Weißt Du was Boundary Extension ist?

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WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom dpunkt.verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

Nein, keine Sorge, heute geht es nicht um Flüchtlingspolitik und Grenzen, sondern um ein Phänomen von dem ich dank

John Whalen & Isolde Kommer & Christoph Kommer (Übersetzung): Think Human: Kundenzentriertes UX-Design. Mit kognitiver Psychologie zu besseren Produkten

zum ersten Mal gehört habe und das mich völlig aus den Socken gehauen hat, als ich es am eigenen Leibe erlebt habe. Diese Erfahrung und das Wissen was Boundary Extension ist möchte ich heute mit Dir teilen und ich bin sehr gespannt, ob Du genau so überrascht sein wirst, wie ich es war.

Boundary Extension – Das Experiment

Um das Phänomen der Boundary Extension greifen zu können fand ich das folgende Experiment unseres heutigen Autor unglaublich hilfreich, ohne das Experiment hätte ich geglaubt, dass mich dieses Phänomen nicht betrifft und bestimmt nur bei anderen funktioniert. Daher lautet mein Tipp: nimm Dir 5 Minuten Zeit und mach das Experiment einmal mit.

Experiment Anleitung:

  1. Schnapp Dir jetzt bitte einen Schmierzettel und einen Bleistift. Wenn Du gerade nichts anderes hast, reicht auch ein Taschentuch oder eine Serviette und ein Kugelschreiber, wichtig ist nur, dass Du relativ einfach ein paar Striche hinbekommst, es geht gleich nicht um Schönheit
  2. Schau Dir 20 Sekunden das gleich folgende Bild mit dem wunderbar poetischen Namen „Müll“ an.
  3. Verdecke oder schließe das Bild.
  4. Nimm Dir 2 Minuten Zeit und zeichne aus dem Gedächtnis was Du im folgenden Bild gesehen hast.

Hier das Müll-Bild:

Zunächst einmal: Ich fasse es nicht, dass ich geschlagene 20 Minuten gebraucht habe, um das Bild zu zeichnen. Realistische Darstellung wird sicher nicht mein Aufgabenfeld.

Jetzt ist es an der Zeit unsere beiden Werke zu vergleichen. Enthält Dein Bild alle Elemente, die auf dem Original zu sehen sind? Sehr gut. Was uns aber wirklich interessiert sind die Boundaries, also die Ränder Deines Bildes. Als ich das Experiment gemacht habe, habe ich die Zaunlatten oben nicht abgeschnitten, auf meinem Bild haben sie runde Enden. Wie schaut es bei Dir aus? Konntest Du widerstehen und die Zaunlatten unvollendet lassen? Wie schaut es mit dem Deckel der Mülltonne aus? Hast Du den Kreis vollendet?

Boundary Extension – unser Hirn hat eine Vervollständigungsfunktion

Wenn Du beide Bilder nebeneinanderlegst und mein Bild wie ein Ausschnitt aus Deinem Bild ausschaut, hast Du Boundary Extension gerade live erlebt. Unser Gehirn weiß, dass Zaunlatten Enden haben und Deckel von runden Mülltonnen rund sind, also jubelt es uns die nicht vorhandenen Details einfach unter.

Fazit

Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber mit diesem Wissen trau ich dem kleinen grauen Kollegen in meinem Schädel ein wenig weniger über den Weg. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, dass mein Hirn es gut mit mir meint. Doch die Frage: „Bist Du Dir sicher, dass Du das gesehen hast?“ werde ich nie wieder ganz unbeschwert antworten können. Auf der anderen Seite weiß ich nun, dass abweichende Schilderungen von Szenen kein böser Wille sind, sondern nur Autovervollständigungen des Hirns. Das macht mir die Kommunikation und das Verständnis in solchen Situationen in Zukunft um einiges leichter.