Weißt Du, was der gordische Knoten ist?

Ich kann gar nicht sagen wie häufig mir unser heutiger Begriff schon begegnet ist. Er kommt mir in jedem Fall sehr vertraut vor. Umso erstaunlicher finde ich es, dass ich mir noch nie die Mühe gemacht habe herauszufinden, was genau es mit diesem Knoten auf sich hat. Dank den Autorinnen von

Ein Mensch schämt sich und hält sich die Augen zu.
Ich kann nicht glauben, dass ich mir so viel Zeit gelassen habe.

Anne Gersdorff, Karina Sturm: Stoppt Ableismus! Diskriminierung erkennen und abbauen

wird sich das heute hoffentlich ändern.

Der gordische Knoten, den die beiden in ihrem Buch erwähnen ist die Ausgleichsabgabe, die Unternehmen mit 20 Mitarbeitenden oder mehr zahlen müssen, wenn Menschen mit Behinderung weniger als 5% ihrer Belegschaft ausmachen. Laut unseren Autorinnen zahlten 2020 von 173.000 Betrieben, die das Kriterium erfüllten, rund 105.000 Betriebe diese Abgabe. Weil diese Zahl schon etwas älter ist, habe ich die Quelle nachgeschlagen, die die beiden in Ihrem Buch angeben und hier aktuellere Daten gefunden, die wie folgt lauten:

„2023 gab es in Deutschland 180.359 beschäftigungspflichtige Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Davon haben 69.610 Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber ihre Beschäftigungspflicht vollständig erfüllt (39 %), 63.924 teilweise erfüllt (35 %) und 46.825 haben keine schwerbehinderten Menschen beschäftigt (26 %).“

Das bedeutet 2023 zahlten 110.749 Betriebe die Abgabe. Die Entwicklung, die unsere Autorinnen beschreiben ist demnach noch immer aktuell. Der gordische Knoten, den diese Abgabe laut Anne und Karina darstellt, schaut wie folgt aus:

„Aus den Mitteln der Ausgleichsabgabe ziehen Ämter wiederum anteilig Gelder zur Finanzierung von Behindertenwerkstätten und auch zur Förderung von Menschen mit Behinderung. In der finanziellen Planung sind Ämter also darauf angewiesen, dass Unternehmen zu wenig Menschen mit Behinderungen anstellen und die Ausgleichsabgabe zahlen. Wir haben es also mit einem systemischen Problem zu tun, einem gordischen Knoten, der bisher noch nicht zerschlagen wurde, weil viele Beteiligte vom Status Quo profitieren – außer den Menschen mit Behinderung selbst.“

S. 101f.

Um das Zitat der beiden in Gänze verstehen zu können, schauen wir uns jetzt einmal mit Hilfe unseres Lexikons an, was genau der gordische Knoten eigentlich ist.

Ein Männchen möchte ein Buch mit einem Kamm durchkämmen. Das Buch schaut etwas besorgt aus.
Na komm liebes Lexikon, reiche mir Dein Wissen.

Was das Lexikon sagt

Unser Lexikon verrät uns, dass der gordische Knoten etwas mit Kampf und Herrschaft zu tun hat.

Gordischer Knoten, am Streitwagen des legendären phryg. Königs Gordios ein Deichsel und Joch miteinander verbindender, kunstvoll geflochtener Knoten. Wer ihn löste, sollte Asien beherrschen. Alexander d. Gr. zerhieb ihn mit dem Schwert.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 05, S. 572.

Das was unser Lexikon hier anteasert, klingt nach einer spannenden Geschichte. Lass uns doch einmal schauen, ob uns das Internet die ganze Geschichte erzählen kann.

Was das Internet sagt

Dieses YouTube Video verrät uns, dass der König Gordios in Anatolien lebte. Gordios war durch einen Orakelspruch König geworden. Dieses hatte gesagt, dass derjenige König werden solle, der von den Fragenden als erstes auf einem Wagen fahrend gesehen werde. Der erste Wagen, den die Fragesteller nach dem Orakelspruch sahen, war ein von Gordios geführter Wagen. Als Dankeschön an die Götter, knüpfte Gordios einen Knoten an seinen Wagen. Wer diesen löste, sollte König von Asien werden. Im Verlauf einiger Jahrhunderte versuchten sich viele Menschen an dem Knoten, doch keiner konnte ihn lösen. Dann kam Alexander der Große. Er stellte fest, dass auch er nicht wusste, wie der Knoten zu lösen ist, und zerschlug diesen kurzerhand mit seinem Schwert.

