Signature Moments – oder die Frage, wie werde ich eine geniale Führungskraft?

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Ich kannte die Antwort auf diese Frage vor diesem Interview nicht und freue mich unglaublich darauf nicht nur das Wissen zu teilen, was Signature Moments sind, sondern auch wie Du die nutzen kannst um eine richtig gute Führungskraft zu werden. Doch da zu einer guten Führungskraft immer auch Angestellte gehören beginnt dieses Interview mit einer kleinen Angestellten-Geschichte.

Die Geschichte einer Angestellten mit zu hohen Erwartungen

Kein Vorbild

Es gibt Geschichten, die glaubt man nicht weil sie so absurd sind. Und jene, die sie erlebt haben, erzählen sie nicht, weil ihnen die Geschichten peinlich ist. Nun zum Glück bin ich an dieser Stelle schmerzfrei und möchte dieses Interview mit einer Geschichte beginnen, die ein normaler Mensch wahrscheinlich für sich behalten würde. Ich für meinen Teil habe aber so viel aus ihr gelernt, dass ich sie teilen möchte, schon allein um andere Menschen vor dieser Dummheit zu bewahren.

Liebe
Begeisterung für das Produkt

Mein erster Vollzeitjob begann 2010  in einem Start-Up. Jeder Mensch der hier arbeitete brannte für die Mission und wir butterten jeden Tag rein um die Welt aus den Angeln zu heben, schließlich waren wir ein Start-Up. Also hing ich mich rein und gab alles was ich konnte. In kürzester Zeit arbeitete ich mich in das Produkt ein und sorgte dafür, dass nicht nur ich, sondern auch meine Kunden so begeistert von ihm waren, dass sie es kauften.

Ziel

Mit dieser rosaroten Brille lief ich Monate lang durch das Unternehmen. Mein Ziel war es mich als Quereinstieger zu beweisen und die Probezeit zu bestehen. Alles was ich tun musste war den Jungs zu beweisen, dass es eine gute Entscheidung war der Historikerin und Politologin den Vertriebsjob zu geben. Nach einigen Monaten kam der lang ersehnte Tag. Mein direkter Chef sagte, dass ich die Probezeit bestanden und nun einen echten Vertrag habe.

Träne

Doch statt mich zu freuen bedankte ich mich artig und sagte ihm, dass ich leider festgestellt hatte, dass ich egal was ich tat mit Grundgehalt und Provision nicht in der Lage war meine laufenden monatlichen Kosten zu decken und daher lieber ein Arbeitszeugnis hätte um mich neu zu bewerben. (Die Situation ist aus dem Gedächtnis beschrieben, ich erinnere mich nicht mehr sehr gut, es kann also auch anders verlaufen sein, denn das Einzige an das ich mich bis heute erinnere, ist dass ich geheult habe. Sehr erwachsen…) Mein Chef hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet und obwohl er sehr jung war händelte er die heulende Angestellte mit Bravur. Es gelang ihm mich zu beruhigen und er versprach mir, dass wir eine Lösung finden würden und oh Wunder bekam ich wenige Tage später ein Angebot, dass meiner Mindestforderung entsprach und ich konnte bleiben.

Fragen, Kommunikation
Rollenverständnis
Chef & Mitarbeiter

Damals glaubte ich ganz fest an Rollen im Unternehmen. Ich als Angestellte hatte den Job mein Bestes zu geben und mein Chef hatte aus meiner Sicht die Aufgabe alles zu wissen und dafür zu sorgen, dass alles rund lief. In meiner Wahrnehmung wurde man ohne diese Fähigkeiten nicht Chef, dass bedeutete auch, dass ich der festen Überzeugung war, dass alle Chefs perfekt sein mussten. Ich ging davon aus, dass ich jedes Gehalt akzeptieren konnte, da mein Chef vorher alles sauber kalkuliert hatte und mir genau den Preis bot, der für das Unternehmen und mich der ideale war. Ich kam damals gar nicht auf den Gedanken, dass das immer der geringst mögliche Preis sein konnte…

