Weißt Du, was sinnunterlegtes Kritzeln ist?

Wieder einmal haben wir es heute mit einem Begriff zu tun, der mir noch nie zuvor begegnet ist. Normalerweise würde ich nun zu meinem Bücherregal stapfen und den richtigen Lexikon-Band suchen, um den Begriff nachzuschlagen. Doch zu meiner großen Freude brauche ich dies heute nicht tun, da die Autorin

Eine Person mit cape hält stolz eine leuchtende Glühbirne in die Luft.
Ich verrate Dir einen neune Begriff und auch gleich die Bedeutung.

Brigitte Seibold: Visualisieren leicht gemacht. Talentfrei skizzieren und mit Bildern kommunizieren

den Begriff in ihrem Buch nicht nur erwähnt, sondern auch erklärt:

„Unvoreingenommen und selbstverständlich entwickeln und erarbeiten sich ca. 3- bis 6-jährige Kinder ihre eigenen Sinnzeichen und Symbole im Austausch mit ihrer Umwelt und eingebettet in ihre Kultur. Dieses »sinnunterlegte Kritzeln« wie die Pädagogik-Forschung es nennt, ist uns quasi angeboren und »ur-vertraut«! Dieses ganz besondere Fenster, das in dieser Zeit geöffnet ist, schließt sich leider wieder.“

S. 12.

Obwohl uns Brigitte verrät, was es mit unserem heutigen Begriff auf sich hat, habe ich dazu noch weitere Fragen. Eine dieser Fragen lautet: Wie genau schauen eigene Sinnzeichen und Symbole von Kindern aus? Hätte ich Kinder, könnte ich nun bestimmt in irgendeine Schublade greifen und die Werke betrachten, die sie im oben genannten Alter gezaubert hätten. Da ich keine Kinder habe, werde ich mich nun ins Internet begeben, um eine Antwort auf diese und andere Fragen zu finden.

Wie schauen Sinnzeichen und Symbole von Kindern in dieser Phase aus?

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich mir drei unterschiedliche, zum Teil bebilderte Beiträge im Internet angeschaut:

Ein Männchen mit vier Armen wirbelt 8 Bücher durch die Luft.
Na dann sammeln wir im Internet doch mal ein paar Experteninfos.
  1. Dr. Anne Hardy: Kinder kritzeln, zeichnen und malen – Warum eigentlich?
  2. Entwicklung der zeichnerischen Malstile von Kindern!
  3. Eberhard Brügel: Wundervolle Welt der Kinderzeichnungen.

Die Autoren sind sich darin einig, dass Kinder unterschiedliche Zeichnen- bzw. Kritzelphasen durchlaufen. In der Benennung der Phasen und den Altersangaben der Kinder bestehen Unterschiede, daher gehe ich hier nicht näher darauf ein. Ich vermute stark, die Ursache dafür ist liegt, dass Kinder individuelle Menschen sind. Nicht jedes Kind durchläuft jede Phase und manche Kinder beginnen mit der ein oder anderen Phase später als andere.

Einig sind sich die Autoren darin, dass Kinder bereits Kritzeln bevor sie in die Phase des sinnunterlegten Kritzeln eintreten. Die Zeichnungen vor dieser Phase zeichnen sich dadurch aus, dass die Kinder ihre Werkzeuge kennenlernen und die Art des Umganges mit diesen verfeinern. In der Phase des sinnunterlegten Kritzelns beherrschen sie den Stift einigermaßen und können gezielt Dinge zeichnen. Diese müssen dabei keineswegs für andere Menschen erkennbar sein. Manchmal ändert sich der Sinn der Zeichnung auch nachträglich. So berichtet Eberhard von einem Kind, das während es zeichnet „ich schreib“ vor sich hinsagt und das fertige Bild später als Bimmelbahn bezeichnet.

Eine Person schaut nach oben in eine leere Denkblase.
Puhh, was könnte das auf dem Papier wohl sein?

