9,3 min readPublished On: 17. Januar 2023By Tags: Categories: Experteninterviews

Kannst Du professioneller Redner werden, obwohl Du Redeangst hast?

Redest Du gern öffentlich?

Eine Rede vor anderen zu halten ist für nicht wenige Menschen eine gruselige Vorstellung. Stell Dir vor Du musst in 4 Wochen auf eine Bühne und vor 200 Leuten eine Rede halten. Wie fühlst Du Dich dabei?

  1. Großartig, das ist eine tolle Gelegenheit und wird gigantisch.
  2. Wird schon irgendwie werden.
  3. Puh, ich habe jetzt schon Lampenfieber.
  4. Komme was wolle, ich geh auf gar keinen Fall auf eine solch Bühne. Davor habe ich zu viel Angst.

Unsere heutige Interviewpartnerin Petra Ronzani von der Detektei Ronzani

Vor einigen Jahren hätte Petra unsere Frage noch mit d) beantwortet. Sie selbst sagt

„Vor wenigen Jahren wäre ich lieber gestorben als vor Menschen zu präsentieren und heute stehe ich mit dem Mikro in der Hand auf einer großen Bühne und genieße es vor 50 Leuten und mehr zu sprechen.“

Ja, richtig gelesen. Heute ist Petra eine professionelle Rednerin, die von Ihren Kunden gebucht wird, um Reden und Moderationen vor einem fremden Publikum zu halten.

Heute erfahren wir von Petra, wie sie es geschafft hat ihrer Redeangst zu überwinden und professionelle Rednerin zu werden.

Wann warst Du das erste Mal beim Berliner Rhetoriksalon?

Das könnte Anfang 2019 gewesen sein.

Warum bist Du dahin gegangen?

In das Projekt Redner werden ging viel Zeit und Geld.

Ich wollte einfach diesen gefühlten „Feind“ bezwingen, diese schreckliche unnötige Redeangst, die so uneingeladen an meiner Seite lebte…. Meine Entschlossenheit machte sich lange Zeit dadurch bemerkbar, dass ich viel Geld und Zeit in Seminare und Kurse zum Thema Reden und Lampenfieber stecke. Ich gönnte mir eine Rhetoriktrainerin und machte Atemseminare. Kurz, ich machte alles, was mir möglich war, um besser zu werden.

Doch es war wie verhext. Ich lernte viel, aber meine Angst zeigte sich nicht beeindruckt. Sie blieb und wollte keinen Millimeter zur Seite rücken.  Irgendwann akzeptierte ich, was einem jede® sagt: üben hilft. Der berühmte Sprung ins kalte WasserAll das Wissen nutzte nichts, wenn ich es nicht auch umsetzte.

Um zu Üben ging ich zu einer Veranstaltung auf der sich Menschen trafen, um gemeinsam zu üben. Doch das was ich da erlebte, war nicht was ich brauchte. Die anderen schienen keine Redeangst zu haben. Sie waren in meiner Wahrnehmung professionelle Redner. Hier unter „ExpertInnen“ fühlte ich mich nicht wohl. Kaltes Wasser ist schlimm genug, aber da sah ich Eiswürfel schwimmen. Diese Rhetorik-Veranstltung war also ähnlich hilfreich, wie alles was ich zuvor versucht hatte.

Obwohl diese Veranstaltung für mich ein Reinfall war, gab ich nicht auf. Ich machte mich auf die Suche nach einer Übungsmöglichkeit, die besser zu mir passte. Wo Menschen waren, denen es so ging wie mir. So stieß ich auf den Berliner Rhetoriksalon. Teilnehmenden waren so unglaublich heterogen! Alles dabei vom blutigen Anfängern mit tief sitzender Angst bis zur Rampensau, die nichts lieber tut als vor Publikum zu präsentieren und eigentlich nur noch die Atempausen optimieren möchte… Ich fühlte mich vom ersten Abend an wohl!

Sorgten nur die Teilnehmer dafür, dass Du Dich bei der Veranstaltung wohl gefühlt hast?

Das Team hat eine Atmosphäre erschaffen, in der ich mich sehr wohl fühlte.

