Wusstest Du, dass es eine Digitalcharta gibt?

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WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Goldman Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

Prinzessin, ich rette Dich.

Mein Herz schlägt für die Digitalisierung. Alles begann mit meinem sehnlichen Wunsch nach einer Spielkonsole namens N64 von Nintendo. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als mit der Spielfigur namens Mario die Prinzessin zu retten. Eines schönen Tages Anfang der 90er Jahre schenkte mir mein Vater einen C64. Ich habe bis heute nicht den Hauch einer Ahnung, ob er nur einen Buchstaben vertauscht hatte, oder ob er seiner Tochter lieber einen Computer als eine Spielkonsole schenken wollte. Doch was auch immer der Grund war, mit diesem Geschenk begann mein digitales Leben.

Seitdem ist viel passiert, und mein Leben wurde immer digitaler

  • Meine Jugend habe ich – vermutlich ohne das Wissen meiner Eltern – in Internetcafés verbracht.
  • Während ich mich in einem Schuljahr in den USA bemühte, ein verständliches Englisch zu erlernen, hielt ich via Skype und mit einem langsamen Modem im Keller sitzend den Kontakt nach Hause.
  • Mein gesamtes Berufsleben habe ich in Unternehmen gearbeitet, die Ihre Dienstleistungen und Produkte über das Internet vertrieben.
Was wäre die Welt nur ohne Philosophen?

Die Digitalisierung hat bis heute massiven Einfluss auf mein Leben und liegt mir nicht erst seitdem ich ein Digital Transformation Manager bin sehr am Herzen. Daher war ich sehr erstaunt, dass ich nicht wusste, dass es eine „Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ gibt. Doch zu Glück gibt es Philosophen, die in Büchern wie

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

über diese Charta schreiben und ihren Lesern damit wertvolles Wissen schenken.

Brauchen wir eine Digitalcharta?

Das Internet ist ein Geschenk.

Für mich ist das Internet ein Geschenk und ein wahrer Wissensschatz. Die Digitalisierung ist in meiner Wahrnehmung die größte Chance, die die Menschheit je hatte, eine Welt zu erschaffen, die nicht mehr nur von Arbeit und Status, sondern von Wertschätzung, Gemeinschaft und Kreativität geprägt ist. Ich träume von einer Welt, wie sie in Star Trek gemalt wird: Eine Welt, die sich gemeinsam auf die Reise macht, um das Wissen des Universums zu erforschen. Eine Welt, die geprägt ist von Neugier und Spieltrieb. Eine Welt, in der sich niemand Gedanken darüber machen muss, ob es genug zu essen und zu trinken gibt und ob jeder sein Haus oder seine Wohnung behält. Ohne es geprüft zu haben, bin ich der festen Überzeugung, dass wir schon jetzt ausreichend Ressourcen haben, um genau solch eine Welt zu schaffen.

Ein Wohnort ohne Einkommen.

Die Welt, in der wir leben, befindet sich aktuell im Umbruch. Umbruch bedeutet Veränderung, und Veränderung bedeutet für gesunde Menschen in der Regel Stress, insbesondere dann, wenn sie keine Ahnung haben, wo die Reise hingehen soll. Veränderung und Unsicherheit über die Zukunft lassen ängstliche Gedanken und Fragen in unseren Köpfen kreisen. Kein Wunder also, wenn wir zum Beispiel häufig der Frage begegnen, ob Roboter und Künstliche Intelligenz uns bald unsere Arbeitsplätze wegnehmen. Über Jahrhunderte haben wir gelernt, dass Arbeit wichtig für die Gesellschaft ist und wir dadurch zu wertvollen Menschen werden. Daher ist es nur verständlich, dass wir Angst haben, unsere Arbeit zu verlieren. Schließlich ist der Verlust der Arbeit aktuell gleichbedeutend mit dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz. Keine Arbeit bedeutet aktuell oft kein Essen, keine Wohnung und Armut.

Wir brauchen eine große digitale Vision.

In meinen Augen brauchen wir dringend eine Digitalcharta, in der wir die Welt beschreiben, in der wir leben wollen. Wir brauchen eine Digitalcharta, die uns verrät, wie die Alternativen zum heutigen Arbeitsleben aussehen könnten. Wir brauchen eine Digitalcharta, die uns die Sicherheit gibt, dass wir auch ohne 40-Stunden-Woche in der Lage sind, ein gutes Leben und erfülltes zu haben und weder Hunger noch Obdachlosigkeit fürchten müssen. Eine Digitalcharta mit einer starken digitalen Vision kann uns in Bezug auf die Digitalisierung die psychologische und materielle Sicherheit gewähren, die uns aktuell fehlt. Im Mittelpunkt der Digitalisierung steht der Mensch. Computer, Maschinen und Roboter haben nur eine Aufgabe: Dafür zu sorgen, dass es den Lebewesen in dieser Welt gut geht.

So, und nun genug der Vorrede. Jetzt ist es an der Zeit, einen Blick auf jenes Werk zu werfen, das den großartigen Titel „Charta der digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ trägt.

Was besagt die Digitalcharta?

Nachdem ich die Digitalcharta gelesen habe – was mich aufgrund der steifen Formulierungen ziemlich viel Überwindung gekostet hat -, bin ich hin und her gerissen. Wirklich gut gefallen hat mir der folgende Satz am Anfang des Dokuments:

„das Digitale nicht als Quelle der Angst, sondern als Chance für ein gutes Leben in einer globalen Zukunft zu erfassen“.

Beim Lesen habe ich auch einige Stellen entdeckt, die noch Luft nach oben haben:

  • An einigen Stellen werden Gefahren von Technologien benannt, doch es wird nicht auf deren Chancen eingegangen:
    • Bsp.: „(2)  Neue Gefährdungen der Menschenwürde ergeben sich im digitalen Zeitalter insbesondere durch Big Data, künstliche Intelligenz, Vorhersage und Steuerung menschlichen Verhaltens, Massenüberwachung, Einsatz von Algorithmen, Robotik und Mensch-Maschine-Verschmelzung sowie Machtkonzentration bei privaten Unternehmen.“
  • Manche Stellen sind in sich widersprüchlich:
    • Bsp.: „(1) Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.“ Wie können wir in einem Atemzug Zensur verbieten und sie im nächsten fordern?
  • An einigen Stellen werden Technologien genannt, und es wird vorausgesetzt, dass diese dem Leser bekannt sind, was nicht immer der Fall sein muss.
  • Und dann gibt es noch den einen Satz, der mich mit der unbeantworteten Frage „Warum eigentlich“ zurücklässt:
    • „(1) Arbeit bleibt eine wichtige Grundlage des Lebensunterhalts und der Selbstverwirklichung.“
Der Anfang ist gemacht.

In meiner Wahrnehmung markiert das Dokument einen wichtigen Anfang und gibt mir die Hoffnung, dass wir in der Lage sind, unsere Digitale Zukunft zu gestalten. Ich habe gerade gesehen, dass es noch eine aktuellere Version der Digitalcharta aus 2018 geben soll, nur fehlt mir an dieser Stelle die Zeit, auch diese zu lesen und zu analysieren.

Zu meiner großen Freude haben uns die Initiatoren des Dokuments den Twitter Hashtag #digitalcharta geschenkt und uns damit die Chance gegeben, über das Dokument zu diskutieren und es zu gestalten. Ist das nicht ein wunderbarer Schlusssatz. Denn Dir ist nun die Macht gegeben, jene Welt zu erschaffen, in der Du gern leben möchtest.