Weißt Du was ein Derwisch ist?

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WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Heyne Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

Unser heutiger Begriff ist mir schon oft begegnet. Bis jetzt war ich der festen Überzeugung, dass ich genau wüsste, was ein Derwisch ist. Als ich bei

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über den folgenden Satz stolperte „Sie erinnerten mich an tanzende Derwische“, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich wahrscheinlich seit Jahrzehnten ein völlig falsches Bild von einem Derwisch in meinem Kopf hatte.

Wilde Bedeutungsspekulation

Hallo, ich bin ein Derwisch.

„Derwisch“ klingt in meinen Ohren wie „Devil“, das englische Wort für Teufel. Daher war ich bis heute der festen Überzeugung, dass ein Derwisch entweder der Teufel oder etwas Teuflisches (develish) ist.

Ich zweifle zwar nicht daran, dass der Teufel tanzen kann, allerdings gibt es (nach meinen enorm begrenzten Kenntnissen in diesen Dingen) nur einen Teufel und daher habe ich das Gefühl, dass ich mit meiner Bedeutungsspekulation voll daneben liege. Was ein Derwisch wirklich ist, wird uns nun hoffentlich unser Lexikon verraten.

Was das Lexikon sagt

Da ich schon immer herausfinden wollte, ob ein digitales Lexikon mit unserem großartigen analogen Zeit-Lexikon mithalten kann, machen wir heute ein Experiment und greifen auf ein Online-Lexikon zurück, um zu erfahren, was ein Derwisch ist:

Dẹrwisch [persisch, „Armer“] – Mitglied enthusiastischer islamischer Orden, in denen die Mystik des Sufismus gepflegt wurde. Den Orden der tanzenden Derwische stiftete der Sufi-Mystiker und persische Dichter Dschelal Ad Din Rumi (* 1207, † 1273). In der Türkei sind Derwischklöster verboten.

https://www.wissen.de/lexikon/derwisch

Das klingt doch schwer nach einem soliden Lexikon-Eintrag und das ganz ohne abtippen. 🙂

Wie vermutet, hat ein Derwisch zwar etwas mit Religion, ganz offensichtlich aber nichts mit dem Teufel zu tun. Da ich keine Ahnung habe, was Sufismus ist, drücke ich uns an dieser Stelle die Daumen, dass uns unser Online-Lexikon auch dazu einen Beitrag bereithält:

Sufịsmus [abgeleitet von arabisch suf, „weiße Wolle“, nach dem wollenen Gewand der frühen Asketen] – eine asketisch-mystische Richtung im Islam seit dem 9. Jahrhundert, von außerislamischen Lehren (z. B. Neuplatonismus und indischen Religionen) beeinflusst; erstrebt in Bruderschaften und (Derwisch-)Orden die mystische oder ekstatische (durch Tanz, Musik) Vereinigung mit Gott. Der Sufismus, der besonders in Persien blühte, ist heute vor allem im indopakistanischen und türkischen Islam verbreitet. In Deutschland bestehen sufistische Gemeinschaften. Der Sufismus deutet den Koran allegorisch und wendet sich vielfach gegen die strenge Gesetzlichkeit des orthodoxen Islams. Bedeutende persische Dichter wie Dschelal Ad Din Rumi waren Sufis.

https://www.wissen.de/lexikon/sufismus
Gott is a DJ!

Wie großartig ist das?! Steht da jetzt wirklich, dass diese Glaubensrichtung des Islam daran glaubt, durch Tanz und Musik zur Vereinigung mit Gott zu kommen? Viel weiter entfernt von der Wahrheit hätte ich wohl mit meiner wilden Bedeutungsspekulation kaum liegen können. Ich bin tatsächlich gerade völlig baff. Nicht nur aufgrund meines Irrtums, sondern auch aufgrund der wunderbaren Vorstellung, dass es Menschen gibt, die mit Hilfe von Musik und Tanz die Vereinigung mit Gott suchen und finden.

Gott wird Dich erlösen.

Während die fiesen Kreuzritter durch die Lande zogen und Menschen mit Schwertern und Waffen in die Arme ihres Gottes treiben wollten, gab es Menschen, die ihren Weg zu Gott auf viel friedlicheren Wegen erreichten. Das rüttelt jetzt schon ein wenig an meiner bis jetzt nicht allzu positiven Wahrnehmung von Religionen.

Ich verstehe allerdings noch immer nicht, warum in der Türkei Derwischklöster verboten sind. Wer zum Kuckuck könnte bitte etwas gegen tanzende Menschen haben? Zu meiner großen Freude habe ich in diesem absolut lesenswerten Merian-Artikel nicht nur die Antwort auf meine Frage  gefunden, sondern noch viel mehr über die Derwische gelernt. Die Antwort auf meine Frage zum Kloster-Verbot ist einfach: Die Derwischklöster wurden in den 1920-er Jahren verboten, weil Attatürk, der erste Präsident der Türkei, ein säkuläres Land schaffen wollte, in dem Staat und Religion voneinander getrennt sind.

Fazit

Lexika sind unsere Freunde, egal ob analog oder digital. Sie haben die Macht, Unwissen zu beseitigen und Klarheit zu schaffen – wenn wir uns ihrer bedienen. An dieser Stelle bin ich gespannt, wie es Dir bis jetzt mit dem Begriff Derwisch ging. Wusstest Du um seine wahre Bedeutung oder hast Du diese – wie ich – erst heute erfahren?