Was ist eigentlich Radical Honesty? Oder die Frage: Ist Lügen immer schlecht?

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Fussball
Ball vs. Vase

Schon als kleines Kind lernen wir von unseren Eltern, dass wir nicht lügen sollen. Wenn beim wilden Spielen mit Freunden Omas Vase leider im Weg steht und daher nach einem erfolglosen Flugversuch in Scherben am Boden liegt, sollen wir unseren Eltern in die Augen schauen uns brav entschuldigen und zu unserem Fehler stehen. In diesem Szenario geht das Konzept mit dem noch Lügen perfekt auf.

Doch dann werden wir älter und lernen höflich zu sein. Von diesem Moment an ist das Konzept des „Du sollst nicht Lügen“ stark unter Beschuss. Glaubst Du nicht? Habe ich vor diesem Buch auch nicht geglaubt, daher machen wir jetzt einen kleinen Versuch:

Keine ganz perfekte Perücke

Stell Dir vor Du begegnest einer Kollegin, die Du nicht sehr gut kennst, von der Du aber weißt, dass sie in den letzten Monaten eine Chemotheraphie gemacht hat. Die Therapie hat den Krebs geheilt, aber ihren Körper schwer gezeichnet. Die Frau, die noch vor 2 Jahren in der Blüte ihrer Jugend stand ist nun um gefühlt 15 Jahre älter. Ihre Augen haben dunkle Ränder und ihr schönes Haar ist einer Perücke gewichen, die ehr einem Wischmop, als einer Frisur ähnelt. Deine Kollegin ist aufgeregt, weil sie in 5 Minuten ein extrem wichtiges Meeting zu einem neuen Haarpflegeprodukt hat. Stell Dir nun vor, sie fragt Dich, wie Du ihre Perücke findest und ob es auffällt, dass die Haare nicht ihre eigenen sind. Was würdest Du antworten? Würdest Du ihr die Wahrheit sagen, oder mit einer kleinen Notlüge alles dafür tun ihr ein breites Lächeln ins Gesicht zu zaubern, damit dieses im Meeting den Wischmop auf ihrem Kopf überstrahlt?

Die meisten Menschen würden hier zu einer Notlüge greifen. Nicht so die Mitglieder der Gruppe Radical Honesty, von der ich vor diesem Buch

Robert Feldman: Lügner. Die Wahrheit über das Lügen

noch nie etwas gehört habe.

Was bedeutet Radical Honesty?

Unser Buch übersetzt Radical Honesty mit „Radikale Ehrlichkeit“.

Was ist Radical Honesty?

Eine Lüge!

Wie bereits gesagt, handelt es sich bei Radical Honesty um eine Gruppe, die sich der Ehrlichkeit verschrieben hat. Mitglieder dieser Gruppe sehen Ehrlichkeit als eine so hohe Tugend an, dass sie jedwede Form von Lügen ablehnen. In ihren Augen sorgen Lügen nur dafür, dass die Welt immer schwieriger und komplexer wird. Notlügen sind in ihrer Wahrnehmung keine Höflichkeit, sondern der erste Schritt, der die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Lüge verschwimmen lässt.

Das eigene Glück

Wer der Gruppe, die von Brad Blanton, einem Psychotherapeuten aus Virginia gegründet wurde beitritt, lernt jeden Gedanken und jede Emotion auszusprechen. Egal ob Freude, Trauer, Hass, Ärger oder Liebe, jede Emotion wird von den Mitgliedern dieser Gruppe ausgesprochen. Mitglieder dieser Gruppe würden der Frau aus unserem Chemotheraphie-Szenario sagen, dass die Perücke nicht gut aussieht. Auf diese Weise streben Sie durch die Ablehnung jedweder Lügen nach dem eigenen Glück und psychischer Gesundheit. Die Gefühle ihrer Mitmenschen sind diesem Ziel untergeordnet.  

Wollen wir 100% Ehrlichkeit?

Und nun stell Dir einmal eine Welt vor in der jeder Mensch der Radical Honesty angehört. Würdest Du in einer solchen Welt leben wollen? Eine Welt, die niemals lügt und das eigene Streben nach Glück über die Gefühle aller anderen stellt?

Oder ist Dir bei dieser Vorstellung unsere Welt doch lieber? Unsere Welt voller Lügen, von denen die meisten darauf zielen ein gutes Miteinander zu gestalten? Laut unserm Autoren beantworten die meisten Menschen dieses Frage mit: „Unsere Welt ist besser als eine Welt ohne Lügen.“

Fazit

Danke diesem Buch habe ich zu meinem eigenen Erstaunen gelernt, dass Lügen nicht immer schlecht sind. Lügen können Gefühle schützen und dafür sorgen dass es Menschen in wichtigen Momenten ihres Lebens besser geht. In meinen Augen ist es okay, der Kollegin zu sagen, dass sie toll aussieht und nach dem Meeting einmal zu schauen, ob man nicht eine gemeinsame Shoppingtour durch ein zwei Perückengeschäfte macht, denn Perücken sind doch eigentlich eine geniale Erfindung. Wenn die Kollegin fast gestorben ist, sollte sie doch zumindest die Zeit genießen in der sie jeden Tag mit einer neuen Frisur und Haarfarbe beginnen kann.