4,2 min readPublished On: 15. Februar 2022By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du was Reziprozität ist?

Wenn eine gelbe und eine grüne Erbse gekreuzt werden entsteht welche Farbe?

Irgendwie erinnert mich der Begriff an meinen Biologieunterricht in der Schule. Dank

Martin A. Nowak & Roger Highfield: Kooperative Intelligenz. Das Erfolgsgeheimnis der Evolution

weiß ich, dass Reziprozität etwas mit der Erfahrung zu tun hat, die wird im Umgang mit anderen Menschen machen.

  • Doch nutzen wir dafür ein so kompliziertes Wort?
  • Woher stammt der Begriff Reziprozität?
  • Kann es sein, dass sich hinter dem Begriff mehr als nur eine Bedeutung verbirgt?

Lass uns doch einmal schauen, ob unser Lexikon die Antworten auf unsere Fragen kennt.

Was das Lexikon sagt

Im ersten Moment habe ich mich sehr gefreut, dass unser Lexikon auch heute wieder folgenden passenden Eintrag für uns bereithält:

„Reziprozität, die; – (Fachspr.): Gegen-, Wechselseitigkeit, Wechselbezüglichkeit.“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 1908.

Es geht um Gegenseitigkeit.

Leider beantwortet der Eintrag nur eine unserer Fragen: Der Begriff hat lediglich eine Bedeutung. Es geht im Großen und Ganzen um die Gegenseitigkeit, die sich entgegen meiner Erwartung aber nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen beschränkt.

Zum Glück hält unser Lexikon noch einen weiteren Beitrag bereit, der uns die Antworten auf unsere anderen Fragen liefert:

„reziprok <Adj.> [(frz. réciproque <) lat. reciprocus = auf demselben Wege zurückkehrend] (Fachspr.): wechselseitig, gegenseitig [erfolgend], aufeinander bezüglich: -e Verhältnisse; reflexive Pronomen können r. gebraucht werden.“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 1908.

Der Begriff hat seinen Ursprung im Französischen bzw. Lateinischen. Aus diesem Ursprung können wir ableiten, dass dieses komplizierte Wort aus dem einfachen Grund verwendet wird, weil es Menschen aus bestimmten Fachrichtungen dabei hilft, präziser miteinander zu kommunizieren.

Da unser Lexikon uns die Übersetzungen der beiden Begriffe vorenthält, habe ich diese schnell im Internet recherchiert, um sicherzugehen, dass sich hinter den Übersetzungen kein zusätzliches Wissen verbirgt, das wir bis hierhin übersehen haben:

réciproque – das Gleiche, beiderseitig,      gegenseitig,          reziprok, wechselseitig, kopplungssymmetrisch

reciprocus – Gegenseitigkeit

Was unser Autor sagt

Reziprozität beeinflusst menschliche Kooperation.

Unser Autor verwendet den Begriff Reziprozität im Zusammenhang mit Kooperationen zwischen Menschen. Demnach gibt es zwei Arten von menschlicher Reziprozität:

  • direkte Reziprozität – eigene Erfahrung im Umgang mit einem anderen Menschen,
  • indirekte Reziprozität – eigene und die Erfahrung anderer im Umgang mit einem anderen Menschen.

Bei der direkten Reziprozität vertrauen wir Menschen, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben und misstrauen Menschen, mit denen wir schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bei der indirekten Reziprozität basiert unser Vertrauen oder Misstrauen auch auf den Erfahrungen anderer. So haben wir zum Beispiel Hemmungen bei einem Unternehmen einzukaufen, von dem wir wissen, dass viele andere Menschen schlechte Erfahrungen mit diesem Unternehmen gemacht haben.

Die Reziprozität hat nach Auffassung unseres Autors massiven Einfluss auf die Kooperation zwischen Menschen:

  • so sorgt die indirekte Reziprozität in einem Dorf dafür, dass sich Dorfbewohner nicht auf Dauer auf Kosten anderer Dorfbewohner bereichern können, weil Dorfbewohner die schlechte Erfahrungen mit anderen Dorfbewohnern gemacht haben, diese Erfahrungen mit anderen teilen.
  • In großen Netzwerken ermöglicht die indirekte Reziprozität die Spezialisierung der einzelnen Mitglieder. In diesen Netzwerken sorgt der gute Ruf bzw. die Reputation eines Spezialisten dafür, dass wir unsere Torte von dem besten Konditor, unserer Schokoladen-Skulptur vom besten Chocolatier und unserer Brote vom besten Bäcker weit und breit machen lassen.

Auch wenn Gerede, Klatsch und Tratsch keinen guten Ruf haben, sind sie in gewissem Maße der Schmierstoff unserer Gesellschaft, weil sie Reputation erzeugen. Und die Reputation einer Person, die wir nicht kennen, bestimmt unsere Reaktion auf sie bzw. unsere Bereitwilligkeit, mit ihr zu kooperieren. Daher sind in großen Netzwerken Akte der Großzügigkeit laut unserem Autor eine großartige Idee, weil sie eine positive Reputation erzeugen.

Fazit

Da ist mehr wissen als vermutet.

Ich wette, wir haben mit diesem Beitrag nur an der Oberfläche von dem gekratzt, was sich alles an Wissen hinter diesem Begriff verbirgt. Der Lexikoneintrag vermittelt den Eindruck, dass der Begriff langweilig ist. Doch das, was unser Fachmann für Kooperation zu sagen hat, zeigt, dass wahrscheinlich in jeder Fachrichtig in der dieser Begriff verwendet wird, und somit weiteres wertvolles Wissen auf uns wartet.

Apropos Wissen. Unser Autor schenkt uns noch einen goldenen Wissensnugget für die nächste Party. Mit der Frage „Weißt Du warum Menschen ein so großes Gehirn haben?“ kannst Du sehr elegant in das Thema indirekte Reziprozität einsteigen und Deinem Gegenüber aufzeigen, dass ein kleines Gehirn nicht in der Lage wäre, die vielen Erfahrungen, die Menschen mit anderen Menschen in einem großen Netzwerk gemacht haben, zu verarbeiten.

An dieser Stelle bin ich neugierig: Wird der Begriff Reziprozität in Deiner Fachrichtung verwendet? Welche Bedeutung hat er in Deinem Gebiet?