4.9 min readPublished On: 12. Oktober 2021By Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du was Skylla und Charybdis sind?

Mir sind diese beiden Begriffe noch nie zuvor begegnet. Daher habe ich keine Ahnung was es mit dem folgenden Satz auf sich hat:

„Die Navigation zwischen Skylla und Charybdis dies scheint eine Schlüsselqualifikation für den Dialog in Gesellschaft und Politik zu sein – und noch mehr zu werden!“

Gelesen habe ich ihn bei

Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik, S. 210.

Ob sich hinter den beiden Begriffen griechische Sagenfiguren oder mir unbekannte Wissenschaftler verbergen, wird uns mit etwas Glück nun unser Lexikon verraten.

Was das Lexikon sagt

Hey, ich bin kein Seeungeheuern, sondern niedlich.

Zu meiner großen Freude hält unser Lexikon auch heute einen Eintrag bereit, dem das Wunder gelingt, die Antwort für beide Begriffe zu enthalten:

„Skylla: griech. Form von ­Szylla.“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 2135.

„Szylla, (eindeutschend für lat.:) Scylla, (griech.:) Skylla: in der Wendung zwischen S. und Charybdis (bildungsspr.; In einer Situation, in der nur zwischen zwei Übeln zu wählen ist; nach dem sechsköpfigen Seeungeheuer der griechischen Mythologie, dass in einem Felsenriff in der Straße von Messina gegenüber der Charybdis einem gefährlichen Meeresstrudel, auf vorbeifahrende Seeleute lauerte).“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 2276.

Weil Geografie nicht zu meinen Stärken gehört, hat Google Maps mir verraten, dass sich die Straße von Messina zwischen der „Stiefelspitze“ von Italien und Sizilien befindet. Der Meeresstrudel, der hier der Sage nach drei Mal am Tag auftauchte, erfasste Schiffe, zog sie unter einen Felsen und zerschmetterte sie.

Was uns das Lexikon an dieser Stelle verschweigt, ist, dass die Skylla mehr zu bieten hatte als nur sechs Köpfe. Die Skylla war ein Ungeheuer mit

  • 6 Hundeköpfen mit jeweils drei Reihen Zähnen am Unterleib,
  • 1 Frauenoberkörper,
  • 12 Füße,
  • 6 Schlangenhälsen.

Dieses Schiff wird wie eine Nussschale am Felsen zerschellen.

Mit der Skylla nahm es in der griechischen Mythologie auch Odysseus auf, nachdem er erfolgreich die Begegnung mit den Sirenen überlebt hatte. Als seine Schiffsmannschaft den Strudel erblickten, musste Odysseus Überzeugungsarbeit leisten, um die Mannschaft dazu zu bringen, sich der Gefahr des Strudels zu stellen. Damit sie nicht direkt flüchteten, verschwieg er ihnen  sein Wissen über dieSkylla und legte eine Rüstung an, um gegen die Skylla gewappnet zu sein. Denn Odysseus wußte, dass die Skylla gern 6 Menschen (für jeden Hundekopf einen)  fraßund deshalb auf die Schiffen wartete, die jenen Felsen passierten, den die Skylla bewohnte. Doch es kam, wie es kommen musste. Während die Schiffsbesatzung damit beschäftigt war, nicht vom Strudel verschlungen zu werden, näherte sich das Schiff der Skylla und diese schnappte sich 6 Seeleute von Odysseus Schiff, die diese Begegnung nicht überlebten.

Der Satz unserer Autoren

Schauen wir uns mit diesem Wissen nun an, ob wir den Satz unserer Autoren entschlüsseln können. Mit diesem Wissen würde ich den Satz wie folgt übersetzen:

„Die Navigation zwischen Skylla und Charybdis dies scheint eine Schlüsselqualifikation für den Dialog in Gesellschaft und Politik zu sein – und noch mehr zu werden!“

Die Begegnung mit einem reißenden Strudel und einem Seeungeheuer zu überleben, scheint die Schlüsselqualifikation für den Dialog in Gesellschaft und Politik zu sein – und noch mehr zu werden.

Jetzt macht das Sinn.

An dieser Stelle habe ich nun endlich verstanden, worauf die Autoren hinauswollen. In ihrem Buch gehen sie der Frage nach, wie ein Dialog ohne Eskalation zwischen Personen gelingen kann, die völlig unterschiedlicher Meinung sind. An vielen Themen sind Politik und Gesellschaft inzwischen so sehr gespalten, dass die Geschichte von Odysseus wie die Faust aufs Auge passt.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Ernährung. Auf der einen Seite stehen Menschen, die gern Fleisch essen und dieses nach allen Regeln der Kunst zubereiten. Auf der anderen Seite stehen Veganer, die in jedem Stück Fleisch den Teil eines toten Tieres sehen. Ich gehöre keiner der beiden Seiten an. Ich brauche werde jeden Tag Fleisch, noch möchte ich auf einen schönen Burger verzichten, wenn ich wirklich Lust darauf habe. Wenn ich in meinen Burger beiße, verschwende ich keinen Gedanken daran, dass ich ein totes Tier esse. Ganz anders sieht es aus, wenn es darum geht, Fleisch wegzuwerfen. Dann denke ich daran, dass dafür ein Tier gestorben ist und lehne es daher ab, dieses zu verschwenden. Wenn es um das Thema Fleisch geht, navigiere ich die ganze Zeit zwischen Skylla und Charybdis und versuche nach fast 40 Jahren noch immer, den richtigen Weg für mich zu finden.

Fazit

In meinem Augen sprechen die Autoren ein wichtiges Thema an. Wir haben aktuell viele Themen in Gesellschaft und Politik, auf die es keine einfachen richtigen Antworten gibt. Die Herausforderung ist es, sich in diesen Themen nicht zu versteifen und andere Meinungen zu verdammen und so eine Gesellschaft entstehen zu lassen, die so mit Grabenkämpfen beschäftigt ist, dass sie keine Zeit mehr findet, das Leben zu genießen.

Wir alle haben jeden Tag 24 Stunden, und wir alle entscheiden jeden Tag, wie wir sie nutzen. Wenn wir in diesen 24 Stunden jedem Menschen mit Misstrauen begegnen, gestaltet sich unser Tag anders, als wenn wir den gleichen Menschen mit Wohlwollen begegnen. Ich habe mich vor langem dafür entschieden, das Misstrauen in meinem Leben zu reduzieren und mag die Dinge, die entstehen, weil ich Menschen vertraue. In dieser Zeit sind mir auch Menschen begegnet, die mich enttäuscht haben, doch es sind wirklich wenige und bei den meisten von ihnen glaube ich fest daran, dass sie die Kurve noch kriegen können.