Ob Du behindert bist, will ich wissen
Seit knapp einem Jahr beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema Inklusion, die die Lebenshilfe wie folgt definiert:

„Inklusion bedeutet, dass alle Menschen von Anfang an gleichberechtigt dazugehören: überall und zu jeder Zeit.“
Als ich damit begann, dachte ich, dass es nicht allzu schwer ist, das Thema zu greifen.
Weit gefehlt. Das Thema Inklusion ist unfassbar schwer zu greifen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Es gibt
- unzählige Gesetze
- unzählige Akteure
- unterschiedliche Regelung je Bundesland und
- zahlreiche Alltags-Barrieren
Wer ist eigentlich behindert?
Und dann gibt es da noch eine Sache, die ich erst jetzt zu begreifen beginne: Menschen wollen nicht behindert sein. Wie zur Hölle konnte ich das bis jetzt übersehen?
Ohne Brille bin ich behindert, oder?
Ich zum Beispiel. Ich brauche mir nichts vorzumachen, ohne Brille bin ich so gut wie blind. Ich hatte einmal, als ich nicht zu Hause übernachtet habe, keine Brille dabei und meine Kontaktlinsen hatten den Geist aufgegeben. Ich erinnere mich, wie ich vor einem U-Bahnhof stand. Ich konnte den Namen der Station nicht erkennen, obwohl ich direkt davorstand.

Dennoch bin ich selbst in dieser Situation nicht auf die Idee gekommen, mich als behindert zu definieren. Das Problem, das ich hatte, war ja nur vorrübergehend. Mein damaliges Gefühl deckt sich mit der Definition von Behinderung des Sozialgesetzbuches IX §2 Absatz 1 und 2, die da lautet:
„(1) Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können. Eine Beeinträchtigung nach Satz 1 liegt vor, wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht. Menschen sind von Behinderung bedroht, wenn eine Beeinträchtigung nach Satz 1 zu erwarten ist.
(2) Menschen sind im Sinne des Teils 3 schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung auf einem Arbeitsplatz im Sinne des § 156 rechtmäßig im Geltungsbereich dieses Gesetzbuches haben.“
An dem Tag, an dem ich ohne Sehhilfe durch die Straßen Berlins irrte, war ich nicht behindert, denn der Zustand dauerte weniger als 6 Monate an.
Meine mangelnden sozialen Skills sind doch eine Behinderung, oder?
Ich habe möglicherweise eine Behinderung, die ich lange Zeit nicht erkannt habe. Denn die Sache ist folgendermaßen: Es gibt zahlreiche Situationen, in denen ich mit Menschen nicht zurechtkomme. So meide ich zum Beispiel Familienfeier wie die Pest, weil sie mich völlig überfordern.

Seitdem ich mich mit dem Thema Inklusion beschäftige, wurde ich mehrmals gefragt, ob ich mich auf Autismus habe testen lassen. Die Antwort lautet: Nein, habe ich nicht, denn ich bin noch nie auf die Idee gekommen, dass Autismus die Ursache für meine Schwierigkeiten bei der Interaktion mit Menschen sein könnte. Auch jetzt, wo der Verdacht besteht, lasse ich mich übrigens nicht testen. Zum einen, weil die Wartezeit für die Diagnose derzeit bei über 2 Jahren liegt, zum anderen, weil ich mir in den letzten Jahrzehnten ein Umfeld gebaut habe, dass mich nicht mit Situationen konfrontiert, die für mich schwierig sein könnten.
In meiner Kindheit, in der andere mir ihre Regeln aufgedrückt haben, habe ich schwer unter dem Thema gelitten. Ich habe lange Zeit nicht dazugehört und habe nicht verstanden, was ich falsch mache. Als Erwachsene ist das Thema für mich ganz entspannt. Ich konzentriere mich einfach auf die Bereiche, in denen ich Stärken habe. 1 zu 1 Gespräche zum Beispiel.
Aber mein Gegenüber ist doch behindert, oder?
Als Antwort auf diese Frage möchte ich zwei Beispiele anführen, die mir in dem Buch von
Heinz Abels: Identität
begegnet sind.
„Die latente Bereitschaft, sich an die Standards der Normalität anzupassen, kommt auch bei einem anderen Stigmamanagement zum Ausdruck, die Goffman als Verbergen oder kaschieren bezeichnet. […] Ein Beispiel für Kaschierung durch Verhalten ist der Mann, der sich bei Vorträgen immer in die zweite Reihe und in direktem Blickkontakt zum Redner setzt und nach jahrelangem Theaterbesuch plötzlich nur noch in die Oper geht und das alles, um sich (und den anderen natürlich auch!) nicht einzugestehen, dass er schwerhörig ist und eigentlich ein Hörgerät braucht. [Beispiele für den Versuch soziale Etiketten zu korrigieren sind] der Hinkende, der sich in die zweite Mannschaft des Tennisclubs spielt, oder die Rollstuhlfahrerin, die es ablehnt, dass man ihr die Tür aufhält.“ S. 358.
Aber wer ist denn nun behindert? Schwerbehinderung & Grad der Behinderung

