Wie schwierig kann es sein, die Sache mit den öffentlichen Toiletten in den Griff zu bekommen?

Jeder von uns tut es, kaum einer redet darüber. Toiletten sind ähnlich wie der Tod ein Thema, über das man nicht spricht. Da ich mich zwar unfassbar gern an Regeln halte, aber selten an Soziale Konventionen wie z. b. „das macht man nicht“, nehme ich mich heute einmal des Themas an, denn irgendwie begegnet es mir in letzter Zeit sehr oft. Ich möchte also die Gelegenheit nutzen, alle Fragmente, die sich bei mir in letzter Zeit zu diesem Thema angesammelt haben, an einem Ort zusammenzutragen.

Ich benutzt die auch, aber verrate es ja Keinem.

Sieh mir bitte nach, dass es in diesem Text keinen echten roten Faden gibt. Das WC ist das einzig verbindende Element all der Geschichten, die nun folgen. Ich teile sie mit Dir in der Hoffnung, dass Du Dein WC-Wissen mit mir teilst. Ich hoffe, durch die geteilten Geschichten finden wir einen Weg, das Thema in den Griff zu bekommen.

Wie ich öffentliche WCs meide

Wer mich gut kennt, weiß, dass ich auf An- und Abreisen möglichst wenig bis gar nichts esse und trinke. Zu groß ist mein Grusel vor öffentlichen WCs. Irgendwie habe ich über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass WCs, die von vielen Personen genutzt werden, so schmutzig sein können, dass ich sie nicht benutzen möchte.

Dabei weiß ich, dass das gar nicht so sein muss. Wenn ich die Toiletten auf dem Berliner Flughafen mit den Toiletten auf dem Flughafen in Bangkok vergleiche, dann liegen Welten dazwischen. Letztere sind in einem Zustand, dass ich mich zum Glück nicht gruseln muss. Und das ist wunderbar, denn in heißen Ländern funktioniert meine WC-Vermeidungstaktik nicht. Da macht mir mein Kreislauf einen Strich durch die Rechnung.

Bis vor kurzem dachte ich, dass meine öffentliche WC-Aversion, ein Maria-Only-Problem ist, doch so langsam begreife ich, dass dem nicht so ist.

Mit Münzen kommst Du hier (nicht mehr) rein

Vor einer halben Ewigkeit hat Berlin einen Weg gefunden, immer saubere WC bieten zu können. Dieser Weg sind WCs auf öffentlichen Plätzen, die sich nach jeder Nutzung selbst reinigen. Dieses YouTube Video zeigt zwei Exemplare dieser WCs.

Letztens bin ich an einem solchen WC vorbeigelaufen und habe festgestellt, dass der Münzeinwurf nicht mehr möglich war. Wer das WC nutzen möchte, braucht eine Karte oder irgendein elektronisches Zahlungsmittel. Menschen, die diese Art Zahlungsmittel nicht zur Verfügung haben, sind somit von der Nutzung der Örtlichkeit ausgeschlossen.

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Als ich mit jemensch meine Irritation über die Änderung der Zahlungsart teilte, bekam ich zur Antwort, dass die Münzfächer wohl zu oft aufgebrochen wurden und dass die Zahlungsart daher nicht mehr zur Verfügung steht.

Wer Essen und sitzen anbietet, muss WCs zur Verfügung stellen

Zeichnung. Es ist ein Haus zu sehen, in dem es etwas zu essen geht. Davor steht eine Ameise auf 2 Hinterbeinen.
Herzlich willkommen, hier gibt es Essen und ein stilles Örtchen.

Vom Hörensagen und eigenem Erleben (mit den genauen gesetzlichen Regeln kenne ich mich nicht aus) weiß ich, dass Geschäfte, die Essen zum Verzehr vor Ort anbieten, den eigenen Gästen ein WC zur Nutzung bieten müssen.

Weil sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt, steigen die Anforderungen an das WC. So wird seit der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention im Jahr 2009 durch Deutschland verstärkt durch den Gesetzgeber darauf geachtet, das Ladengeschäfte mit WC-Pflicht auch barrierefreie WCs zur Verfügung stellen.

Hinzu kommt, dass die Gesellschaft so langsam an den Punkt kommt, dass sie Menschen nicht mehr zwanghaft zwei Geschlechtern zuordnet. Dieser Prozess geht nicht von heute auf morgen, und so entsteht eine Gleichzeitigkeit von Bedürfnissen. Da gibt es die einen, die ein Damen- und ein Herren-WC gewohnt sind und an dieser Gewohnheit nicht rütteln wollen; und dann gibt es die anderen, die auf beiden WCs immer wieder darauf angesprochen werden, dass sie „hier wohl falsch seien“, und für die eine All-Gender-Toilette deutlich angenehmer wäre.

All das unter eine Hut zu bekommen ist nicht einfach, und ich sehe nicht, wie wir auf die Idee kommen,  all diese Themen auf dem Rücken von Inhabenden von Ladengschäften auszutragen.  

Zugang zum Abstellraum, ähm, barrierefreien WC nur auf Nachfrage

Inzwischen gibt es einige Orte, die über barrierefreie WCs verfügen. Doch die Sache ist die: Die Nutzung dieser WC ist manchmal deutlich komplizierter.

