnten. Ich habe das Unternehmen verlassen, als diese Form des Kredites nicht mehr im Fokus stand.
Ich habe für ein Unternehmen gearbeitet, dass Produkttexte verkauft hat, weil ich in Onlineshops immer wieder nicht einkaufen konnte, weil mich der Shop nicht genug über das Produkt informierte und ich nicht erfahren habe, ob das Produkt meinen Anforderungen genügt. Ich habe unter anderem in dem Unternehmen aufgehört, weil absehbar war, dass Künstliche Intelligenz den Job möglicherweise bald auch ganz okay erledigen könnte.
Ich habe für eine Onlinemarketingagentur gearbeitet, weil ich dort die Möglichkeit hatte die Geschichten von kleinen und Mittelständischen Unternehmen sichtbar zu machen. Ich habe unter anderem in dem Unternehmen aufgehört, weil absehbar war, dass Künstliche Intelligenz den Job möglicherweise bald auch ganz okay erledigen könnte.
Ich arbeite für eine gemeinnützige GmbH, die sich unteranderem darum kümmert, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmende zueinander finden und Weiterbildungen auf die Beine stellt, damit diese beieinanderbleiben können. Diese Arbeit begeistert mich, weil ich zu den Menschen gehöre, die wissen, dass es ganz schön herausfordernd sein kann den nächsten Job zu finden, der gut zu einem passt. Zudem verdanke ich es einer Weiterbildung, dass ich mich nach knapp 10 Jahren im Berufsleben einem neuen spannenden Aufgabenfeld zuwenden konnte.
Die dritte Aussage unseres Zitates trifft nicht auf mich zu. Komme was wolle, ich gehe arbeiten, weil ich mich mit meiner Arbeit identifiziere. Ich habe lange Zeit mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart und habe das ganze so weit getrieben, dass ich körperlich am Ende war. Das war keine schöne Erfahrung. Aus diesem Grund identifiziere ich mich heute mit meiner Arbeit und investiere genau die zeit in diese, die meine Arbeitgeberin und ich miteinander vereinbart haben.
Fazit
Nachdem ich nun an meinem Beispiel dargelegt habe, was mich an unserem heutigen Zitat stört, bin ich neugierig, ob ich ein Einzelfall bin. Wie ist es mit Dir? Unterscheidest Du zwischen Work und Life? Arbeitest Du ausschließlich des Geldes wegen?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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