Grundgehalt

Den ersten Riss bekam dieses Rollenmuster an diesem Tag der Gehaltsverhandlung. Doch damals nahm ich meinen Chef noch in Schutz. Schließlich konnte er nicht wissen wie hoch meine monatlichen Kosten waren und so rechnete ich ihm alles vor und war ganz brav und verlangte wirklich nur so viel wie ich zum Leben brauchte… Kinobesuche, Theater, Konzerte, Reisen, Essen gehen und co. kamen in dieser Kalkulation natürlich nicht vor, denn das war zum Überleben nicht notwendig… Und ja, ich war positiv überrascht, dass mein Chef meine horrenden Gehaltswünsche wenige Tage später erfüllte. 

Zeit, Uhr
Zeit-Sprung

Zeitsprung: Inzwischen sind viele Jahre vergangenen und ich habe gelernt, dass Chefs nicht perfekt, sondern auch nur Menschen sind. Auch sie machen Fehler, auch sie brauchen Feedback, ja und manchmal sogar Lob.  Ich persönlich habe in den zwei Situationen in denen ich vor vielen Jahren Chef sein sollte, völlig versagt und muss an dieser Stelle noch unendlich viel lernen. Grade daher bin ich völlig fasziniert von Menschen wie Sven.

Charisma ist das Wort das ich wählen würde um Sven zu beschreiben. Er wirkt nicht einschüchternd und ist nicht im Anzug unterwegs. Sven ist so gar nichts was ich 2010 mit einem typischen Chef assoziiert hätte und grade das macht ihn  so beeindruckend. Er fordert nicht den Raum für sich, er gibt ihn seinen Mitarbeitern, damit sie sich entfalten können und begleitet sie so auf einer Reise, die er selbst absolviert hat.

Techniker

„Erst wollte ich keine Führungskraft sein, wollte Techniker bleiben“, sagt er und ich denke mir puh, dann hätte die Welt aber echt was verpasst. Sven ist ein genialer Chef und für mich ein Vorbild. Daher freue ich mich sehr, dass er sich bei der Frage nach einem Interview nicht lange hat bitten lassen und sich Zeit für du-bist-grossartig.de nahm. Und ich freue mich heute sehr darauf mit Dir zu teilen, was ich dank

Sven, IT-Entwicklungsleiter bei einem großen amerikanischen Konzern,

alles über Führung gelernt habe. Okay nicht alles, denn ich habe viel mehr gelernt, als ich hier schreiben kann 😉 Los geht’s:

Führungskraft ist keine Rolle

Als ich Sven fragte, wie er es schafft eine so gute Führungskraft zu sein, antwortete er:

Ohr, hören
Zuhören

„Im Grunde genommen kommt es auf 3 Dinge an:

  1. Ehrlichkeit
  2. Authentizität und
  3. Zuhören“

Ehrlichkeit

Verhandlungen

Schon der erste Punkt verblüffte mich. Wie kann eine Führungskraft ehrlich sein? Muss sie nicht gegenüber ihren Mitarbeitern immer allwissend erscheinen, damit sie von ihnen auch respektiert wird? Muss sie nicht auch immer wieder Dinge tun, die sie selbst vielleicht nicht begeistern, aber einfach zum Job dazu gehören? „Ja, muss sie“ sagt Sven. Klar musst Du als Führungskraft auch mal Leute in andere Jobs bringen, eventuell sogar das Arbeitsverhältnis beenden. Manchmal bekommst Du den Job das umzusetzen was grade gut für die Firma, aber nicht zwingend toll für Dein Team ist. Doch an diesen Stellen brauchst Du deshalb noch lange nicht so tun, als ob Du jede Situation fantastisch findest, Du es positiv verkaufen musst. In diesen Situationen kannst Du auch zu Deinen Mitarbeitern gehen und ihnen sagen: Da müssen wir jetzt durch, lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir das Beste daraus machen.