Tatsächlich kann ich mich in dieses Schreib-Bimmelbahn-Kind sehr gut reinversetzen, da ich auch manchmal damit beginne, einen Affen zu zeichnen und mich plötzlich ein Bär von meinem Blatt anschaut.

Allen Bildern, die ich zum Thema sinnunterlegtes Kritzeln gesehen habe, ist gemeinsam, dass sie sich nicht von selbst erschließen. Es sind einfach Kritzeleien, die in den Augen des Kindes einen Sinn ergeben, der sich keinem anderen automatisch erschließen muss. Ein Bild, in dem ich eine aufrechtgehende Spinne zu erkennen meine, soll „Mama“ darstellen. Ich habe großen Respekt vor jeder Mutter, der bei einem solchen Bild nicht die Gesichtszüge entgleiten und bin heilfroh, dass dieser Kelch an mir vorbeigeht.

Das Drama des Ende des sinnunterlegten Kritzelns

Genau an dieser Stelle wird es nun auch schnell problematisch. Kinder sind in der Lage, Massen an Werken dieser Art zu produzieren. So kann es schnell passieren, dass Eltern diese Bilder einfach entsorgen, weil sie wirklich nur nach Kritzeleien aussehen und weil es eine Herausforderung darstellt, die Massen an Werken zu archivieren. Nicht selten werden die Bilder daher entsorgt. Das kann bei den Kindern den Eindruck erwecken, dass sie nicht zeichnen können. Eine Annahme, die sie mit ins Erwachsenenleben nehmen und so möglicherweise lebenslang glauben, nicht zeichnen zu können.

Boa, das Bild an der Wand ist von mir.

Wie Eltern ihren Kindern dieses Drama ersparen können, ohne dabei gleichzeitig wahnsinnig zu werden und/oder in einer Bilderflut zu ersticken, erläutert Eberhard in seinem Text ab Seite 10. So empfiehlt er zum Beispiel:

  • manche der Kritzeleien in einem Bilderrahmen aufzuhängen,
  • Zeichenmaterialien für Kinder so aufzubewahren, dass diese sie jederzeit erreichen können,
  • Kinder zu fragen, womit sie am liebsten Zeichnen, statt sie mit der Frage zu quälen, was genau sie da gezeichnet haben.

Fazit

Wir wissen nun, was sinnunterlegtes Kritzeln ist und wissen, dass Werke aus dieser Phase für Außenstehende häufig tatsächlich nur nach Kritzeleien aussehen.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich gehöre zu den Erwachsenen, die irgendwann gelernt haben, dass sie nicht Zeichnen können. Erst im Alter von 36 Jahren habe ich mich wieder an das Thema herangetraut und genieße es seitdem unglaublich zu zeichnen, auch wenn mir viel zu oft die Zeit dafür fehlt. Da ich analog in Notizbüchern zeichne, kann ich sehen, wie sich meine Fertigkeiten in den letzten 4 Jahren weiterentwickelt haben, schlichtweg weil ich mich getraut habe, wieder zum Stift zu greifen, damit mein Blog nicht ganz bildfrei dasteht.

Ich habe keine Ahnung, wann ich die Freude am Zeichnen verloren habe, oder ob ich als Kind je Freude am Zeichnen hatte (in meiner Erinnerung habe ich mich mit Büchern und Spiele spielen beschäftigt). Was ich dagegen sagen kann, ist, dass ich heute besser zeichnen könnte, wenn ich in den letzten 30 Jahren häufiger gezeichnet hätte. Daher bin ich froh, dass sich die Pädagogik-Forschung mit Themen wie dem sinnunterlegten Kritzeln auseinandersetzt und so Eltern und Erziehern die Möglichkeit gibt, die Zeichnenambitionen von kleinen Kindern zu fördern.

An dieser Stelle bin ich neugierig. Wie sind Deine Zeichnenerfahrungen. Hast Du als Kind gern gezeichnet und irgendwann aufgehört? Und wenn ja, kannst Du Dich daran erinnern warum Du aufgehört hast?

Buchcover zum Beitrag

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Datum & Autor

8. Dezember 2023
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