6.9 min readPublished On: 11. August 2021By Categories: Bücher, Wissen

Wissenschaft ist frei von Religion, oder?

Wissenschaft und Religion sind zwei unterschiedliche Dinge, oder?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich liebe Bücher, die mir eine völlig neue Perspektive schenken. Ich war immer der Meinung, dass Wissenschaft und Religion zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Religion ist eine Sache, von der ich keine Ahnung habe. Ich bin Atheist und habe mir noch nie die Zeit genommen, mich in Ruhe und in einer vernünftigen Tiefe mit dem Thema Religion auseinander zu setzen. Als ich zur Schule ging gab es kein Alternativfach für Religion und aus einem Grund, den ich damals nicht wirklich verstand, hatte ich frei während der Rest der Klasse Religionsunterricht hatte. Somit weiß ich bis heute kaum etwas über Religion. Alles, was ich weiß, ist, dass es viele Religionen gibt und dass es in der Geschichte immer wieder Situationen gab, in denen die Anhänger einer Religion anderen Menschen nach dem Leben trachteten, weil diese nicht an den gleichen Gott glaubten.

Ganz anders sieht es bei mir in Sachen Wissenschaft aus. Zwar habe ich auch von den meisten Wissenschaften keine Ahnung, aber ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich an Wissenschaft glaube. Die Wissenschaft hat vieles von dem hervorgebracht, dass meinen Alltag großartig macht. Ohne Wissenschaft gäbe es kein Strom, keine Computer und kein Internet.

In meiner Welt sah es also lange Zeit wie folgt aus. In der einen Ecke befand sich die böse Religion, die der Welt viel Schaden gebracht hat, und in der anderen Ecke befand sich die Wissenschaft, die den Menschen ein komfortables Leben ermöglichte. Ohne je richtig darüber nachzudenken, war ich daher lange Zeit der tiefen inneren Überzeugung, dass die Welt dank der Wissenschaft die Religion irgendwann überwinden wird und dass dies etwas Gutes ist.

Doch dann begegneten mir in

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

die folgenden Sätze, die mich über mein Bild von Wissenschaft und Religion nachdenken ließen:

„Ohne die lenkende Hand einer Religion ist es unmöglich, Gesellschaftsordnungen im großen Maßstab aufrechtzuerhalten.“ S. 308.

„Religion liefert die moralische Rechtfertigung für wissenschaftliche Forschungen und kann im Gegenzug Einfluss auf die gesellschaftliche Agenda und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse geben.“ S. 308.

„In den Tagen von Kolumbus, Kopernikus und Newton wies Europa die weltweit höchste Dichte an Glaubensfanatiker und den geringsten Grad an Toleranz auf.“ S. 308.

„Wer um 1600 nach Kairo oder Istanbul reiste, fand dort multikulturelle und tolerante Metropolen vor, wo Sunniten, Schiiten, orthodoxe Christen, Katholiken, Armenier, Kopten, Juden und sogar ein paar Hindus in relevant relativer Harmonie Seite an Seite lebten.“ S. 309.

„Der Religion geht es vor allem anderen um Ordnung. Ihr Ziel ist es, eine Gesellschaftsstruktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der Wissenschaft geht es in erster Linie um Macht. Sie will Macht erlangen, um Krankheiten zu heilen, Kriege zu führen und Nahrungsmittel zu produzieren.“ S. 310.

Fragen über Fragen

Dank dieser Sätze stehe ich nun vor Fragen, die ich mir nie zuvor gestellt habe:

  • Wie werden Gesellschaftsordnungen im großen Maßstab aufrechterhalten?
  • Wer oder was liefert die moralische Rechtfertigung für Forschung?
  • Warum nahm die wissenschaftliche Revolution ihren Anfang in London und Paris im frühneuzeitlichen Europa, das zu diesem Zeitpunkt weltweit den geringsten Grad an Toleranz aufwies und nicht im viel toleranteren Istanbul oder Kairo?
  • Geht es der Religion um Ordnung und der Wissenschaft um Macht?

In meinen Augen hat es jede dieser vier Fragen faustdick hinter den Ohren und ich glaube nicht, dass sie sich einfach und schnell beantworten lassen. Dennoch möchte ich mir alle vier Fragen nun etwas genauer mit Dir anschauen.

Wie werden Gesellschaftsordnungen im großen Maßstab aufrechterhalten?

Wie wird das in der Zukunft aussehen?

Diese Frage hat in meinen Augen eine unglaubliche Aktualität. Ja, lange Zeit sorgte die Religion für gesellschaftliche Ordnung, und an vielen Stellen tut sie dies noch heute. Was mich interessiert – und worauf ich bis heute keine Antwort gefunden habe – ist die Frage, was Gesellschaftsordnungen in Zukunft aufrechterhalten wird.