Familie, Freunde, Menschen, Studenten, Freunde, Gruppe
Team

In solchen Sätzen merkt man, dass Sven seinen Job nicht als Rolle versteht, sondern sich als Teil seines Teams sieht. Doch wie hat Sven es geschafft eine so fast schon gelassene Einstellung zu einem so verantwortungsvollen Job zu gewinnen? Sven sieht den Grund in seinen „Signature Moments“, die er im Verlauf seines Angestellten-Daseins gesammelt hat.

Signature Moments

Signature Moment

Signature Moments sind Momente im Leben die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei Sven haben im Lauf der Jahre viele seiner Chefs solche Momente hinterlassen. Manche Momente waren voll daneben, diese sammelte Sven mit dem Vermerk „Wenn Du mal Chef bist, wird Dir das auf gar keinen Fall passieren“ andere wiederrum waren geniale Momente die Sven mit dem Vermerk „Als Chef unbedingt machen“ speicherte.

Fehler

So erinnert sich Sven noch gut an einen Tag in seiner Karriere in dem er aufgrund des hohen Projektdrucks einen blutigen Anfängerfehler machte, weswegen nicht nur er, sondern auch seine Kollegen noch weiter in Verzug gerieten. Der Fehler war so prominent, dass sein Chef ihn gegenüber dessen Chef rechtfertigen musste. Statt nun mit dem Finger auf Sven zu zeigen und ihn zum Sündenbock zu machen, stellte sich Svens Chef vor seinen Mitarbeiter und erklärte, dass die aktuelle Projektplanung etwas überambitioniert sei und es in solchen Fällen nun einmal vermehrt zu Fehlern kommt.

Gerettet

Bis heute schwingt in Svens Stimme tiefe Anerkennung für das Verhalten seines Chefs mit und dass obwohl die Situation schon unglaublich lange her ist. Sven hat das Verhalten seines Chefs damals nicht nur den Kragen gerettet, sondern auch einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass Sven inzwischen ein (meiner Einschätzung nach) besserer Chef ist als sein damaliger Chef.

Authentisch sein

Superheld
Superheld

Sven hat in seiner Karriere gelernt, dass Chef sein keine Rolle ist. Immer wenn Führungskräfte in die Chef- Rolle schlüpften und besonders allwissend, beeindruckend oder wichtig dadurch erscheinen wollten, dass sie für die Probleme ihrer Mitarbeiter jetzt wirklich keine Zeit hätten, vermasselten sie ihren Job. In ihrem Streben danach selbst eine gute Figur zu machen, wurden sie nicht nur sich selbst untreu, sie verließen im schlimmsten Fall auch den Weg der Ehrlichkeit. Und sie versäumen es den Mitarbeitern ein Ohr zu schenken, als diese es nötig hatten.

Bei Führungskräften kommt es nicht darauf an selbst immer eine gute Figur zu machen, sondern darum die Leistungen Deines Teams in den Vordergrund zu stellen, ihre Erfolge zu feiern und sie dabei zu unterstützen mit ihren Rückschlägen bestmöglich umzugehen. Sven ist immer so authentisch wie möglich. Damit bleibt er nicht nur sich selbst treu, er wird auch für seine Mitarbeiter berechenbar und zuverlässig. Sie wissen, welche Aspekte ihm grundlegend wichtig sind. Und vor allem, dass sich diese weder unter Druck noch auf monatlicher Basis ändern. Sie wissen, dass er ihnen nicht den Kopf abreißt, wenn etwas schief läuft und sie wissen, dass Sven immer ein offenes Ohr für sie hat. Womit wir bei der nächsten wichtigen Führungs-Fähigkeit wären:

Das Zuhören

Wo gehobelt wird fallen Späne. Nur wer nichts macht, macht keine Fehler. Und so kennen wir alle die Situation in der auch auf Arbeit mal etwas nicht so läuft wie es soll. Das ist im Grunde genommen gar nicht schlimm, sondern normal. Was entscheidend ist, ist der Umgang mit solchen Situationen.

