Weißt Du was Populismus ist?

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In Büchern kommt der Begriff fast nie vor.

Als ich noch regelmäßig die täglichen Weltnachrichten konsumierte, begegnete mir der Begriff Populismus mit schöner Regelmäßigkeit. Spannenderweise taucht dieser Begriff in den Büchern, die ich lese – meiner Erinnerung nach – nie auf. Die einzige Ausnahme macht der Autor

Gabor Steingart: Weltbeben. Leben im Zeitalter der Überforderung,

der uns damit heute die Gelegenheit schenkt, diesem Begriff einmal nachzugehen. Fun-Fact am Rande: Der Autor des Buches ist in seinem zweiten Leben Journalist. Dem Anschein nach ist das Wort Populismus im Journalismus zu Hause.

Wilde Bedeutungsspekulation

Hat das was mit beliebt sein zu tun?

Wenn ich Populismus höre, denke ich automatisch an populär. Doch irgendwie erzeugen diese beiden Worte trotz ihrer Ähnlichkeit ein Spannungsfeld in mir. Der Begriff populär ist in meinem Kopf sehr positiv besetzt, weil ich ihn mit dem Wort Beliebtheit verknüpft habe. Das Wort Populismus taucht meiner Erinnerung nach hingegen immer in negativen Kontexten auf und ist eher eine abschätzige Charakterisierung.

Zauberer sind in Ordnung, aber Hexen?

Auf der anderen Seite müssen populäre Dinge nicht immer gut sein. Es gab Zeiten in Europa, in denen Hexenverbrennungen sich großer Beliebtheit erfreuten. Doch trotz ihrer damaligen Popularität sind Hexenverbrennungen nichts Gutes. Dieses Beispiel führt mich zu der vielleicht gar nicht so wilden Bedeutungsspekulation, dass Populismus populäre Dinge beschreibt, die trotz ihrer Beliebtheit nicht richtig und gut sind. Ob diese Spekulation etwas mit der wahren Bedeutung des Wortes zu tun hat, wird uns nun wie immer unser Lexikon verraten.

Was das Lexikon sagt

Zu meiner großen Freude hält unser Lexikon auch heute wieder einen Beitrag für uns bereit:

Populismus, der; -: 1. (Politik) von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (im Hinblick auf Wahlen) zu gewinnen. 2. Literarische Richtung des 20. Jh.s, die bestrebt ist, das Leben des einfachen Volkes in natürlichem realistischem Stil ohne idealistische Verzerrungen für das einfache Volk zu schildern.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1781.

Ich ignoriere an dieser Stelle kurz meine Unkenntnis der Worte „Opportunismus“ und „demagogisch“ und konzentriere mich auf einen anderen Punkt des Lexikon-Eintrages, der es mir in diesem Moment schwer macht, die richtigen Worte zu finden. Wie kann ein Wort politisch negativ geprägt sein und literarisch positiv?

Auch das Internet weiß nicht alles.

Gerade habe ich versucht, im Internet ein Beispiel für die literarische Richtung Populismus zu finden, doch die ersten zwei Seiten der Suchmaschine haben mir kein einziges passendes Ergebnis geliefert. Hier tauchen lediglich viele Artikel zur Definition von Populismus auf.

Doch zum Glück hält unser Lexikon noch einen weiteren Eintrag zum Thema bereit, der uns verrät, dass die Hauptvertreter des literarischen Populismus L. Lemonnier, André Thérive, Eugène Dabit, J. Prévost und H. Poulaille sind. Dank Internet konnte ich zumindest zwei Vornamen der genannten Autoren ausfindig machen und in der Liste ergänzen.

Die kurze Autorenrecherche hat mir geholfen den Zusammenhang zwischen der politischen und der literarischen Bedeutung des Populismus zu verstehen.

Ob das schöne Urlaubsgeschichten sind?

Als der Populismus Anfang des 20 Jahrhunderts entstand, befand sich die Welt  im Umbruch und wurde das erste Mal in der Geschichte der Menschheit durch einen Weltkrieg erschüttert. Dies ist ein wichtiger Punkt. Denn erst so verstehen wir, dass viele Autoren des Populismus realistisch über eine Zeit schrieben, die vom Krieg geprägt war. Eugène Darbits Roman Hotel du Nord basiert auf der Geschichte seiner Eltern, die 1923, also nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, ein Hotel erwarben. Ich werde dieses Buch auf meine Leseliste setzen, aber irgendetwas sagt mir, dass die Geschichte des Hotel du Nord nicht der gleichen werden, dir wir heute in einem 5 Sterne Hotel in Frankreich erwarten.

Während der literarische Populismus also das Ziel hatte, das reale Leben in einer vom Krieg gebeutelten Welt zu schildern, hat der politische Populismus diese Idee des realen Lebens aufgegriffen, um eine Nähe zu den Wählern zu erzeugen. Da das allein nicht reicht, um Wählerstimmen zu gewinnen ist es sinnvoll, einen Handlungsdruck zu erzeugen, der dann in Kombination mit den Worten „Opportunismus“ und „demagogisch“ zu Populismus wird.

Fazit

Journalisten berichten über Politik.

Nie hätte ich gedacht, heute etwas über Literatur zu lernen. Zudem freue ich mich, dass ich endlich verstehe, warum der Begriff Populismus so häufig in Nachrichten auftaucht: Die Tatsache, dass Journalisten und Nachrichten häufig das Wort Populistisch nutzen liegt daran, dass Journalisten und Nachrichten häufig über Politik berichten.

Um den politischen Populismus zu verstehen, werde ich nicht umhinkommen, mich mit den Begriffen „Opportunismus“ und „Demagogie/demagogisch“ zu beschäftigen. Doch diese Aufgabe überlasse ich zukünftigen Blogbeiträgen und möchte diesen Beitrag mit einer Frage an Dich beenden:

Hast Du schon einmal ein Buch gelesen, das dem literarischen Populismus angehört? Wenn ja, wie heißt es und wie war es?