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Weil Alexander eine unkonventionelle Knotenlösemethode angewandt hat, bedeutet die Redewendung „einen gordischen Knoten lösen“ das eine Aufgabe mit unkonventionellen Methoden gelöst wurde.

Was uns unsere Autorinnen sagen wollen

Anne und Karina nutzen die Redewendung des gordischen Knoten, um aufzuzeigen, dass das, was sie beschreiben keine einfach zu lösende Aufgabe ist. Im Gegensatz zum Originalknoten, den viele Menschen lösen wollten, weil sie gern König von Asien geworden wären, beschäftigen sich nur wenige Menschen mit dem gordischen Knoten der Ausgleichsabgabe. Denn wenn dieser gelöst werden würde, sprich jeder Betrieb ab 20 Personen mindestens 5% Menschen mit Behinderung beschäftigen würde, würde den Ämtern plötzlich Geld fehlen. Das bedeutet sie könnten Menschen mit Behinderung nicht mehr fördern, oder müssten sich um neue Geldquellen bemühen.

Fazit

Jeder kann ein Skateboard nutzen, wenn er will.

Wir wissen nun, was es mit dem gordischen Knoten auf sich hat. Wie genau sich der Knoten von Anne und Karina lösen lässt, weiß ich leider auch nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass wir im Bereich der Inklusion noch einen weiten Weg vor uns haben. Die Ausgleichsabgabe ist bei weitem nicht die einzige Herausforderung, vor der wir stehen. Auch im Bereich der persönlichen Assistenzen, die Menschen mit Behinderung ein eigenständiges Leben ermöglichen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

Die größte Schranke dürfte allerdings noch immer in unseren Köpfen liegen. Ich zum Beispiel bin immer wieder überrascht, wenn ein Mensch mit Behinderung Dinge tut, die ich ihm nicht zutraue. Wenn ich also einen Menschen mit Blindenstock auf dem Skateboard sehe, bin ich erst einmal irritiert. Das Erste, was mir dann in den Kopf schießt, ist die Vorstellung was mir passieren würde, wenn ich versuchen würde mit geschlossenen Augen Skateboard zu fahren. Ich besteige die Dinger nicht einmal mit offenen Augen, weil ich keine Lust habe mich binnen Sekunden auf die Nase zu packen.

In diesem Moment habe ich nicht präsent, dass Blind sein viele Facetten hat und von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein kann. In diesem Moment habe ich nicht auf dem Schirm, dass ein Mensch, der Blind ist in der Regel gelernt hat sich in der Welt zurecht zu finden. Erst wenn ich diese Gedanken beiseitegeschoben und darüber nachgedacht habe, wird mir bewusst, dass nichts auf der Welt dagegenspricht, dass ein Mensch der Blind ist auf ein Skateboard steigt. Klar kann er sich dabei verletzen, doch das ist ein Risiko, das jeder Mensch eingeht, der ein Skateboard besteigt.

Ich für meinen Teil habe in Sachen Inklusion noch unfassbar viel Kopfarbeit zu machen, bevor ich mich mit strukturellen gordischen Knoten in diesem Bereich befassen kann. Für den Moment bleibt mir also nur Bücher zu diesem Thema zu lesen und in den Sozialen Medien dafür zu sorgen, dass das Thema Inklusion von meiner Reichweite profitiert, indem ich Posts zu dem Thema teile.

An dieser Stelle bin ich neugierig: Welche gordischen Knoten sind Dir in Deinem Leben schon begegnet?

1. September 2026
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Buchcover zum Beitrag
Ein Männchen mit vier Armen wirbelt 8 Bücher durch die Luft.
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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Autor
Ein alter Mann denkt nach.
5,6 min readCategories: Bücher, Wissen

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Ein Männchen mit vier Armen wirbelt 8 Bücher durch die Luft.

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Datum & Autor

1. September 2026
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