Nein. Das Moderatorenteam und natürlich Schorsch gestalteten die Atmosphäre und sorgten dafür, dass sich jede(r) willkommen und vor allem auch sicher fühlte.  Schorsch ist der Initiator des Redner Salons. Er hat es mit seiner Art geschafft über die Jahre völlig ehrenamtlich einen Salon aufrechtzuerhalten, in dem Menschen gerne über ihre Grenzen gehen und miteinander lernen. Wenn ich Schorschs Art in Worte fassen müsste, würde ich sagen: Positiv, entschieden, motivierend und wertschätzend

Schildere Deinen ersten Besuch im Redner Salon

Der Salon hat mir schon bei meinem ersten Besuch das Gefühl gegeben, dass ich etwas erreicht habe. Denn dank der Stegreifreden stand ich schon bei meinem ersten Besuch ein paar Sekunden auf der Bühne. Was ich da damals hingelegt habe, war kein Meisterwerk. Doch die Tatsache, dass ich mich überhaupt getraut habe, war ein erster wichtiger Schritt für mich.

Und wie ging es weiter?

Nun, ich ging immer wieder zu den Veranstaltungen. So bekam ich die regelmäßige Übung, die ich brauchte. Auch das Team merkte, dass es mir ernst war und dass ich immer besser wurde. Eines schönen Tages fragte mich Schorsch, ob ich nicht Lust hätte das Organisationsteam des Salons zu unterstützen und Teil zu werden.

Natürlich sagte ich ja. Den zum einen war mir klar, , dass diese neue Rolle meine Selbstverpflichtung erhöhen würde bei der Sache zu bleiben, zum anderen mochte ich die anderen im Team UND ich wollte auch wirklich gerne etwas zurückgeben. Der Berliner Rhetoriksalon hatte zu diesem Zeitpunkt nicht nur mich in eine andere Liga katapultiert. Ich konnte immer wieder sehen, wie viele andere in diesem geschützten Raum an Souveränität gewannen und über sich hinaus wuchsen.

Wie läuft so ein Abend ab?

Hier noch mal die Feedbackregeln für alle.

Normalerweise gibt es 2-3 ca. 10 minütige Vorträge oder Reden, dann eine Pause und im zweiten Teil des Abends 2-3 minütige Stegreifreden, bei denen jeder soll aber niemand muss. Auf jede der Reden, vorbereitet oder unvorbereitet, folgt Feedback. Das nehmen wir sehr ernst und die Gastgeberin des Abends erklärt eingangs jedesmal auf Neue wie gutes Feedback gegeben wird. Jeder Salonabend sucht demnach Besetzungen für die Rolle der/des Gastgebenden, der Stegreifmoderation und die Rede-Positionen werden vergeben. Darüberhinaus sorgen wir über die Stegreifenreden und die vielen Feedbackrunden dafür, dass jede/jeder Teilnehmende zu Wort kommt.

Alternativ zu diesem klassischen Ablauf ist es aber nach Rücksprache mit dem Organisationsteam auch möglich, interaktive Formate mit uns zu testen. Wir sind ein geschützter Übungsraum und stellen uns als kritisches Publikum zur Verfügung.

Was ist eine Steggreifrede?

Ein ziemlich altmodisches Wort oder? Ich habe es außerhalb des Rhetoriksalon glaube ich noch nie gehört haha. Es bedeutet, dass du zu einem dir unbekannten Thema eine 2-3 minütige wirkungsvolle Rede hältst. Ohne inhaltliche Vorbereitung. Es gibt verschiedenen Redestrukturen, die dir in solchen Situation helfen Schritt für Schritt, also Satz für Satz vorzugehen..

Auch wenn die Reden maximal 3 Minuten dauern, lernen die Teilnehmer dabei eine Menge:

  • Sie lernen sich Zeit zu nehmen und nicht direkt ins Mikro zu beißen.
  • Sie bekommen ein Gefühl dafür, dass die Zeit, die für Sie auf der Bühne nicht vergeht vom Publikum kaum als Pause wahrgenommen wird.
  • Sie lernen das anschließend von den Zuhörern gegebene Feedback zu nutzen, um besser zu werden.
  • Sie spüren Nervosität und lernen damit umzugehen

Wie gibt man gutes Feedback, aus dem die Redenden etwas lernen?

Warte, dass notiere ich mir, das ist wichtig fürs Feedback.

Während der Rede macht sich das Publikum Notizen zu Inhalt, Ausdruck, Körpersprache, Sprechgeschwindigkeit etc. Alles was der RednerIn hinterher helfen könnte. Es soll als konstruktive Ich-Botschaften formuliert werden, wertschätzend und konstruktiv. Wer möchte gibt es face-to-face und die/der Feedbacknehmende nimmt das Feedback wie ein Geschenk an und bedankt sich ohne Rechtfertigung und ohne Erklärung. Darüber hinaus notieren alle im Publikum ihre Beobachtungen auf großen Post-it’s, damit es mitnehmen kann. Schriftliches Feedback auf Post-it’s bekommen übrigens nicht nur die, die vorbereitete Vorträge gehalten haben sondern auch die Gastgebende(r) und die/der StegreifmoderatorIn.

