Brauchen Unternehmen Lerncoaches?

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Lass das Ding doch bitte zu Hause.

Lang ist es her, da verfluchte Henry Ford die Tatsache, dass mit jedem Paar Hände, das er beschäftigte, auch ein völlig unnützes Hirn mitkam. Das von Henry erfundene Fließband brauchte fleißige Arbeiter. Menschen, die ihr Hirn gebrauchen wollten, waren am Fließband nervig. Statt stumpf zu arbeiten stellten sie Fragen und gingen Unternehmen wie Henry damit mächtig auf den Keks.

Wissensgesellschaft braucht lernen

Zu meiner großen Freude hat sich die Gesellschaft seit Henry in eine Wissensgesellschaft verwandelt. Unternehmer brauchen Mitarbeiter, die ein Hirn mitbringen und dieses nutzen wollen. Arbeitnehmer, die ihr Leben lang lernen wollen, werden von Unternehmen auf der ganzen Welt gesucht und gut bezahlt.

Keine Zeit zum Lernen.

Doch die Sache ist die: Es gibt Menschen auf dieser Welt, die nicht gern lernen wollen oder können. Die Gründe sind vielfältig. Der eine leidet unter schrecklichen Prüfungsängsten und glaubt daher, auch beim Vortragen oder Präsentieren zu versagen. Dem anderen hat ein ätzender Schullehrer in frühen Jahren die Freude am Lernen geraubt. Der dritte ist dem Lernen gegenüber aufgeschlossen, jedoch findet er in seinem anstrengenden Alltag nicht die Zeit dazu.

Ich mach das für Dich.

Allen ist gemein, dass sie wissen, dass Menschen, die nicht gern lernen, es in Zukunft am Arbeitsmarkt immer schwerer haben werden. Arbeiten, die nur Muskelkraft brauchen werden mehr und mehr von Maschinen übernommen, einfachen und stumpfe Routinetätigkeiten sind das Steckenpferd der immer mehr voranschreitenden Künstlichen Intelligenz. Doch statt nun den Teufel an die Wand zu malen und darüber zu berichten, wie diese Menschen das Arbeitslosenheer der Zukunft stellen werden, freue ich mich nun sehr darauf Dir unseren Interviewpartner

Eva Hörtrich @lerntrixx, lerntrixx.de

vor zu stellen. Sie ist Lerncoach und unterstützt Menschen in Unternehmen und Organisationen dabei, ihre Freude am Lernen (wieder) zu entdecken.

Was macht ein Lerncoach?

Ein Lerncoach unterstützt und begleitet Menschen beim Lernen. Gemeinsam mit dem Lernenden definiert der Lerncoach ein Lernziel, das der Lernende erreichen will.

Lernziel

So ein Lernziel kann beispielsweise sein, verhandlungssicher Englisch sprechen zu können oder sich in eine bestimmte Software einzuarbeiten, ebenso aber auch, mehr Achtsamkeit in den Arbeitsalltag einzubauen oder den Prüfungsstoff für ein berufsbegleitendes Studium zu bewältigen.

Der Schlüssel zur Motivation – Für wen möchte ich lernen?

Nachdem das Lernziel definiert ist, stellt sich eine entscheidende Frage: Ist es das Ziel des Mitarbeiters zu lernen oder wünscht sich lediglich der Arbeitgeber, dass der Mitarbeiter lernt? Im Idealfall ist ersteres der Fall.

Un Gelato, Bitte. Grazie.

Lernen funktioniert am besten intrinsisch, fremde Lernaufträge können den Lernenden behindern. Die meisten Menschen lernen Sprachen zum Beispiel viel besser, wenn sie sie in einem Urlaub einsetzen wollen, als wenn sie eine Sprache einfach nur lernen, weil man halt 2 Sprachen braucht, um ein Abiturzeugnis zu bekommen.

Kann extrinsisch motiviertes Lernen überhaupt funktionieren?

Lernen kann Spaß machen.

Evas Antwort an dieser Stelle lautet klar: „Jein“. Wenn sie bei einem Klienten feststellt, dass dieser nur dem Wunsch seines Arbeitgebers nachkommt und selbst keinen Sinn in den zu lernenden Inhalten sieht und demnach auch keine Freude am Lernen hat, unterstützt sie den Lernenden mit Hilfe verschiedener Techniken so, dass sich dessen innere Haltung öffnet: Er erkennt, dass Lernen unter bestimmten Bedingungen (die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden) Spaß machen kann und findet aus eigener Kraft heraus, wie das „fremde“, vorgegebene Lernziel auch ein Stück weit zu seinem eigenen Lernziel werden kann.

So habe ich gern gelernt.

Um herauszufinden, welche Bedingungen zu einem Lernenden passen, analysiert Eva gemeinsam mit dem Lernenden dessen bisherige Lernerfahrungen. In der Regel stellt sich nach intensivem Nachfragen heraus, dass es in der Vergangenheit durchaus Momente gab, in denen Lernen Spaß gemacht hat und keine unüberwindbare Herausforderung war. Sobald der Lernende erkennt, dass Lernen Spaß machen kann und wie das geht, entdeckt er ein ungeahntes Potenzial. Aus einem Menschen, der über Jahre glaubte „ich bin einfach zu blöd dafür“ oder „das habe ich noch nie gekonnt“ wird ein Mensch, der erkennt, dass er viel mehr erreichen kann als er zuvor dachte. An dieser Stelle ist der entscheidende Schritt getan, doch es lauern noch ein paar nicht zu unterschätzende Hürden auf dem Weg zum lebenslangen Lernerfolg:

Demotivator Nummer 1 – Zu hoch gesteckte Ziele

Kleine Schritte bringen Dich zum Ziel.