Vor langer Zeit definierte sich unsere Welt über Grenzen, Religionen und Nationalitäten. Die Welt, in der die Menschen lebten, war groß und es gab unglaublich viel Unbekanntes. In meinen Augen ist das inzwischen anders. Die Welt war noch nie so klein wie heute. Das liegt nicht nur daran, dass noch nie so viele Menschen auf ihr gelebt haben, sondern vor allem daran, dass wir an neue Grenzen stoßen. Während Religionen und Nationalitäten immer durchlässiger werden, werden natürliche Ressourcen plötzlich knapp. So langsam verstehen wir, dass wir alle die gleiche Luft atmen und dass es dieser Luft egal ist, ob wir irgendwo eine Grenze auf einer Landkarte gezeichnet haben.

Wir sind eine Welt und wir haben nur eine Welt. Wie sieht eine Gesellschaftsform aus, in der Nationalitäten, Grenzen und Religion nicht mehr die Pfeiler bilden? Wie können wir eine globale Gesellschaftsordnung erschaffen, die es schafft, den Planeten zu erhalten und gleichzeitig ein friedliches Miteinander ermöglicht. Oder anders gefragt: In was für einer Gesellschaftsordnung wollen wir in Zukunft leben, und wie erschaffen wir diese?

Wer oder was liefert die moralische Rechtfertigung für Forschung?

Ich bin kein Versuchspinguin.

Bis jetzt dachte ich immer, dass Philosophen die moralische Rechtfertigung für Forschung liefern, dass auch Religion eine Rechtfertigung sein könnte, ist mir bis jetzt noch nie in den Sinn gekommen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, dass die moralische Rechtfertigung für Forschung von noch viel mehr Faktoren beeinflusst wird.

So war es in einigen Forschungsbereichen lange Zeit selbstverständlich, Tierversuche durchzuführen. Schließlich sorgten diese Tierversuche dafür, dass viele Menschenleben gerettet werden konnten. Lange Zeit galten Tiere einfach als Nahrungsmittel und Nutztiere. Mit dem Verständnis, dass Fleischkonsum für das menschliche Überleben nicht zwingend notwendig ist, ändert sich an einigen Stellen auch die Einstellung zu Tieren und zu Tierversuchen.

An dieser Stelle bin ich gespannt: Was fällt Dir noch alles ein, das in der Lage ist, eine moralische Rechtfertigung für Forschung zu liefern?

Die wissenschaftliche Revolution

Warum nahm die wissenschaftliche Revolution ihren Anfang in London und Paris im frühneuzeitlichen Europa, das zu diesem Zeitpunkt weltweit den geringsten Grad an Toleranz aufwies und nicht im viel toleranteren Istanbul oder Kairo?

Vielleicht gibt die aktuelle Situation eine Antwort auf diese Frage. Manchmal sorgt Enge für Fortschritt. So kam die Digitalisierung in Deutschland lange Zeit nicht so richtig voran. Erst als ein Event die normale Welt aus den Fugen geraten ließ, war ein großer Fortschritt in der Digitalisierung möglich. Plötzlich war die Digitalisierung in vielen Unternehmen nicht mehr ein Tagesordnungspunkt unter vielen, sondern hatte die höchste Priorität, die über das Überleben der eigenen Fima entschied.

Geht es der Religion um Ordnung und in der Wissenschaft um Macht?

Diese Frage ist so abstrakt, dass ich sie nicht greifen kann. In meiner Wahrnehmung wurde die Religion oft genutzt, um Macht von Herrschern zu legitimieren und die Wissenschaft hat an vielen Stellen für Ordnung gesorgt, indem Sie zum Beispiel Elemente in ein Periodensystem einordnete.

Macht und Ordnung sind für mich ähnlich verbunden wie Religion und Wissenschaft in den Augen unseres Autors.

Fazit

Heute habe ich unglaublich viel gelernt. Wissenschaft und Religion haben mehr miteinander zu tun als ich dachte.

Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Grenzen verschwinden. Mit jeder Grenze, die verschwindet, gewinnen wir an Freiheit. Doch jede Grenze, die verschwindet, sorgt auch dafür, dass wir Verantwortung übernehmen müssen.

Während einst Gott den Menschen sagte, was richtig und was falsch ist, stehen wir an immer mehr Stellen vor der Frage, selbst zu entscheiden, ob etwas richtig oder falsch ist. Mit jeder Mikorentscheidung, die wir fällen, gestalten wir die Welt, in der wir leben. Daher ist es in meinen Augen so wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, in was für einer Welt wir leben wollen. Denn wenn wir wissen, in was für einer Welt wir leben möchten, können wir diese mit unseren täglichen Microentscheidungen formen.