4.1 min readPublished On: 13. April 2021By Categories: Bücher, Wissen

Verändert Selbstbeobachtung unser Verhalten?

Ich komm nur schnell auf einen Besuch vorbei Kind.

Hast Du schon einmal erlebt, dass Du Dich anders verhältst, wenn Du beobachtet wirst? Die Gründe für diese Verhaltensänderungen sind vielfältig. Manchmal wollen wir durch das geänderte Verhalten dafür sorgen, dass es einem anderen Menschen gut geht, manchmal einer Strafe entgehen. So putze ich zum Beispiel meine Wohnung, wenn ich weiß, dass meine Mutter zu Besuch kommen möchte, und ich gehe nicht über eine rote Ampel, wenn ich einen Polizisten sehe.

Ich bin eine Wollmaus und fühle mich wohl bei Dir.

Zum Glück gibt es in unserem Leben aber auch viele unbeobachtete Momente, in denen wir uns entspannen und einfach tun können, was wir wollen. In diesen Momenten können wir Wollmäuse (diese kleinen Staubbällchen, die einem folgen, wenn länger kein Staub gesaugt wurde) Wollmäuse sein lassen und als Fußgänger rote Ampeln ignorieren, wenn wir geprüft haben, dass sich kein Auto in der Nähe befindet. In solchen Momenten gibt es nur einen Beobachter – und zwar uns selbst. Und da wir uns selbst sehr gut kennen, würden wir ja nicht im Traum auf die Idee kommen, unser Verhalten zu ändern, weil wir uns selbst beobachten, oder? Nun, vielleicht würden wir nicht auf die Idee kommen, doch laut

Jesse Schell: Die Kunst des Game Designs

tun wir es. Tatsächlich ist es so normal, dass wir unser Verhalten verändern, wenn wir uns selbst beobachten, dass diese Verhaltensabsurdität sogar einen eigenen Namen hat: das Heisenberg Prinzip. Was genau das ist und wie es funktioniert, schauen wir uns jetzt einmal genauer an.

Wann greift das Heisenberg-Prinzip?

Viele Dinge, die wir täglich tun, laufen automatisch. Wir haben diese Dinge irgendwann erlernt und haben sie inzwischen so oft wiederholt, dass wir nicht mehr darüber nachzudenken brauchen. Unser Unterbewusstsein erledigt erlernte Dinge wie

Denkst Du beim Fahren noch ans Schalten?
  • Autofahren,
  • 10 Finger-Tippen,
  • Treppensteigen und
  • Kaffee kochen

einfach, schnell und perfekt. Ganz anders sieht es aus, wenn wir auf die Idee kommen, uns bei diesen Dingen zu beobachten. Laut unserem Autor kann Selbstbeobachtung das Phänomen „Paralyse durch Analyse“ auslösen.

Schauen wir uns dieses Phänomen einmal in Bezug auf mein Treppensteigen an. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber wenn ich Treppen steige denke ich normalerweise an alles Mögliche, nur nicht an die Treppe. Ich frage mich,

Hab ich an alles gedacht?
  • ob ich jetzt den Schlüssel rauskramen sollte, oder einfach klingeln kann,
  • warum ich auf die heldenhafte Idee gekommen bin, lauter schweren Kram zu kaufen und nicht an das Hochschleppen gedacht habe,
  • ob ich etwas vergessen habe,
  • warum ich den Müll nicht mitgenommen habe,
  • ob ich pünktlich sein werde.

Was ich mich nicht frage, ist,

  • wie hoch die Stufen sind,
  • welche Muskelgruppen genutzt werden, um Stufen zu steigen,
  • ob ich mit dem linken oder dem rechten Fuß die erste Stufe nehmen sollte,
  • ob ich die nächste Stufe zielsicher treffen werde.

Weil ich mir genau diese Fragen nicht stelle, absolviere ich den Treppen-Parcours in der Regel erfolgreich und unbeschadet. In dem Moment, in dem ich diese Fragen stellen würde, entziehe ich meinem Unterbewusstsein die Aufgabe des Treppensteigens und übergebe sie meinem Bewusstsein, dem es beim Treppensteigen an Übung fehlt.

Treppensteigen kann kompliziert sein.

Sobald ich mich auf das Treppensteigen konzentriere, habe ich das Bedürfnis, das Geländer zu benutzen, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher bin, ob ich die nächste Stufe auch wirklich treffe. Sobald ich meine Erfahrungen mit dem Treppensteigen gedanklich zulasse, beeinflussen sie das Treppensteigen massiv. Von einem Moment auf den anderen wird aus etwas Schnellem und Selbstverständlichem ein langsamer Prozess, der unglaublich viel Konzentration kostet.

Warum heißt dieses Phänomen das Heisenberg-Prinzip?

Das Heisenberg-Prinzip verdankt seinen Namen der Heisenbergschen Unschärferelation, die beschreibt, dass wir bei der Beobachtung eines Elektrons immer nur eine der folgenden Fragen beantworten können:

  • Was macht das Elektron?
  • Wo ist das Elektron?

Fazit

Selbstbeobachtung ist ein erstaunlich faszinierendes Thema.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mich fasziniert die Sache mit dem Heisenberg-Prinzip. Ich hätte nie gedacht, dass mein Verhalten sich ändert, weil ich mich selbst beobachte. Wenn mich jemand zukünftig davon überzeugen will, dass Menschen sich logisch verhalten, wird das Heisenberg-Prinzip mir hoffentlich gute Dienste leisten.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig. Hast Du das Heisenberg-Prinzip schon einmal erlebt? Wenn ja, wobei und wann?