6,8 min readPublished On: 16. Februar 2022By Tags: , , Categories: Bücher, Wissen

Was sind Denkhüte? – Oder wie kannst Du das volle Ideenpotenzial Deines Teams nutzen?

Das ist doch so offensichtlich.

Hast Du schon einmal einen Schlüsselmoment erlebt, in dem Dir etwas wie Schuppen von den Augen gefallen ist, etwas, das Du vorher noch nie gesehen hast?

Ich hatte solch einen Schlüsselmoment 2019 in meiner Weiterbildung zum Digital Transformation Manager. Damals kam ich zum ersten Mal mit dem Thema agiles Arbeiten in Berührung und ich hatte das große Glück, dass das Team, mit dem ich den ersten Monat der Weiterbildung verbrachte, eine unglaubliche Energie hatte.

Wenn ich mich noch recht erinnere, standen wir an einem Tag vor der Aufgabe, in einer bestimmten Zeit so viele Papierkügelchen wie möglich in einen Korb zu werfen. Jedes Kügelchen musste von jedem Teammitglied berührt werden, bevor es in den Korb geworfen wurde.

Wie können wir besser werden?

Nach dem ersten Durchlauf steckten wir unsere Köpfe zusammen und überlegten, wie wir unsere Leistung in der nächsten Runde maximieren könnten. Der Raum sprühte vor Energie. Jeder hatte Ideen, und so redeten wir durcheinander. Die Lautstärke stieg. Ich war so damit beschäftigt, anderen Ideen zuzuhören und meine eigenen dabei nicht zu vergessen, dass ich zusammenzuckte, als plötzlich ein Teammitglied rief: „Seid mal still, dieses Teammitglied hat eine Idee, die uns wirklich weiterbringen könnte.“

Hey, so laut bin ich doch gar nicht.

Verstummt und verdattert schauten wir die Sprecherin und dann das Teammitglied mit der Idee an. Wir waren so gespannt, dass man eine Feder im Raum hätte fallen hören können. Im nächsten Moment hörten wir die zarte Stimme des Teammitgliedes und die Idee, die uns in der nächsten Runde tatsächlich viel weiterbrachte. Eine Idee, die wir aufgrund der zarten Stimme niemals wahrgenommen hätten, wenn sie nicht von einem lauten Mitglied angekündigt worden wäre.

In diesem Moment wurde mir plötzlich bewusst, dass das Team, in dem ich so richtig aufblühte, auch das Team war, dass leise Stimmen bis zu diesem Zeitpunkt überhört hatte. Wir hatten das Glück, dass jemand im Team so umsichtig war, auch diesen Stimmen eine Bühne zu geben. Doch nicht jedes Team hat solch ein Teammitglied. Aus diesem Grund habe ich mich sehr gefreut, bei

Veronika Hucke: Fair führen

von einer Methode zu lesen, die es allen Teams ermöglicht, auch leise Stimmen zu hören. Doch bevor wir uns diese Methode im Detail anschauen, stellen wir noch eine weitere Methode vor, mit der Teams ebenfalls Potentiale schöpfen können.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Ich liebe Bücher auch.

Menschen tendieren dazu, sich mit Menschen zu umgeben, die ihnen ähnlich sind. Fußballfans hängen gern mit Fußballfans ab, Bücherwürmer unterhalten sich gern mit Bücherwürmern. Der Grund? Eine Leidenschaft, die man mit anderen teilt, sorgt in der Regel für spannenden Gesprächsstoff.

Trifft ein Fußballfan auf einen Bücherwurm, kann es passieren, dass die beiden kein Thema finden und sich anschweigen. Doch ab und an passiert dann etwas Magisches, wenn Menschen mit unterschiedlichen Leidenschaften aufeinandertreffen: Es entstehen völlig neue Ideen und Lösungen, weil unterschiedliche Arten zu denken aufeinandertreffen.

Genau diese unterschiedlich Art des Denkens macht sich das agile Arbeiten zunutze. Denn es legt Wert darauf, dass interdisziplinäre Teams zusammenarbeiten. Je bunter der berufliche Hintergrund der Teammitglieder ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Team Dinge erschafft, die nie zuvor erdacht worden sind.

Doch die Sache ist die: Auch Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen suchen Gemeinsamkeiten. So passiert es schnell, dass die Teammitglieder zwar alle möglichen beruflichen Hintergründe mitbringen, dass sie sich aber dennoch im Denken sehr ähnlich sind. Diese gleiche Art zu denken sorgt im schlimmsten Fall dafür, dass in einem Team, das sich vor allem aus Optimisten zusammensetzt, Gefahren und Risiken ignoriert werden und dass in einem Team von Zahlenjunkies Potenziale nicht ausgeschöpft werden, weil die Zahlen die Potentiale nicht erkennen lassen.