In einem Buch von einem Menschen im Rollstuhl habe ich letztens gelesen, dass in einer Kölner Kneipe das barrierefreie WC als Getränkelager genutzt wurde, was dafür sorgte, dass das WC nicht mehr barrierefrei war.

In einem Einkaufscenter in meiner Näher ist die barrierefreie Toilette im Erdgeschoss seit Jahren defekt. Ab und zu sehe ich eine Reinigungskraft in den Raum gehen, der offenbar inzwischen ein praktischer Lagerraum für Reinigungsutensilien ist.

Ein Mensch in einem Rollstuhl
Du kannst Dir doch auch nichts schöneres vorstellen, als immer nach nem Schlüssel oder um Hilfe fragen zu müssen, oder?

In einer Bibliothek mit All-gender-Toiletten konnte jedes WC bis auf das barrierefreie von jeder Person genutzt werden. Wer das barrierefreie WC nutzen wollte, musste sich einen Schlüssel organisieren.

Das Projekt Toiletten für Alle weist darauf hin, dass selbst intakte und schlüsselfreie WCs nicht für jede Person barrierefrei sind, die ein barrierefreies WC brauchen. Das Projekt versucht mit Hilfe einer Karte von geeigneten Toiletten das Problem zu lösen.

Wer pullern muss, muss allein gehen

Letztens war ich in der Ausstellung Berlin Global im Humbold Forum. Ein Raum in der Ausstellung wurde von Neuköllner Vereinen gestaltet. In diesem Raum lief ein Tonband, auf dem eine Schülerin aus Neukölln die Toilettensituation an ihrer Schule schilderte. Sie sagte, für 300 Mädchen gäbe es ein WC mit 8 Kabinen. Wer auf das WC wolle, müsse sich den Schlüssel holen und mit seinem Namen unterschreiben. Zu zweit aufs WC zu gehen ist nicht möglich. Die WCs seien trotz all dieser Maßnahmen nicht wirklich nutzbar.

Ich erinnere mich, wie irritiert ich war. Ich fragte mich, ob das ein krasser Ausnahmefall ist und sprach mit Menschen, die Kinder haben. Hier erfuhr ich, dass WCs auf Schulen nicht nur in Neukölln, sondern auch in ganz Berlin und anderen Bundesländern ein riesiges Thema sind. Es gibt Kinder, die alles in ihrer Macht Stehende dafür tun, diese nicht nutzen zu müssen.

All die Geschichten, die mit mir diesbezüglich geteilt wurden, führen mir wieder vor Augen, wie gut meine Entscheidung gegen eigene Kinder ist. Zu wissen, dass sich mein Kind bei einer so einfachen Sache quält und nicht sofort etwas dagegen tun zu können, wäre für mich schwer auszuhalten.

WCs als Routenplaner

Ich kenne Menschen, die ihre täglichen Routen anhand der öffentlichen Toiletten planen, weil sie wissen, dass sie sie mit hoher Wahrscheinlichkeit brauchen werden. Für die Menschen ist es mit einigem Aufwand verbunden, sich neue Routen zu erschließen.

Öffentliche Toiletten können Rückzugsräume sein

Mensch versteckt sich hinter einer Mauer und hat Angstschweiß im Gesicht
Bitte gib mir ein wenig Abstand, ich ertrage das sonst echt nicht.

In dem Buch von

Nina Niedereder: Mis(s)understood. Augenkontakt (un)erwünscht!

ist mir ein weiterer Nutzungsfall für WCs begegnet: Nina schreibt:

„Kann ich nicht einfach nach Hause gehen – und niemand sollte jemals mein Bedürfnis, das zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt tun zu wollen, unterschätzen – sperre ich mich oft auf Toiletten ein und hocke dort mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren auf dem Boden. Saubere WC-Anlagen schätze ich nicht nur aus den offensichtlichen Gründen, sondern vor allem, weil sie unterwegs oft der einzige Zufluchtsort sind, an den mich niemand anspricht und ich nicht zu vielen Eindrücken ausgesetzt bin.“

S. 55.

Fazit

Ich für meinen Teil kann nicht fassen, dass wir uns in einem technologisch so fortgeschrittenen Zeitalter befinden und Basics wie öffentliche Toiletten in Deutschland nicht in den Griff bekommen. Obwohl ich heute viele Datenpunkte zum Thema zusammengetragen habt, habe ich das Gefühl, dass ich das Thema noch nicht greifen kann und befürchte, dass mir noch immer wichtige Daten fehlen. Aus diesem Grund wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du Dein Wissen unter diesem Beitrag ergänzt. Ich hoffe das Zusammentragen der Daten hilft uns dabei, irgendwann an einen Punkt zu kommen, an dem öffentliche Toiletten den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und für jede Person einen sicheren Raum darstellen.

11. September 2026
Lesedauer & Kategorie
7 minBücher
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Buchcover zum Beitrag
Nina Niedereder Mis(s)understood. Augenkontakt (un)erwünscht!
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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Autor
Ein Mensch, der sich auf eine Schaufel stürzt, denkt nach.
7,1 min readCategories: Bücher

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Buchcover zum Beitrag

Nina Niedereder Mis(s)understood. Augenkontakt (un)erwünscht!

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Datum & Autor

11. September 2026
Eine nachdenkliche Glühbirne.Weißt Du, was ein Panhistor ist?
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