Sorgen mehr Stoppschilder für mehr Verkehrssünder?

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Sind Stoppschilder selbsterfüllende Prophezeiungen?

Selbsterfüllende Prophezeiungen, sind ein Thema, das so bekannt ist, dass es in Form von Redewendungen wie „Ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden“ sogar Einzug in unseren Wortschatz gefunden hat. Wer mit dem falschen Fuß aufgestanden ist – wem also morgens schon etwas wirklich Dummes passiert ist -, weiß schon am Anfang des Tages, dass dieser Tag ein schlechter Tag wird. Und damit hat er meistens recht.

Bevor ich

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

gelesen habe, hatte ich mir nie so recht Gedanken gemacht, dass es selbsterfüllende Prophezeiungen auch in einem größeren Kontext geben könnte.

Selbsterfüllende Prophezeiungen im gesellschaftlichen Kontext

Damit wir greifen können, was genau Paul meint, gibt er uns gleich fünf Beispiele zu diesem Thema:

Sorgen hohe Steuern für Steuerhinterzieher?
  1. Wenn einer Minderheit der Zugang zu „normalen“ Erwerbsquellen verwehrt wird, weil die Mehrheit glaubt, dass die Minderheit faul, geldgierig und volksfremd ist, so wird die Minderheit gezwungen „unnormale“ Erwerbsquellen als Trödler, Schmuggler oder Pfandleiher zu erschließen, was den Glauben der Mehrheit bestätigt.
  2. Je mehr Stoppschilder aufgestellt werden, desto mehr Autofahrer werden zu Verkehrssündern. Das befeuert wiederum den Wunsch auf Seiten der Stoppschilder-Aufsteller, nach noch mehr Stoppschildern.
  3. Je mehr eine Nation sich bedroht fühlt, desto mehr wird sie aufrüsten und damit seine Nachbarn ebenfalls zur Aufrüstung motivieren. Die gegenseitige Aufrüstung macht einen Krieg zu einer Frage der Zeit.
  4. Je höher die Steuersätze eines Landes geschraubt werden, um die Ausfälle durch Steuerhinterzieher zu vermeiden, desto mehr werden auch ehrliche Bürger zur Steuerhinterziehung motiviert.
  5. Jede Prophezeiung von einer bevorstehenden Verknappung einer Ware wird zu Hamsterkäufen und zu einer Verknappung der Ware führen, wenn nur genügend Menschen an diese Prophezeiung glauben.
Toilettenpapier, das Topprodukt 2020?

2020 hatten die Deutschen die „Freude“, Beispiel Nummer fünf live mitzuerleben. Betroffen waren aus mir bis heute unbekannten Gründen Toilettenpapier und Hefe. Während der Handel den Mangel an Toilettenpapier schnell wieder in den Griff bekommen hat, ist in den meisten Läden, die ich normalerweise aufsuche, Trockenhefe bis heute ein selten gesehener Gast. Möglicherweise liegt das daran, dass Toilettenpapier zu Hause deutlich mehr Platz wegnimmt als Trockenhefe.

Was die Punkte zwei und drei auf der Liste angeht, bin ich mir nicht sicher.

  • Als Historikerin weiß ich, dass während des Kalten Krieges das größte Wettrüsten aller Zeiten dazu führte, dass kein Krieg ausbrach, da beide Seiten wussten, dass dieser aufgrund der nuklearen Waffen nicht nur den Feind, sondern gleich die ganze Welt vernichten könnte. In diesem Fall sorgte die Aufrüstung für Frieden.
  • Ich bin Fahrradfahrer und gehöre zu jenen, die selbst beim Rechtsabbiegen an einer grünen Ampel stehenbleiben, weil ich immer das Gefühl habe, dass ich etwas übersehen haben könnte und jemanden gefährde, wenn ich bei Grün abbiege. Doch ich erlebe auch, dass mein Verhalten nicht von allen Radfahrern geteilt wird.

Doch da Ausnahmen bekanntlich die Regel bestätigen, kann es absolut sein, dass Paul mit diesen zwei Punkten recht hat.

Spannend finde ich die Punkte eins und vier. Daher schauen wir uns diese genauer an.

Was passiert, wenn normale Erwerbsquellen verboten sind?

Ohne zu recherchieren fallen mir zwei Gruppen ein, denen normale Erwerbsquellen mehr oder weniger verboten sind:

  1. Viele Ausländer, die verpflichtet sind in einer Aufnahmeeinrichtung zu wohnen (§61 Asylgesetz (AsylG))
  2. Arbeitslose

Mit beiden Themen habe ich mich noch nicht intensiv beschäftigt, dennoch ist es mir rätselhaft, warum diesen beiden Gruppen für das Arbeiten Steine in den Weg gelegt werden.

  • Warum darf ein Ausländer in einer Aufnahmeeinrichtung nicht einfach arbeiten und so dafür sorgen, dass er eine wirtschaftliche Basis für sein Leben schafft?
    • Menschen, die sich besser mit dem Thema auskenne als ich, würden nu an dieser Stelle wahrscheinlich folgendes einwerfen: „Asylbewerber sind solange von der Arbeit ausgeschlossen, solange über ihren Asylantrag noch nicht entschieden ist. Dafür bekommen sie eine Unterkunft und Geld für ihr Leben. Dieses alles wird von denen finanziert, die in Deutschland Steuern zahlen.“ Auf den ersten Blick finde ich das nachvollziehbar, auf den zweiten Blick werde ich das Gefühl nicht los, dass wir an dieser Stelle einige „schwierige“ Signale senden:
      • Wir verzögern erschweren eine Integration unnötig, indem wir berufliche Chancen, die sich in dieser Zeit auftun verwehren
      • Wir bezahlen, obwohl dies möglicherweise nicht notwendig ist. Ist es echt so schlimm, wenn ein Asylbewerber so viel Geld verdient, dass er seine Unterkunft und sein Leben selbst finanzieren kann?
      • Wir „zwingen“ einen Menschen, der sein normales Leben gerade verloren hat in eine Warteposition.
  • Warum dürfen Arbeitslose lediglich 165 € im Monat hinzuverdienen? Wäre es nicht besser, ihnen unendlich viel Verdienst zu ermöglichen, der ganz normal versteuert ist und so dafür zu sorgen, dass sie Schritt für Schritt wieder in den normalen Arbeitsmarkt zurückfinden?
Arbeit ist oft auch soziale Integration.

