6 min readPublished On: 13. Januar 2022By Categories: Bücher, Wissen

Harmodios & Aristogeiton – Die homosexuellen Helden der Demokratie

Bis jetzt konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Sachbuch als Comic, ähm, ich meine natürlich als „Graphic Novel“, auch nur im Ansatz funktionieren kann. Nachdem ich nun die Graphic Novel

Das kann nichts werden, oder?

Yuval Noah Harari: Sapiens. DIE FALLE

gelesen habe, sind diese Zweifel aus der Welt. Tatsächlich habe ich nun eher das Gefühl, dass wir mehr Sachbücher in Form einer Graphic Novel brauchen. Diesem Buch ist es gelungen, mich zu motivieren, über Themen wie Rassismus oder Homosexualität zu schreiben. Ich habe es bisher vermieden, mich zu diesen Themen zu äußern, weil ich das Gefühl hatte, dass ich als Unbeteiligte einfach viel zu wenig Ahnung habe, um darüber zu schreiben.

Wie Athen zur Demokratie wurde

Keine Angst, wir gehen jetzt nicht die Geschichte der vergangenen Jahrtausende durch, das würde in der Tat den Rahmen dieses Blogs sprengen. Tatsächlich schauen wir uns nur einen kleinen Aspekt an, der mir bis heute nicht bekannt war. In unserer Graphic Novel bin ich über folgenden Monolog zur Athener Demokratie gestolpert:

„So soll die Liebesaffäre zwischen diesen beiden jungen Männern, Harmodios und Aristogeiton dazu beigetragen haben, die Demokratie in Athen einzuführen. Sie lebten zu einer Zeit, als Athen von einem Tyrannen regiert wurde. Harmodios beschloss, den Tyrannen zu töten und Aristogeiton half seinem Geliebten dabei, diesen gewagten Plan umzusetzen. Beide kamen dabei ums Leben, konnten aber den Tyrannen töten, was Athen half, zu einer Demokratie zu werden. Die Athener errichteten auf einem der zentralen Plätze eine Statue der beiden Liebenden. Jahrhundertelang wurden sie als Helden verehrt.“ Yuval Noah Harari, S. 217.

Was das Lexikon sagt

Wir sind nur Freunde. Gnihihi.

Naiv wie ich nun einmal bin, griff ich zu meinem 2005 erschienenen Lexikon, um mehr über die Geschichte der Beiden zu erfahren und bin auf folgenden Beitrag gestoßen:

„Harmodios und Aristogeiton zwei durch Freundschaft verbundene athen. Freiheitshelden, erdolchten 514 v.Chr. Hipparch, den Sohn des Tyrannen Peistratos; sie wurden hingerichtet.“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 6, S. 250.

Dieser Lexikon-Beitrag schenkt uns ein Jahr und den Namen des Tyrannen. Im Gegensatz zur Graphic Novel bezeichnet es die beiden Hauptdarsteller unserer heutigen Geschichte als Freunde, nicht als Liebespaar. Es ist also an der Zeit, dass allwissende Internet um mehr Input zu bitten.

Was das Internet sagt

Schauen wir doch mal was Facebook sagt.

Wenn die beiden heute noch leben würden und einen Facebook Account hätten, könnten wir anhand ihres dort hinterlegten Beziehungsstatus´ möglicherweise herausfinden, ob sie Geliebte oder Freunde sind. Da die beiden nicht mehr leben haben wir diese Möglichkeit nicht.

Also habe ich die ersten Treffer in der Suchmaschine genommen und sie den entsprechenden Überschriften zugeordnet, um eine Antwort auf unsere Frage zu finden:

Geliebter / Geliebte

Freund / Freunde

Keine Information

Nachdem ich alle Texte überflogen habe, schließe ich mich der Einschätzung unseres Autors an. Die Beiden waren ein Liebespaar. Als Beleg für diese Einschätzung nehme ich dieses Zitat aus einer Überlieferung

„Gefahrlos durchbohrt vom gesandten Geschoss
Ward Aristogeiton, der Bürgerschaft Spross,
Um auf ähnliche Wunde im Liebsten zu hoffen,
So war jener Harmodios gleichfalls getroffen.“

https://www.fanfiktion.de/s/4f7058790000ec130c901b58/1/Harmodios-und-Aristogeiton

Fazit

Die richtigen Geschichten bringen uns schneller zum Ziel.

