Weißt Du, warum wir zwischen Kadaver und Leichnam unterscheiden?
Es ist schon erstaunlich, was mir alles nicht auffällt, bis mich jemand aktiv darauf aufmerksam macht. Mir war bewusst, dass es die Begriffe Leichnam und Kadaver gibt, und beide einen toten Körper beschreiben. Aber ich hatte nicht auf dem Schirm, dass sich die beiden Begriffe auf unterschiedliche Körper beziehen. Auf diesen Umstand haben mich die Autorinnen

Mariona Cabassa, Soledad Romero Mariño: Das wundersame Buch über den Tod
aufmerksam gemacht. Sie schreiben:
„Ein Körper stirbt, wenn Herz und Nervensystem ihre Arbeit einstellen. […] In der Folge machen sich die Zersetzer ans Werk. Bei ihrem Festmahl bilden sich Gase, die den Kadaver (totes Tier) oder Leichnam (toter Mensch) aufblähen.“
S. 11.
Was mich nun interessiert, ist, ob es einen Grund oder mehrere Gründe gibt, warum wir diese Unterscheidung treffen. Historisch gesehen, kann ich mir Gründe vorstellen, weil der Mensch sich dem Tier gegenüber lange Zeit als überlegen sah und Tieren jegliche Fähigkeit zum Fühlen absprach. Ein Tier zu töten und dessen Körper dann als Kadaver zu bezeichnen, machte möglicherweise einfach deutlich, dass hier nichts Problematisches geschehen war.
Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Der Paragraf 17 des deutschen Tierschutzgesetz in seiner letzten Version aus dem Jahr 2022 stellt das Töten von Tieren unter Strafe, wenn es hierfür keinen vernünftigen Grund gibt. Macht es also aus heutiger Sicht noch immer Sinn, die unterschiedlichen Begrifflichkeiten zu nutzen, oder ist es hier an der Zeit, den Begriff Kadaver in die Mottenkiste zu legen?
Lass uns doch einmal schauen, ob das Internet meine Spekulationen bestätigt, oder uns andere Gründe für die unterschiedlichen Begrifflichkeiten nennen kann.
Der Begriff Kadaver ist nur für Tiere, oder?
Laut diesem Wikipedia Beitrag lautet die Antwort auf diese Frage: Nein. Hier werden zwei Arten von Kadavern unterschieden:

- Tierkadaver aus der Zoologie, wobei darauf hingewiesen wird, dass die Lebensmittelwirtschaft hier die Bezeichnung Fleisch bevorzugt.
- Menschliche Leichen, die für sogenannte Kadaverstudien genutzt werden
Den letzten Punkt habe ich kurz gegengecheckt und tatsächlich eine Erwähnung von einer Kadaverstudie gefunden, in der von einem „menschlichen Kadavermodell“ die Rede ist.
Spannend, oder? Sobald ein menschlicher Körper nicht beerdigt wird, sondern an ihm geforscht wird, verliert er offenbar seinen Status als Leichnam und wird zum Kadaver.
Wortwahl für Bestattungen
Es gibt Friedhöre für Menschen und Friedhöfe für Tiere. Erst seit 2015 besteht in manchen deutschen Bundesländern die Möglichkeit, sich gemeinsam mit seinem Tier auf einem Friedhof bestatten zu lassen. Die Webseite, die darüber berichtet, gibt Friedhöfen den Tipp, solche Bestattungen in einem räumlich abgetrennten Bereich des Geländes durchzuführen. Der Grund:
„Niemandem soll zugemutet werden, dass im Grab neben ihm ein Tier bestattet wird, ohne dass er zuvor damit rechnen musste.“
Zudem wird darauf hingewiesen, dass in solchen Fällen das Tier nicht etwa bestattet wird, sondern nur eine Grabbeigabe für den Toten darstellt.
Das Berliner Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen definiert eine Leiche wie folgt
„Leiche im Sinne dieses Gesetzes ist der Körper eines Menschen, bei dem sichere Zeichen des Todes bestehen oder bei dem der Tod auf andere Weise zuverlässig festgestellt worden ist.“

Die Bestattung von Tieren ist in diesem Gesetzt nicht geregelt. Hier kommt in Berlin die Abteilung Verbraucherschutz der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz ins Spiel. Diese droht mit einer hohen Geldstrafe, wenn das eigene Haustier auf einer öffentlichen Grünfläche vergraben wird und zeigt den Haltern der verstorbenen Tiere auf, dass sie an folgenden Stellen eine „Tierkörperbeseitigung“ vornehmen können:
- Kleintierpraxen
- Tierfriedhof
- Entsorgung bei einer GmbH, die hierfür einen vertrag mit der Stadt geschlossen hat.
Spannend finde ich hierbei, dass der Tierfriedhof des Tierheims Berlin in seinem Antrag für eine Bestattung weder den Begriff Kadaver noch Leichnam verwendet.
Der Begriff Tierkadaver wird in Bezug auf tote Wildtiere vom Berliner Bezirk Tempelhof Schöneberg verwendet, um zu erklären, was Menschen zu tun haben, die ein totes Wildtier entdecken. Dieses muss gemeldet werden. Wird es anschließend untersucht, trägt die Behörde die Kosten für die „Entsorgung“, andernfalls hat der Grundstücksbesitzer diese zu tragen.
Fazit
Wie naiv ich bin. Da starte ich blauäugig mit meiner Recherche und denke, dass ich Daten finde, die aufzeigen, dass die Verwendung des Begriffes Kadaver auf dem Rückmarsch ist. Und was passiert? Ich breche die Recherche ab, weil meine Fassungslosigkeit über die abwertende Begriffsvielfalt zur Thematik tote Tierkörper zu groß zu werden droht. Ich hatte nicht auf dem Schirm, dass der Begriff Kadaver hier nur der Anfang der Abwertung des toten Tieres ist und dass Begriffe wie Entsorgung und Beseitigung hier von behördlicher Seite ganz entspannt benutzt werden und deutlich zeigen, dass ein Tier vor der Gesetzgeberin bzw. Verwaltung auch im Jahr 2026 lediglich ein Ding und kein ehemals empfindsames Lebewesen war, das von anderen Wesen geliebt wurde. Ich hoffe sehr, dass wir diesbezüglich irgendwann Fortschritte machen und auch dem toten Tierkörper mehr Respekt zollen.
Es tut mir leid, dass ich im Zuge dieser Recherche keine befriedigende Antwort auf die gestellte Frage finden konnte. An dieser Stelle bin ich neugierig: Wie geht es Dir mit der aktuellen Handhabung der Begrifflichkeiten in Bezug auf tote Körper?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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