Weißt Du, was Beflissenheit bedeutet?

Ente
Warum habe ich darüber noch nie nachgedacht?

Mir ist der Begriff so vertraut, dass ich noch nie über ihn nachgedacht habe. In meinem eigenen Wortschatz kommt der Begriff fast nicht vor. Doch ich habe das Gefühl zu wissen, was Menschen mir sagen wollen, wenn sie den Begriff benutzen. So bin ich zum Beispiel in dem Buch

Platon: Sokrates im Gespräch. Vier Dialoge

über den folgenden Satz gestolpert.

„Ich sah, wie Sokrates an dem Gehörten, an der Beflissenheit des Kebes seine Freude hatte.“

S. 59.

Ich bin mir aufgrund des Buchkontextes sehr sicher, dass Beflissenheit in diesem Satz Gründlichkeit bedeutet. Das Buch handelt von Sokrates Tod. Der Philosoph Sokrates starb durch Gift. Dieses trank er, weil er von einem Geschworenen-Gericht Athens zum Tode verurteilt wurde. Die Texte des Buches stehen alle im direktem Zusammenhang mit seinem Tod. Der erste Text dreht sich um Sokrates Versuch, die Verurteilung zu verhindern. Die folgenden Texte handeln von den Ereignissen nach dem Todesurteil. Die Anhänger Sokrates wollten den Philosophen zur Flucht ermutigen. Als waschechter Philosoph nahm Sokrates die Fluchthilfe jedoch nicht einfach an, sondern diskutierte mit seinen Helfern darüber, ob eine Flucht gerecht bzw. sinnvoll wäre.

Der in unserem Zitat erwähnte Kebes gehört zu den Personen, die sich wünschten, dass Sokrates nicht stirbt. Daher suchte er gründlich nach Argumenten, die gegen die Akzeptanz des Urteils sprachen. Sokrates nahm sich jedes der Argumente an und diskutierte es mit den Anwesenden.

Lass uns nun einmal schauen, ob Beflissenheit wirklich Gründlichkeit bedeutet, und ob wir mit Hilfe unseres Lexikons mehr über den Ursprung unseres heutigen Begriffes herausfinden können.

Was unser Lexikon sagt

Öhm, da war ich wohl etwas übereifrig.

Der Lexikon-Eintrag, der exakt zu unserem heutigen Begriff passt, verrät uns, dass der Begriff nicht Gründlichkeit bedeutet:

Beflissenheit, die; ~: das Beflissensein; [Über]eifer.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 302.

Sokrates hatte also nicht an der Gründlichkeit sondern an dem besonderen Eifer, der Eifrigkeit des Kebes seine Freude.

Der gerade zitierte Lexikon-Eintrag enthält keine Informationen über den Ursprung unseres heutigen Begriffes. Doch zum Glück befinden sich auf derselben Lexikonseite andere Einträge, die diese Information enthalten. In unserem heutigen Begriff steckt das Verb beflissen, über das unser Lexikon das folgende zu sagen hat:

beflissen: 1. ↑ befleißen. 2. <Adj.> [eigtl. 2. Part. von ↑ befleißen]: [über]eifrig, mit großem Eifer [in unterwürfiger Weise] um etw. bemüht: -e Schüler; b. arbeiten; sich b. zeigen, etw. zu tun; jmdn. b. grüßen.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 302.

Was das Internet sagt

Woher kommt der Begriff denn nun?

Beflissen kommt also von befleißen und dieses enthält das Wort fleißig und daraus schließe ich (ohne mir zu 100 Prozent sicher zu sein), dass der Begriff Beflissenheit vom Begriff Fleiß hergeleitet wurde. Die Webseite dwds.de bestätigt meine Vermutung unter Berufung auf das Etymologisches Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer:

„Etymologie

Fleiß · befleißen · befleißigen · beflissen · geflissentlich · fleißig

Fleiß m. ‘Eifer, Arbeitsamkeit’, ahd. flīʒ ‘Kampf, Streit, körperliche Anstrengung, geistige Anspannung, Übereifer’ (8. Jh.), mhd. vlīʒ, vlieʒ ‘Beflissenheit, Eifer, Sorgfalt’, asächs. flīt, mnd. vlīt, mnl. nl. vlijt, aengl. flīt bleiben ohne sichere Anschlußmöglichkeiten. Während ahd. und mhd. der umfassendere Sinn ‘Eifer, Anstrengung, Sorgfalt’ gilt, überwiegt in neuerer Zeit die Bedeutung ‘Arbeitsamkeit’. Die ursprüngliche Bedeutung hat sich erhalten in der Wendung etw. mit Fleiß (‘mit voller Absicht’) tun sowie in den reflexiven Verben befleißen und befleißigen ‘sich bemühen’ (15. Jh.). Reste eines starken Verbs ahd. flīʒan ‘kämpfen, streiten, sich körperlich und geistig anstrengen’ (8. Jh.), mhd. vlīʒen ‘eifrig sein, sich bemühen’, asächs. -flītan, mnd. mnl. vlīten, aengl. flītan sind erhalten in beflissen Part.adj. ‘eifrig, emsig’ (16. Jh.; älter beflissen sein, Ende 15. Jh.) und geflissentlich Adv. ‘mit Eifer, mit Bedacht’ (18. Jh.), ohne Gleitlaut geflissenlich (16. Jh.). – fleißig Adj. ‘arbeitsam’, ahd. flīʒīg ‘körperlich angestrengt, eifrig bemüht’ (9. Jh.), mhd. vlīʒec, vlīʒic ‘eifrig, sorgfältig’.“

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich freue mich sehr, dass wir heute nicht nur die korrekte Bedeutung des Begriffes herausgefunden haben, sondern vor allem darüber, dass die Herkunft des heutigen Begriffes für mich eine wunderbare Eselsbrücke ist, die mir dabei hilft, mir die korrekte Bedeutung des Begriffes zu merken.

An dieser Stelle bin ich neugierig: Wann ist Dir das letzte Mal ein Mensch begegnet, der etwas mit Beflissenheit getan hat?

Buchcover zum Beitrag

Ein Männchen mit vier Armen wirbelt 8 Bücher durch die Luft.

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Datum & Autor

24. November 2023
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