Sind mehr oder weniger Informationen in Stresssituationen besser?

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Das waren nicht nur Turbulenzen.

Lass uns heute mit einem kleinen Experiment starten. Stell Dir vor, Du sitzt in einem Flugzeug. Von einer Sekunde auf die andere geht das Flugzeug in einen steilen Sturzflug über, um sich wenige Sekunden später wieder zu stabilisieren. Durch den Lautsprecher ertönt die Stimme des Piloten, der sich für das abrupte Manöver entschuldigt und mitteilt, dass alles in Ordnung ist. Allerdings werde der restliche Flug etwas turbulenter sein. Trotz der Durchsage vermutest Du, dass nicht alles in Ordnung ist. Wie verhältst Du Dich bis zur Landung?

  1. Du achtest auf jedes Detail. Du lauschst auf die Umgebungsgeräusche der Technik. Du horchst, ob die Triebwerke ungewöhnlich klingen. Du beobachtest die Crew auf kleinste Zeichen der Panik und Beunruhigung.
  2. Du lehnst Dich zurück, konzentrierst Dich auf die Mediathek des Flugzeugs und verschwendest keinen weiteren Gedanken an die Situation im Flugzeug.

Wenn Du Dich für a) entschieden hast, gehörst Du laut

Walter Mischel: Der Marshmallow-Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt

zu der Gruppe der Kontrolleure, wenn Du Dich für b) entschieden hast, gehörst Du zu der Gruppe der Ausblender. An dieser Stelle bitte ich Dich, Dir zu merken, ob Du

  1. ein Kontrolleur oder
  2. ein Ausblender

bist, da wir diese Information gleich brauchen werden, um unsere heutige Frage zu beantworten. Zuvor schauen wir uns ein kleines Experiment an, das Wissenschaftler durchgeführt haben.

Das Informations-Experiment

Jeder bekommt Informationen.

Wissenschaftler führten mit Frauen, die auf eine Vorsorgeuntersuchung warteten, ein Experiment durch. Die Frauen mussten einen Frageborgen beantworten. Nach dessen Auswertung wurden sie in eine Kontrolleur-Gruppe und eine Ausblender-Gruppe eingeteilt. Die Hälfte jeder Gruppe bekam umfassende Informationen über den Eingriff, die andere Hälfte jeder Gruppe bekam minimale Standardinformationen.

Die Wissenschaftler wollten wissen, ob die Menge der gegebenen Informationen den Stresslevel der Frauen beeinflussen würde. Das Ergebnis war eindeutig. Am wenigsten Stress empfanden Ausblender mit wenig Informationen und Kontrolleure mit viel Informationen.

Die perfekte Informationsmenge in Stresssituationen

So genau muss ich das gar nicht wissen.

Dieses kleine Experiment zeigt, dass die Menge der Informationen, die helfen, um den eigenen Stress zu verringern, von uns selbst abhängt. Da Du seit heute weißt, ob Du ein Kontrolleur oder Ausblender bist, kannst Du in Zukunft die Informationen, die erhältst, aktiv steuern, indem Du Dein Gegenüber in Stresssituationen aktiv um mehr oder um weniger Informationen bittest.

Das Prinzip, das unsere Wissenschaftler bei den Damen im Wartezimmer entdeckt haben, funktioniert auch in sozialen Stresssituationen. Wenn wir im Besitz der Informationen sind, können wir den Stress der Betroffenen reduzieren, indem wir die Informationsmenge an die Vorlieben der Betroffenen anpassen.

Nur bei wenigen Menschen sind die Eigenschaften des Kontrolleurs und des Ausblenders extrem und eindeutig ausgeprägt. Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen Kontrolleuren und Ausblendern. Daher gilt für Situationen, die nicht kontrolliert werden können, die Faustregel, dass detaillierte Informationen zu mehr Stress und Angst führen.

Fazit

Ich weiß nun Dank unseres Autors, dass ich eine sehr ausgeprägte Ausblenderin bin. In einer Situation, in der nichts meiner Kontrolle unterliegt, konzentriere ich mich auf Ablenkung. Das geht so weit, dass ich beim Zahnarzt Musik höre, um die Geräusche der Geräte zu übertönen.  An dieser Stelle bin ich nun gespannt, zu welcher der beiden Kategorien Du zählst. Gibt es Situationen, an die Du Dich erinnerst, in denen Du aktiv für mehr oder für weniger Informationen gesorgt hast?