5,1 min readPublished On: 10. Februar 2022By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Bringen Integrationsprogramme vom Staat etwas?

Schöne Idee.

Hand aufs Herz: Aufgrund meiner Schulzeit hatte ich das Gefühl, dass Integrationsprogramme gut gemeint sind, aber irgendwie im Sand verlaufen. Mitte der neunziger Jahre besuchte ich aufgrund meiner Sturheit nicht etwa ein Gymnasium mit Mitschülern aus gutem Haus, sondern eine Gesamtschule, in der Schüler, die Deutsch als Muttersprache hatten, eher zur Minderheit gehörten.

Mit den Gymnasialschülern aus dem gut bürgerlichen Bezirk Zehlendorf, die sich über das Geld ihrer Eltern, ihre Polo-Ralph-Lauren-Klamotten und ihr Aussehen definierten, konnte ich nie etwas anfangen. Ich fühlte mich auf meiner multi-kulti-Gesamtschule wohl. In meiner Wahrnehmung waren hier die Menschen, die Berlin ausmachten. Vor allem Türkisch, Kroatisch und Polnisch waren die Sprachen, die ich in den Schulpausen hörte.

Schule als Integrationsprogramm

Ursprünglich hatte ich diese Schule gewählt, weil hier Russisch gelehrt wurde. Doch genau in dem Jahr, in dem ich dort mein erstes Jahr hatte, wurde dieser Sprachunterricht gestrichen. Und so saß ich mit Französisch als Zweitsprache da. Da ich mich damals mehr mit Büchern als mit Menschen beschäftigte, lernte ich auch keine der Sprachen, die mir auf dem Schulhof begegneten.

Warum bin ich immer das Opfer?

Doch ich lernte die Kultur des Schulhofes, die dafür sorgte, dass ich in meiner Schulzeit und danach nie ein blaues Auge oder schlimmeres kassierte. Die Sprache dieser Kultur bestand aus weniger als 30 Worten (zum Großteil Flüche und Beleidigungen in Türkisch und Polnisch). Und sie bestand aus einer Körpersprache, in der ich lernte, mich auszudrücken, um zu zeigen, dass ich kein leichtes „Opfer“ war.

Im Grunde genommen integrierten mich meine Mitschüler. Aus der sozial isolierten Bücher liebenden Grundschülerin wurde zwischenzeitlich ein Baggy tragender Hip-Hop-Fan.  Ich lernte, dass ich mit Mitschülern, die nicht völlig versnobt waren, durchaus Spaß haben konnte. Für diese Erfahrungen bin ich bis heute unglaublich dankbar.

Damals gewann ich den Eindruck, dass Integration in Berlin nur über Generationen stattfinden könnte. Viele meiner Mitschüler sprachen im Unterricht Deutsch, zu Hause die Sprache ihrer Eltern oder zu Hause auch beide Sprachen. Oft waren es meine Mitschüler, die das taten, was staatliche Integrationsprogramme in meinen Augen hätten leisten sollen. Sie füllten Behördenanträge für Ihre Eltern aus und schlüpften in die Rolle des Simultanübersetzers, damit Gespräche, Elternabende und andere Veranstaltungen stattfinden konnten.

Vom Kinderheim in Wedding auf die Bretter, die die Welt bedeuten

Zu meiner großen Freude habe ich jetzt durch das Buch von

DJ Tomekk: Ich lebe für Hip Hop. Die Autobiographie

Solche Programme haben meine kühnsten Träume wahr werden lassen.

gelernt, dass Integrationsprogramme des Staates doch nicht gänzlich im Sande verlaufen. Manchmal sorgen sie sogar dafür, dass ein Junge mit Migrationshintergrund aus dem Wedding weltberühmt wird. Diese Geschichte mag die Ausnahme und nicht die Regel sein, doch weil sie mich berührt, mir Hoffnung geschenkt und meine Wahrnehmung von Integrationsprogrammen verändert hat, möchte ich sie heute mit Dir teilen.

Der Held unserer Geschichte heißt Tomasz Kuklicz. Tomasz erblickt 1975 in Polen das Licht der Welt. Im Alter von 10 lernt er hier einen DJ kennen und weiß sofort, dass er unbedingt DJ werden möchte. Doch genau in diesem Jahr macht ihm das Leben einen dicken Strich durch die Rechnung, weil sein Vater beschließt, nach West-Berlin zu gehen und Tomasz dorthin mitnimmt.

Von nun an läuft vieles nicht ideal. Sechs Jahre später lebt Tomasz im „Kinderheim Frohsinn“ im Wedding. Doch Tomasz ist ein Kämpfer. Trotz aller Umstände hält er an seinem Traum fest, DJ zu werden und versucht, ihn mit allen Mitteln wahr werden zu lassen.

Im Wedding spricht man nicht nur deutsch…

Sprayen ist Kunst.

…so lautet der Titel eines Wettbewerbes, der von der Berliner Senatsbeauftragten für Migration und Ausländerangelegenheiten, Barbara John, damals veranstaltet wird. Tomasz, der inzwischen viel Gelegenheit hatte, seine Sprayerkenntnisse aufzubauen, nimmt an diesem Wettbewerb teil und gewinnt. Als Gewinner darf er Barbara Johns Büro im Senat mit seinem sprayerischen Können verschönern.

Für beide ist dieser Wettbewerb eine Win-Win Situation. Barbara John weiß natürlich, dass der Bezirk Wedding ein massives Integrationsproblem hat. Großartig ist nun, dass Tomasz ihr beweist, dass dieses „Integrationsproblem“ aus Menschen besteht, die Probleme mit der deutschen Kultur und Sprache haben mögen, doch den Bezirk Wedding und Berlin insgesamt künstlerisch bereichern. Und für Tomasz ist der Wettbewerb der erste Schritt, um mit seinem künstlerischen Schaffen Leute kennen zu lernen.

Diese Leute aus „der geregelten Welt der Glücklichen“ (S. 73.) öffneten Tomasz von nun an immer wieder wichtige Türen. Tomasz durchschreitet diese Türen. Er arbeitet hart. Er beginnt seine Takes zu verkaufen. Er nutzt das Geld, um sich Technik für einen DJ zu kaufen. Er beginnt Platten aufzulegen, und irgendwann ist er der DJ Tomekk

  • der 1993 meinen Lieblingsradiosender Kiss FM ins Leben ruft,
  • der mit amerikanischen Hip-Hop-Größen wie LL Cool J, RUN-DMC und Ice-T auf der Bühne steht und
  • zu dessen Beats ich in meinem Lieblingsclub in Berlin tanze.

Fazit

Ja, im Falle von DJ Tomekk haben Integrationsprogramme etwas gebracht. Möglicherweise ist der unspektakulär klingende Wettbewerb mit dem Namen „Im Wedding spricht man nicht nur deutsch“ dafür verantwortlich, dass

  • Tomasz´ Traum, ein erfolgreicher DJ zu werden, in Erfüllung ging,
  • Hip-Hop und nicht Techno die Musik meiner Jugend wurde,
  • Berlin eine eigene Hip-Hop-Szene bekam.

Wahrscheinlich gibt es unzählige staatliche Programme, die im Sande verlaufen, und natürlich kann nicht jedes staatliche Programm einen DJ Tomekk hervorbringen. Doch zwischen all den Dingen, die nicht funktionieren, sind auch immer wieder Dinge, die funktionieren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Geschichten dieser funktionierenden Dinge viel verändern können, weil sie Menschen inspirieren und Hoffnung schenken können. Es ist an uns, diese Geschichten zu erzählen.