Was sind gute Redenstrukturen, kannst Du ein oder zwei Beispiele nennen?

Oh, da gibt es viele . Um dein Format hier nicht zu sprengen hier vielleicht zwei: Gestern, Heute, Morgen und Pro, Contra, Fazit. Fast jedes Redethema lässt sich so in eine Redestruktur von 3 Minuten bringen. Das „Portionieren“ machte es unserem Gehirn etwas leichter ohne Vorbereitung Schritt für Schritt vorzugehen und sozusagen während des Sprechens mit erhöhtem Adrenalin zu Denken…

Petra, heute bist Du professionelle Rednerin. Ist es nicht Zeit für Dich den Salon zu verlassen?

ProfessionelleRednerin? Das klingt immer noch ziemlich fremd für mich. Aber ja, ich stehe inzwischen auf Bühnen und werde dafür bezahlt juhu.

Aber zurück zu Deiner Frage: Nein, ist es nicht. Nur weil ich “Angst vor“ gegen „Lust auf“ getauscht habe, heißt es ja nicht, dass ich keine Übung mehr brauche, oder mich nicht mehr verbessern könnte. Auch nach all den Jahren merke ich, dass ich mich immer noch weiterentwickle. Oder dass ich nach einer längeren Pause wieder warm werden muss! Was aber noch viel schöner ist, ist die Entwicklungen der anderen mitzuerleben. In diese Stadt ziehen ja täglich neue Mensche aus den unterschiedlichsten Ländern, die plötzlich in einer fremden Sprache zurecht kommen müssen. Ein türkischer Philosophieprofessor fand das Lehren auf deutsch und englisch wahnsinnig einschüchternd und hatte plötzlich Angst vor seinen Vorlesungen. Bei uns konnte er im sicheren Raum üben. Oder eine arbeitssuchende Geflüchtete hatte viel Zeit und kein Geld – blöde Kombi bis sie von uns erfahren hat! Ich könnte dir noch viele schöne Beispiele nennen, wegen denen ich den Salon nicht so schnell verlassen werde…. Wir bezeichnen des Berliner Rhetoriksalon in unserem Mission Statement als „ehrenamtlich organisiertes Bildungsprojekt“ und sind schon auch bisschen stolz auf was wir da jeden zweiten Dienstagabend kostenfrei anbieten…

Was ist seit deinem ersten Besuch im Rednersalon alles passiert?

Seitdem ist echt viel passiert.

Oh viel! Ich habe Konferenzen moderiert, auf Tagungen präsentiert, Workshops gehalten etc etc  Ich habe ein gesünderes Selbstbewusstsein entwickelt, dass mir neben der Redebasierten Engagements viel mehr Möglichkeiten eröffnet hat… aber wenn ich jetzt weitersprudele wird das Interview sicher zu lang…

Wow, das ist beeindruckend. Was meinst Du wie hätte Dein ich vor dem ersten Besuch, reagiert, wenn Du ihm erzählt hättest, was Du heute machst?

Unter der Voraussetzung, dass ich mir geglaubt hätte Ich wäre begeistert gewesen. Für mich war der Rhetoriksalon der entscheidende Schubs, um eine persönliche Transformation ins Rollen zu bringen. Der Berliner Rhetoriksalon hatte die richtige Wassertemperatur. Damit fing unser Gespräch doch an, oder? Eiswürfel sind einfach nichts für mich, ich mag das Wasser gerne mittelkalt… Meine Redeangst ist jetzt zum Lampenfieber geworden und sorgt dafür, dass ich mich akribisch auf jeden Vortrag oder ähnliches vorbereite. Ich habe gelernt das Adrenalin positiv zu konnotieren und verdanke ihm die Wachheit, die eine gute Rede braucht. Und die supergute Laune, die mich nach jedem Auftritt überkommt!

Ich bin natürlich der festen Überzeugung, dass ich keine Ausnahme bin. Jede TeilnehmerIn des Rhetoriksalons kann das schaffen, was ich geschafft habe. Ich lade alle Leser dieses Interview ein, vorbeizukommen und freue mich darauf viele neue großartige Redner kennenzulernen und – Achtung monstercheesy – „gemeinsam zu wachsen“.

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