Die sechs Denkhüte

Mit genau dieser Problematik hat sich Edward de Bono intensiv beschäftigt. Er fand heraus, dass es im Großen und Ganzen sechs Arten des Denkens gibt:

  1. neutrales, analytisches Denken,
  2. subjektives, emotionales Denken,
  3. pessimistisches Denken,
  4. realistisch optimistisches Denken,
  5. innovatives, neues und assoziatives Denken,
  6. ordentliches und überblickendes Denken.

Jede diese Denkarten bietet wertvolle Informationen und daher ist es perfekt, wenn ein Team in der Lage ist, alle 6 Denkarten für sich zu nutzen. Um es Teams zu ermöglichen, das zu tun, verpasste Edward jeder Denkart einen farbigen Hut:

  1. Weiß – neutrales, analytisches Denken – Zahlen, Daten, Fakten.
  2. Rot – subjektives, emotionales Denken – Widersprüche, Meinungen, positive und negative Gefühle..
  3. Schwarz – Pessimistischer Kritiker – Risiken, Einwände, objektive Argumente.
  4. Gelb – realistischer Optimismus – Chancen und Vorteile, positive Argumente.
  5. Grün – Innovationen, Neuheiten und Assoziationen – Ideen und kreative Vorschläge sammeln.
  6. Blau – Ordnung, Durchblick, Überblick – Ideen und Gedanken strukturieren.

Mit Hilfe dieser Hüte können Teams die unterschiedlichen Denkarten für sich nutzen, indem sie beim Aufsetzen des Hutes in die jeweilige Rolle des Hutes schlüpfen. Dieser Rollenwechsel hilft zum Beispiel dem eigentlich „gelben“ Teammitglied sein Gesicht als Optimist zu wahren und dennoch schwarze Themen, also Risiken und Einwände anzubringen. Dank des Huts läuft das Teammitglied nicht Gefahr, als Nörgler oder Schwarzseher abgestempelt zu werden. Es nimmt nur die ihm übertragene Rolle wahr.

Die Methode der Denkhüte kann auf viele unterschiedliche Weisen genutzt werden. Die richtige Nutzungsart hängt z.B. von Deinem Team und der Euch zur Verfügung stehenden Zeit und der Größe des Themas ab. Unsere Autorin schlägt folgende Nutzungsweisen vor:

  1. Jeder im Team bekommt einen Denkhut und beschäftigt sich ausschließlich mit dieser Art des Denkens.
  2. Jeder im Team setzt im Stillen nacheinander alle Denkhüte auf und notiert die Gedanken. Anschließend werden die Gedanken aller in der Gruppe diskutiert.
  3. Kleine Gruppen ziehen sich mit jeweils einem Denkhut zurück und präsentieren ihre Ergebnisse anschließend der gesamten Gruppe.

Der Hut gibt leisen Teammitglieder eine Stimme

Mehr als ein Geschenk.

Das Spannende an dieser Methode ist in meinen Augen das Rollenkonzept. Dieses Rollenkonzept erlaubt es nicht nur völlig neue Perspektiven einzunehmen, es schenkt auch Präsentationsraum.

Wird ausschließlich einem leisen Teammitglied die Rolle des roten Hutes übertragen, dann gibt es kein anderes Teammitglied, das seine roten Argumente so laut vortragen kann, dass die des leisen Mitgliedes nicht gehört werden. Wenn das Team die Ergebnisse des roten Hutes wissen möchte, ist es auf das leise Teammitglied angewiesen und wird ihm daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die volle Aufmerksamkeit schenken, die das leise Teammitglied braucht.

Brauche ich echte Hüte für die Übung?

Nein, diese Übung lässt sich auch ohne Hüte durchführen. Meiner bescheidenen Meinung nach sind Hüte, aber auch andere farbliche Dinge, die sich schnell an und ablegen lassen, für diese Übung hilfreich. Zum einen erkennt das ganze Team sofort, in welcher Denk-Rolle der Sprecher gerade unterwegs ist. Zum anderen kann der Sprecher mit Hilfe des Aufsetzens und Absetzens eines Hutes auch deutlich machen, wann er eine Rolle wechselt.

Wer war Edward de Bono?

Nachdem wir nun die Methode kennen, ist es an der Zeit, etwas mehr über Ihren Erfinder zu erfahren, von dem uns unsere Autorin in ihrem Buch lediglich den Namen verrät.

Der 1933 in Malta geborene Edward de Bono hat sein Leben dem Thema „Denken als Fähigkeit“ gewidmet. Die sechs-Hüte-Methode ist nur eine von mehreren Methoden, die er entwickelt hat. 2021 verstarb Edward und hinterlässt der Welt unglaubliche 62 Bücher und 3 Fernsehserien.

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Ich finde die Methode unglaublich spannend und freue mich sehr darauf, sie im echten Leben auszuprobieren. In diesem Beitrag habe ich das Thema nur oberflächlich angekratzt. Wenn Du Dich intensiv mit der Methode beschäftigen möchtest, lohnt es sich auf https://www.six-thinking-hats.com/ vorbeizuschauen.