Wir haben vorhin erfahren, dass Menschen in Deutschland als (schwer-)behindert gelten, wenn sie einen Grad der Behinderung von mindestens 50 nachweisen können.
Wie genau wird der Grad der Behinderung ermittelt?
Ich beschäftige mich erst knapp ein Jahr mit dem Thema Inklusion. Bitte erwarte von mir nicht, dass ich Dir diese Frage jetzt schon beantworten kann. Ich kann Dir aber verraten, dass die 143 Seiten starke Versorgungsmedizin-Verordnung – VersMedV – Versorgungsmedizinische Grundsätze zwischen den Seiten 31 uns 113 eine Tabelle enthält, die Dir unter anderem verrät, welchen Grad der Behinderung es für Dinge wie Gesichtsentstellungen, tibialis usw. gibt.
Meine Empfehlung an Dich: Schnappe Dir doch mal die Tabelle und ermittle, wo Dein Grad der Behinderung liegt. Plane für diese Aufgabe bitte etwas Zeit ein, denn die Tabelle enthält eine Menge medizinischer Fachbegriffe, die Du wahrscheinlich erst einmal nachschlagen musst. Berichte mir danach gern, wie lange Du für die Aufgabe gebraucht hast und wie einfach das Ganze war.
Dank meiner heutigen Recherche habe ich die Tabelle nun auch immer zur Hand. Sollte ich also jemals lange Weile haben, werde ich mich der Aufgabe auch stellen. Mein erster Anlauf, mir das Thema Autismus in der Tabelle auf Seite 38 anzuschauen, ist schon im ersten Satz gescheitert. Mir fehlt gerade die Zeit zu recherchieren was „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ bedeutet.
Fazit
Die Frage, die am Anfang dieses Beitrages steht, gehört auf den Müll. Es ist an mir, für mich zu entscheiden, ob ich behindert bin, und es ist an Dir, für Dich zu entscheiden, ob Du behindert bist. Es ist weder an Dir noch an mir, das für einen anderen Menschen zu entscheiden, oder ihn danach zu fragen. Menschen sind nicht ihre Behinderung. Menschen wollen nicht ständig auf ihr Cochlea-Implantat oder ihren Rollstuhl angesprochen werden. Das nervt. Stell Dir vor, jeder würde Dich auf Deine Frisur ansprechen. Das mag die ersten paar Mal okay sein, aber irgendwann wird es anstrengend.
Es ist nicht unsere Aufgabe, anderen Stempel aufzudrücken. Unsere Aufgabe ist es, eine barrierearme Welt zu erschaffen. Unsere Aufgabe ist es mitzudenken. Unsere Aufgabe ist es, uns bewusst zu machen, dass wir zu jenen gehören, die Barrieren erschaffen. Unsere Aufgabe ist es, Informationen zur Verfügung zu stellen, die Menschen Teilhabe ermöglichen. Und und und.
Ich hämmere mir gerade in meinen Schädel, dass ich aufhöre, Menschen ein Label aufzuhelfen, dass sie sich selbst nicht geben. Dennoch erwische ich mich immer wieder dabei, sagen zu wollen „Du weißt doch sicher aus eigener Erfahrung wie wichtig Inklusion ist.“ An dieser Stelle muss ich wirklich noch an mir arbeiten, und ich hoffe, dass dieser Reflex irgendwann genauso verschwindet, wie mein Reflex, Menschen, die sich nicht als hetero definieren, mit Fragen zu bombardieren.
Lesedauer & Kategorie
Schnellnavigation
- Wer ist eigentlich behindert?
- Ohne Brille bin ich behindert, oder?
- Meine mangelnden sozialen Skills sind doch eine Behinderung, oder?
- Aber mein Gegenüber ist doch behindert, oder?
- Aber wer ist denn nun behindert? Schwerbehinderung & Grad der Behinderung
- Wie genau wird der Grad der Behinderung ermittelt?
- Fazit
Buchcover zum Beitrag

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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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