Weißt Du was systemische Organisationsberatung ist?

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WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Campus Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

ACHTUNG: Dies ist lediglich ein – hoffentlich – leicht verständlicher Miniüberblick zum Thema. Er hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Systemische Organisationsberatung ist ein Geschenk.

Als mir der Begriff das erste Mal begegnete dachte ich im ersten Moment, systemische Organisationsberatung klingt wie eines dieser furchtbar langweiligen Themen in meinem Studium. Ich erwartete also nichts Spannendes. Doch was soll ich sagen: Ich lag voll daneben. Die systemische Organisationsberatung hat vielleicht nicht gerade die besten Aussichten, den Titel „Bester Modellname der Welt“ zu erringen, aber inhaltlich gehört sie zu den besten Modellen, die mir in den letzten Jahren begegnet sind.

Was die systemische Organisationsberatung so großartig macht, schauen wir uns heute dank

Sebastian Klein & Ben Hughes: Der Loop-Approach. Wie Du Deine Organisation von innen heraus transformierst

etwas genauer an.

Was ist die systemische Organisationsberatung?

In Wahrheit sind es nicht nur 8 Verbindungen.

Die systemische Organisationsberatung als Beratungsmodell für Unternehmensberater erkennt an, dass Unternehmen und Organisationen komplexe Systeme mit zahlreichen Abhängigkeiten sind. In der systemischen Organisationsentwicklung geht es nicht darum, durch das Drehen an einer Stellschraube schnell Ziele zu erreichen. Die systemische Organisationsentwicklung hat das Ziel, durch Impulse an verschiedenen Stellen das System zu stärken. Eine der wichtigsten Grundannahmen der systemischen Organisationsberatung ist dabei, dass komplexe Systeme nur von innen heraus transformiert werden können.

Ich gebe zu, dass der letzte Absatz irgendwie sehr trocken klingt. Lass uns daher an dieser Stelle mit einem Bild arbeiten, um die systemische Organisationsberatung besser zu verstehen.

Wenn Du mir Wasser gibst, wachse ich sogar.

Die Fette Henne gehört nicht aufgrund ihres Aussehens zu meinen Lieblingspflanzen, sondern aufgrund ihres Überlebenswillens. Selbst ich, die normalerweise jede Pflanze wahlweise durch Vertrocknen oder Ertränken ins Jenseits befördert, bekommt eine Fette Henne nicht tot.

Endlich habe ich es verstanden.

Gestern war ich bei meinen Eltern zu Besuch und staunte über die ca. 80 Zentimeter große Fette Henne meiner Mutter. Vor wenigen Jahren hatte ich ihr einen Ableger meiner Fetten Henne überlassen, damals passte diese Ableger in ein winziges Töpfchen. Wie kann es sein, dass die Pflanze, die bei mir im Idealfall eine Größe von 40 Zentimetern erreicht, bei meiner Mutter doppelt so groß ist? Heute ist mir bewusst geworden, woran das liegt: Während ich meine Fette Henne wie ein „normaler“ Unternehmensberater behandle, pflegt meine Mutter ihre wie ein systemischer Organisationsberater.

Sie lebt, alles ist gut.

Ich gebe meiner Fetten Henne das, was sie offensichtlich am dringendsten braucht: Wasser. Das Ergebnis, das ich damit erziele, entspricht meiner Zielsetzung: Die Pflanze lebt.

Meine Mutter hat sich in Sachen Pflanzenpflege ein Fleißbienchen verdient.

Meine Mutter gibt ihrer Fetten Henne auch Wasser, doch sie sieht die Fette Henne als ein komplexes System, das viel mehr braucht als nur Wasser. Daher hat meine Mutter ihrer Fetten Henne einen großen Topf gegönnt, in welchem sich die Wurzeln der Pflanze nach Lust und Laune ausbreiten können. Zudem hat die Pflanze sehr gute Erde erhalten und wird regelmäßig gedüngt. Weil meine Mutter die Pflanze als ein komplexes System wahrnimmt, setzte sie mit dem Topf, der Erde und dem Dünger die entscheidenden Impulse, die die Pflanze braucht, um sich großartig zu entwickeln.

Nachdem wir nun wissen, was die systemische Organisationsberatung ist, bleibt nun die Frage, wie sie in der Praxis funktioniert. Um das zu verstehen, schauen wir uns nun die Prinzipien des systemischen Denkens an, die unsere Autoren in ihrem Buch beschreiben.

Die Prinzipien des systemischen Denkens

Das systemische Denken beruht auf folgenden fünf Prinzipien

  1. Vertrauen
  2. Wechselwirkungen
  3. Balance
  4. Ebenen
  5. Widersprüche.

Diese Prinzipien werden wir uns nun in der Theorie und in der Praxis der Fetten Henne genauer anschauen.

Vertrauen

Ich weiß, dass ihr großartig seid.

Die systemische Organisationsberatung sieht sich nicht als die Einäugige unter den Blinden. Sie vertraut darauf, dass die Organisation alle Kompetenzen hat, die sie braucht, um ihre Herausforderungen zu lösen. Daher bringt sie den Mitgliedern der Organisation eine tiefe Wertschätzung entgegen und vertraut darauf, dass diese – mit den richtigen Impulsen – in der Lage sind, den für sie besten Weg zu finden.