In meinen Augen ist es wichtig, dass wir diese Geschichte von Harmodios & Aristogeiton als Liebesgeschichte weitererzählen. Denn schließlich sind es Geschichten, die unser Weltbild prägen. Wenn wir unseren Kindern Horrormärchen vom Schwarzen Mann erzählen, legen wir die Saat des Rassismus in einen kindlichen Kopf. Wenn wir unseren Kindern die Geschichte von Harmodios und Aristogeiton als Freunde erzählen, säen wir Wissen. Wenn wir unseren Kindern die Geschichte von Harmodios und Aristogeiton als Liebesgeschichte erzählen, säen wir Wissen und Toleranz. Diese Saat der Toleranz ist in meiner Wahrnehmung unglaublich wichtig, wie die nun folgende kleine Anekdote aus meinem Leben zeigt.

Vor ein paar Jahren ging ich mit einem Bekannten spazieren. Dabei sprachen wir auch darüber, wie empört er war, als seine Chefin ihm zu seiner Hochzeit gratulierte und im gleichen Atemzug fragte, ob er oder sein Partner die weibliche Rolle in der Beziehung einnehmen würden. In diesem Moment lernte ich, dass diese Frage für ihn absurd war. Ich war überrascht, weil ich mich gut daran erinnern kann, dass diese Frage lange Zeit auch meine erste gedankliche Frage war, wenn ich ein homosexuelles Paar traf.

In diesem Moment schaute ich ihn an und versuchte ihm deutlich zu machen, dass er in meinen Augen ein Pionier in diesem Bereich war und es daher meiner Meinung nach auch zu seinen Aufgaben gehörte, in diesem Bereich dumme Menschen wie mich und seine Chefin aufzuklären. Die Ehe für alle ist erst seit dem 01.10.2017 in Deutschland möglich. Mein Bekannter hatte seinen Partner lange vor dieser Zeit geheiratet, vor dem Gesetzgeber waren die zwei allerdings lediglich eine eingetragene Lebenspartnerschaft, die auch erst seit 2001 zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern möglich war. Die Ehe für alle ist einer der vielen wichtigen Schritte, die wir in diesem Land gegangen sind, um die rechtlichen Rahmenbedingungen an das reale Leben anzupassen. Wir haben noch einen weiten Weg und viele Schritte vor uns und ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird diese zu nehmen.

Ohne Make-Up würde ich nie aus dem Haus gehen.

Bevor es das Internet gab, war der einfachste Weg, etwas über Themen wie Homosexualität zu lernen, homosexuelle Paare nach alle möglichen Dinge zu fragen. Wenn ich mich recht erinnere, quälte auch ich (ohne es zu wissen) einige meiner Bekannten mit solchen Fragen. Ich kam mir damals unglaublich aufgeschlossen vor. Ich fand dieses Thema einfach spannend und mochte diese super bunte Szene in Berlin, die viel interessanter war als die coolen harten Hetero-Kerle und aufgedonnerten Hetero-Tussen, mit denen ich die Schulbank drückte.

Bis jetzt dachte ich, dass ich unglaublich froh sein kann, dass ich zu einer Zeit in diesem Land lebe, in dem es in großen Schritten immer toleranter zugeht. Bis 1794 gab es ein Gesetz, nach dem Homosexualität mit dem Tode bestraft wurde. Die Gesetzgebung in unserem Land hat in den letzten 250 Jahren in diesem Bereich also durchaus Fortschritte gemacht und ich bin sehr gespannt, welche Meilensteine wir in den nächsten Jahren in diesem Bereich noch erreichen werden.