Wir haben eine Gesellschaft, die Arbeit wertschätzt. Menschen, die arbeiten, werden als gute Menschen angesehen, weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen und damit der Allgemeinheit, also dem Steuerzahler, nicht auf der Tasche liegen. Menschen, die arbeiten, knüpfen soziale Kontakte, und diese sorgen dafür, dass es ihnen gut geht. In den letzten Monaten haben wir erlebt, wie schlimm es für viele Menschen ist, den Kontakt zu ihren Kollegen zu verlieren, weil sie nicht ins Büro dürfen.

Wenn wir Menschen den Zugang zur Arbeit verweigern oder erschweren, nehmen wir ihnen die Chance auf ein „normales“ soziales Leben und erschweren ihnen so in der Zukunft den Zugang in den aktiven Arbeitsmarkt.

Solange Arbeit einen so wichtigen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat, sollten meiner Ansicht nach alle Menschen arbeiten dürfen, die arbeiten möchten und einen Arbeitgeber finden, der sie gerecht dafür entlohnt.

Wie müssen Steuergesetze aussehen, die Menschen dazu motivieren, Steuern zu zahlen?

Um eines ganz klar zu sagen: Ich bin für Steuern. Ich finde es fantastisch, dass ich mich um viele Dinge nicht kümmern muss, weil sie dank meiner und Deiner Steuern einfach magisch da sind.

Steuern zahlen ist der Hammer!

Wenn „schlechte“ Steuergesetze Menschen zur Steuerhinterziehung motivieren, müssten „gute“ Steuergesetze Menschen doch auch dazu motivieren können, gern Steuern zu zahlen, oder? Doch wie müssten diese Gesetze aussehen?

  • Würden niedrige Steuern Menschen motivieren, Steuern zu zahlen?
  • Würden einfache Steuergesetze Menschen dazu motivieren, Steuern zu zahlen?
Die Steuern sind schon bezahlt, der Rest gehört mir.

Ich kenne die Antworten nicht und freue mich an dieser Stelle auf Deinen Input. Ich wünsche mir für mich ein einfaches Steuersystem, bei dem in dem Moment, in dem Geld auf meinem Konto eingeht, sofort weiß, dass X Prozent davon an den Staat gehen und ich mir danach über Steuern und Co. keine Gedanken mehr machen muß. In diesem System

  • wäre ich mir immer sicher, dass ich keine offenen Steuer-Rechnungen mehr habe,
  • könnte ich völlig entspannt Preise und Co. kalkulieren, da ich einfach immer nur x Prozent on top für Steuern kalkulieren müsste,
  • müsste ich keine Zettelwirtschaft betreiben und darauf achten, dass auch wirklich jeder Beleg an die richtige Stelle gelangt.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass „mein Wunschsteuersystem“ Probleme mit sich bringt, die ich aktuell nicht sehe. So wäre ich nicht glücklich, wenn der Prozentsatz bei 90 % läge. Doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Transparenz und Kalkulierbarkeit eines solchen Systems einen unglaublichen Mehrwert bieten würde. An dieser Stelle interessiert es mich nun brennend, wie Dein Wunschsteuersystem aussähe.

Fazit

Wir können Systeme, in denen wir leben gestalten.

Die Frage ob mehr Stoppschilder für mehr Verkehrssünder sorgen, konnte ich heute leider nicht beantworten, und daher bin ich auf Deine Erfahrungen gespannt. Wir haben allerdings dank Paul gesehen, dass das System, in dem wir leben, seine Schwächen hat. Und das Großartige daran ist, dass wir das ändern können. Schließlich haben wir diese Systeme erschaffen.

UPDATE 17.09.2020: Dank der wunderbaren Gesine Otto kann ich – nur einen Tag nach dem Erscheinen dieses Beitrages – die Frage beantworten, was passiert, wenn eine Stadt auf Verkehrsschilder verzichtet: Die Mehrheit der Befragten sind ohne Schilder glücklich. Auch wenn das Konzept der schilderlosen Stadt noch in den Kinderschuhen steckt finde ich den Ansatz unglaublich inspirierend.

Was meinst Du würde passieren, wenn unser System auf Gesetzen basieren würde, die davon ausgehen, dass jeder Mensch großartig ist? Was wäre, wenn wir Gesetzestexte gern zur Hand nehmen würden, weil sie leicht verständlich geschrieben sind und zwischen den Zeilen zu lesen wäre, dass unser System daran glaubt, dass wir es gut mit ihm, unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und mit uns meinen?

Dir wünsche ich an dieser Stelle einen fantastischen Tag. Ich werde nun noch etwas meinen Tagträumen nachhängen und darüber nachdenken, ob wir Gesetze als eine Art positive Gehirnwäsche einsetzen könnten.