Sobald Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben erkennen, dass Lernen Spaß machen kann, setzen sie sich neue Lernziele, die sie sich noch vor kurzem niemals zugetraut hätten. Doch große Ziele brauchen lange, um erreicht zu werden. Evas Erfahrung zeigt, dass Menschen bei dem Versuch, zu große Ziele zu erreichen, schnell die Luft ausgeht, da die schnell erhofften Erfolge zu lange auf sich warten lassen. Um dies zu verhindern, unterstützt Eva ihre Lernenden auch dabei, ihre Lernziele in kleine, kurzfristig erreichbare und vor allem realistische Teilziele zu zerlegen. Dank der Teilziele erkennt der Lernende seinen Lernfortschritt, kann die Erreichung von kleinen Erfolgen feiern und hält damit die Lernmotivation hoch.

Demotivator Nummer 2 – keine Zeit

Menschen, die etwas Neues lernen wollen, stellen oft fest, dass sie zwar den Willen haben etwas Neues zu lernen, ihnen aber neben Beruf und Familie schlichtweg die Zeit zum Lernen fehlt. Sie sind für ihr Lernziel motiviert, doch sobald der Alltag mit all seinen Herausforderungen zuschlägt, lässt die Motivation schnell nach.

Lerntermine

Auch an dieser Stelle weiß Lerncoach Eva Rat. Neben der Zerlegung großer Ziele in kleine Teilziele sollte sich der Lernende fürs Erreichen dieser Ziele, also fürs Lernen, die Zeit in seinem Alltag explizit einplanen, beispielsweise durchs Reservieren von Lern-Blöcken in seinem Kalender.

Was Eva selbst erst lernen musste: der Freitag eignet sich dafür in der Regel gar nicht gut. All die anderen Dinge, die vor dem Wochenende noch erledigt werden wollen oder müssen, verdrängen die Zeit fürs Lernen wieder aus dem Kalender. Besser ist es also, sich z.B. dienstags von 09:30 bis 11 Uhr oder donnerstags über die Mittagspause fürs Lernen einzuplanen.

Zeit, Uhr
25 Minuten

Jedoch – der gute Wille allein reicht hier leider allerdings oft nicht aus. Was in dem Moment, in dem man beginnen möchte zu lernen, oft fehlt, ist die nötige Konzentration. Hier empfiehlt Eva klar, sich einfach einen Timer auf 25 Minuten zu stellen. Sobald die Zeit läuft, ist das Gehirn wie automatisch auf Konzentration programmiert, und es ist immer wieder überraschend, wie viel in weniger als einer halben Stunde erfolgreich gelernt werden kann.

Demotivator Nummer 3 – Chaos

Unsere Welt ist ständig in Bewegung. Nie sind so viele Informationen so schnell geflossen wie heute. Jedes Unternehmen sammelt fast jeden Tag neue wichtige Informationen, die ihm und seinen Mitarbeitern dabei helfen sollen, besser zu werden. In viel zu vielen Unternehmen werden diese zwar Informationen gesammelt, aber eine wirklich organisierte Infrastruktur für dieses Wissen gibt es nicht.

Newsletter

Hier nur eins der zahlreichen Beispiele für diesen fehlenden Informationsfluss: Möglicherweise hat Rolf in Büro 3 gerade einen Newsletter zu einem Seminar bekommen, dass perfekt für Norah in Büro 1 wäre, doch leider findet die Seminarinformation nie den Weg zu Norah und versinkt in den Tiefen von Rolfs Postfach.

Dieses Beispiel zeigt, dass lernwillige Mitarbeiter allein kein Erfolgsgarant im Zeitalter der Wissensgesellschaft sind. Zum Glück kümmern sich Lerncoaches wie Eva auch um Herausforderungen in der unternehmensinternen Wissensinfrastruktur. Neben digitalen Hilfsmitteln wie Kollaborations-Tools, die in Unternehmen zwar zur Verfügung stehen, jedoch von Mitarbeitern oft gar nicht oder nur unzureichend genutzt werden, stellt Eva ganz klar die soziale Komponente des Lernens in den Vordergrund. Lernen ist ein sozialer Prozess, sagt sie, vor allem, wenn es locker und ungezwungen passiert.

soziales Lernen

Lern-Lunches oder Team-Meetings im Open-Space-Format sind schnell und einfach organisiert und sorgen dafür, dass Menschen ihr Wissen miteinander teilen und so voneinander lernen. Die Zeiten, in denen Wissen an vereinzelten Stellen gehortet wurde, sind vorbei. Die einfachste Form des (sozialen) Lernens ist laut Eva übrigens das Fragen: Menschen trauen sich oft nicht, einfach Fragen zu stellen, wenn sie etwas nicht verstehen oder über ein Thema mehr wissen wollen, weil dies vielleicht eine Schwäche offenbaren könnte. In Unternehmen mit offener und innovativer Lernkultur dürfen und sollen solche Zweifel keinen Platz haben.

Fazit

Ja, fast jedes Unternehmen das Mitarbeiter hat, kann von der individuellen Begleitung durch einen Lerncoach profitieren, um die Herausforderungen unserer Wissensgesellschaft zu meistern. Ein Lerncoach setzt häufig ungeahntes bereits vorhandenes Potential im Unternehmen frei und spart dem Unternehmen an einigen Stellen die Suche nach neuen schwer zu findenden Talenten.