Während ich mich jedes Mal wundere, dass meine Fette Henne noch lebt, vertraut meine Mutter darauf, dass die Pflanze wächst, wenn sie die richtige Umgebung hat.

Wechselwirkungen

Für Probleme ist in der Regel mehr als eine Sache verantwortlich.

Die systemische Organisationsberatung ist sich der Wechselwirkungen in komplexen Systemen bewusst. Sie achtet bei allem, was sie tut darauf, diese Wechselwirkungen zu berücksichtigen und glaubt nicht daran, dass ein Problem nur eine einzige Ursache hat.

Während ich mich auf das Geben von Wasser konzentriere, versteht meine Mutter, dass Wasser nur eine Komponente ist, aus der das Wohl einer Pflanze besteht.

Balance

Das geht mir alles viel zu schnell.

Am Ende geht es auch in der systemischen Organisationsberatung darum, eine Veränderung innerhalb einer Organisation zu erreichen. Die systemische Organisationsberatung achtet dabei allerdings auf die Balance zwischen Bewahren und Verändern. Sie ist sich darüber im Klaren, dass schnelle Veränderungen bei Menschen zu Verunsicherung und Angst führen können, die dafür sorgen, dass die Arbeit der Menschen leidet. Daher hat die systemische Organisationsberatung das langfristige Ziel der Veränderung immer im Blick, achtet auf dem Weg zum Ziel aber immer darauf, nicht zu viele Baustellen gleichzeitig aufzureißen.

Meine Mutter gönnt ihrer Fetten Henne nach einer Änderung immer wieder Ruhephasen. So würde sie nie auf die Idee kommen, die Pflanze umzutopfen und sie gleichzeitig an einen völlig neuen Standort zu stellen. Sie würde erst testen, ob die Pflanze den neuen Standort mag und erst Wochen später dafür sorgen, dass sie einen neuen Topf bekommt.

Ebenen

Die systemische Organisationsentwicklung hat immer die verschiedenen Ebenen einer Organisation im Blick. Sie weiß, dass nicht nur das Mindset der Mitarbeiter wichtig für den Erfolg der Organisation ist, sondern auch die Kultur, das Verhalten der Mitarbeiter untereinander und die Prozesse in der Organisation entscheidenden Einfluss auf den Erfolg haben.

Ist der Standort gut, oder zu windig?

Ich weiß, dass eine Pflanze Licht, Erde und Wasser braucht. Also habe ich meine Fette Henne in einen Topf gesetzt, diesen auf den Balkon gestellt und sie immer dann gegossen, wenn sie anfing, ihre Blätter hängen zu lassen (was bei einer Fetten Henne wirklich schwer zu erreichen ist). Meine Mutter hat ihre Fette Henne immer im Blick. Wenn die Pflanze nicht mehr wie gewohnt wächst, betrachtet meine Mutter die verschiedenen Ebenen – Dünger, Topfgröße, Erde, Standort – und identifiziert zielsicher jene Ebene, die das aktuelle Wachstum hemmt.

Widersprüche

Die systemische Organisationsentwicklung lässt Paradoxien in einer Organisation zu und versucht nicht, diese zu lösen. Sie sucht nicht nach Entweder-Oder-Optionen sondern nach Sowohl-Als-Auch-Lösungen.

An dieser Stelle fehlt mir die Fantasie, dieses Prinzip auf die Fette Henne anzuwenden. Wenn Du eine Idee hast, freue ich mich.

Fazit

Die systemische Organisationsberatung hat mir geholfen zu verstehen, warum in Organisationen Dinge passieren, die ich früher nie verstanden habe.

Jetzt verstehe ich die Sache mit der Überstundenkultur.

So dachte ich zum Beispiel lange Zeit, dass es egal ist, wann der eigene Chef arbeitet. Inzwischen verstehe ich, dass der Zeitpunkt, wann ein Chef ins Büro kommt und wann er geht entscheidend für die Kultur eines Unternehmens sein kann. Ich selbst habe mich – ohne dass es mir bewusst war – oft dazu motiviert gefühlt, länger im Büro zu bleiben, weil mein Chef auch noch da war. In der Kultur des Unternehmens war es offensichtlich okay, Überstunden zu machen. Also machte ich so lange Überstunden, bis mein Körper mich irgendwann dazu motivierte, das nicht mehr zu tun.

Heute verstehe ich, dass ich mich einfach dem System meines Unternehmens angepasst hatte, ohne darüber nachzudenken. Und ich verstehe inzwischen auch, dass mein Unternehmen sich dieses Systems der Überstunden nicht bewusst war. An dieser Stelle hat mir mein rudimentäres Wissen der systemischen Organisationsberatung sehr geholfen, und ich bin mir sicher, dass es mir auch in Zukunft gute Dienste leisten wird.

Und nun bin ich gespannt, wie Deine Erfahrungen sind. Hast Du auch schon einmal erlebt, dass Dein Verhalten von der Kultur Deiner Organisation beeinflusst wird? Hast Du schon einmal einen Unternehmensberater erlebt, der einen großartigen Job gemacht hat? Wenn ja: Was hat er gemacht?