Schach
Schach

In einem Team, in dem die Angst regiert und Mitarbeiter und Chef sich wie in einem Schachspiel gegenüber stehen und nicht an einem Strang ziehen, werden Fehler schnell zu einem Problem. Wenn ein Mitarbeiter einen Fehler macht, versucht er ihn aus Sorge vor Konsequenzen zu verschleiern. So kann aus einem am Anfang leicht zu behebenden Fehler in Kombination mit weiteren kleinen Fehlern im Verlauf der Zeit ein massives Problem entstehen. Dinge frühzeitig anzusprechen ist wichtig, auch wenn man ein Hindernis empfindet. Durch Aussitzen wird es im Regelfall schlimmer und beschädigt eventuell sogar die Teamstruktur.

Lachen
Qualität zum Totlachen

In die Analen der Geschichte ging an dieser Stelle einst Toyota ein. Während der Produktion gab es so viele Minifehler, dass die Autos in Sachen Qualität lange Zeit ein Witz waren, über den besonders die amerikanische Autoindustrie sich viele Jahre das Maul zerriss. Ein Toyota war zwar viel günstiger als ein amerikanisches Auto, aber wirklich lange Spaß hatten die Kunden an ihm in der Regeln nicht.  Erst als Toyota das Problem der kleinen Fehler eingestand und seine Firmenkultur in Sachen Fehlern massiv auf den Kopf stellte, entstanden Autos, die das Potenzial hatten der amerikanischen Autoindustrie das Wasser abzugraben. Heute werden Fehler bei Toyota nicht mehr bestraft, ganz im Gegenteil: Wenn ein Mitarbeiter bei Toyota einen Fehler zu verschleiern versucht, muss er mit krassen Konsequenzen rechnen.

In Svens Team hat nie die Angst regiert. Jeder seiner Mitarbeiter weiß, dass Sven immer ein offenes Ohr hat und das nicht nur bezüglich aktueller Fehler, die auf Arbeit gemacht wurden. Wenn ein Mitarbeiter zu Sven kommt und einen dringenden Urlaubswunsch hat, braucht er nicht lang und breit erklären, warum er Urlaub braucht, sondern er bekommt ihn. Sven vertraut seinem Team, dass sie nur dann einen solchen dringenden Wunsch äußern, wenn er auch wirklich dringend ist.

Feedback

Was das Zuhören angeht, geht es aber nicht immer nur um die Mitarbeiter, sondern immer mal wieder auch um Sven. Denn dieser will von seinen Mitarbeitern nicht nur hören, wie es ihnen geht, sondern auch was er tun kann, damit es ihnen besser geht. Aus diesem Grund fordert er seine Mitarbeiter dazu auf, ihm ein ehrliches Feedback zu geben. Wenn ein Mitarbeiter den Eindruck hat, dass Sven es an irgendeiner Stelle nicht gut gemacht hat, dann möchte Sven das Feedback hören. Denn Sven weiß, dass Feedback eine wertvolle Möglichkeit ist, in seinem Job noch besser zu werden. Und das beeindruckt mich sehr. Obwohl ich bei Sven das Gefühl habe, dass er bereits heute eine Führungskraft ist, die sicherlich zu meinen Top 3% der Führungskräfte in Deutschland, wenn nicht in der Welt (meine Einschätzung) gehört, arbeitet er immer weiter an sich, um noch besser zu werden. Sven sagt: „Perfekt bin ich nie, das ist illusorisch und eine völlig falsche Grundannahme für Erfolg. Ich möchte jeden Tag besser sein als gestern.“

Nie hätte ich gedacht, dass so simple Dinge wie Ehrlichkeit, Authentizität und Zuhören so wichtig für Führung sein könnten, doch Sven ist der lebende Beweis. Ich hoffe auch Dir hat dieses Interview einige Aha-Momente geschenkt und ich wünsche Dir mit deinem großartigen neuen Wissen nun einen fantastischen Start in den Tag.