Weißt Du, was Bustrophedon bedeutet?

Heute geht es um einen Begriff, bei dem ich mir absolut sicher bin, dass er mir noch nie zuvor begegnet ist. Zu meiner großen Freude scheint der Autor

Das habe ich noch nie gehört.

Mickaël Launay: Die Regenschirm-Formel, ODER DIE KUNST, DIE WELT MIT KLAREM VERSTAND ZU BETRACHTEN

zu ahnen, dass der ein oder andere Leser seines Buches diesen Begriff nicht kennt. Daher erläutert er den Begriff nicht nur, er veranschaulicht ihn zudem, indem er ein Bustrophedon nutzt.

Was ist ein Bustrophedon?

Ein Bustrophedon ist eine Schreibweise, bei der jeder geschriebenen Zeile, die von links nach rechts gelesen wird, eine Zeile folgt, die von rechts nach links gelesen wird. Der Leser kann ein bustrophedones Buch also lesen, ohne ständig die Zeile zu verlieren, da er nicht wie in diesem Text, jede Zeile links zu lesen beginnen muss. Das Spannende ist, dass bei dieser Schreibweise die Buchstaben gedreht werden. Würden die Buchstaben nicht gedreht werden, sähe ein bustrophedoner Satz so aus:

„Dies hier ist kein bustrophedones Beispiel,

So schaut ein bustrophedones Satzbeispiel aus.

  redej ni gnuthcireseL eid rawz driw se nned

zweiten Zeile geändert, nicht aber

„.gnuthcirnebatshcuB eid

In seinem Buch hat Mickaël es irgendwie zustande gebracht, die Buchstaben seines Beispieltextes zu drehen. Ich habe leider keine Ahnung, wie ich das hinbekomme. Daher habe ich ein korrektes Beispiel mit der Hand für Dich aufgeschrieben.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich finde es nicht nur unglaublich schwierig, etwas bustrophedon zu schreiben, sondern ich finde es auch unglaublich schwierig, etwas Bustrophedonisches zu lesen. Gleichzeitig weiß ich, dass diese Schwierigkeiten nur aus einem Mangel an Wissen (ich habe keine Ahnung, wie ich meinem PC eine bustrophedonische Schreibweise abringen kann) und Routine herrühren. Hätte ich beides, könnte ich mir gut vorstellen, dass ich die bustrophedonische Methode unserer wir-lesen-von-links-Methode vorziehen würde.

Aus diesem Grund frage ich mich, warum wir in Deutschland von links lesen und schreiben und nicht bustrophedon.

Warum haben die das gemacht?

Eine Vogelscheuche, auf deren Kopf ein Vöglechen sitzt, dass sich ein wenig von dem Stroh geschnappt hat, mit dem die Vogelscheuche gefüllt ist
Ich schau den Ochsen gern bei der Arbeit zu.

Mickaël verrät uns in seinem Buch, dass alte Sprachen wie das Griechische und das Etruskische anfangs zum Teil bustrophedonische Schreibweisen nutzen. Was er uns nicht verrät, ist, warum diese Schreibweisen zu Beginn existierten, dann aber nicht beibehalten wurden schließlich ganz verschwanden.

Wikipedia erklärt uns, dass der Begriff Bustrophedon aus dem Griechischen stammt und sich aus den griechischen Begriffen für

  • Ochse
  • drehen, wenden

zusammengesetzen. Bei dieser Art des Schreibens orientierten sich die Schreiber also möglicherweise an den Bauern, die mit ihren Ochsen die Felder pflügten.

Kein Mensch käme auf die Idee, mit einem Ochsen eine Reihe zu pflügen, dann den Pflug anzuheben, mit dem Ochsen umzudrehen, wieder zum Anfang der Reihe zu laufen, um hier den Pflug erneut in die Erde zu setzen und die nächste Reihe zu pflügen. Stattdessen pflügt der Bauer mit dem Ochsen die erste Reihe von links nach rechts, dreht sich am Ende der Reihe mit Pflug und Ochsen um 180 Grad und pflügt die nächste Reihe von rechts nach links. 

Warum schreiben wir von links nach rechts?

Ich schreibe von rechts nach links.

Schon bevor mir Mickaël unseren heutigen Begriff erklärt hat, wusste ich, dass es mehr als eine Schreibrichtung gibt. Während das Deutsche von links nach rechts geschrieben wird, wird das Arabische von rechts nach links geschrieben und das Japanische von oben nach unten. Nun frage ich mich, warum zum Kuckuck das so ist. Ich gehe davon aus, dass es nicht daran liegt, das Deutsche und Japaner (die, sobald sie unten angekommen sind, rechts von der ersten Zeile die zweiten Zeile nach unten schreiben) Rechtshänder und Araber Linkshänder sind.

Spannend ist, dass ich zwei Webseiten gefunden habe, die die Schreibrichtung den Schreibmaterialien zuschreiben und dabei das gleiche Argument nutzen, um einmal die linke und einmal die rechte Schreibweise zu begründen. Die eine Webseite ist das Bieler Tageblatt. Hier wird argumentiert, dass wir im Deutschen von links nach rechts schreiben, weil wir vor der Erfindung des Stiftes mit Hammer und Meißel „geschrieben“ haben. Wir „mussten“ den Meißel in der linken und den Hammer in der rechten Hand halten, damit wir während des Schreibens lesen konnten, was wir bereits gemeißelt bzw. geschrieben hatten. Die gleiche Hammer- und Meißel-Argumentation nutzt die Webseite Superprof  für das Arabische. Weil auch der Araber den Hammer als Rechtshänder in der rechten Hand hält, schreibt er von rechts nach links.

Einen ganz anderen Erklärungsansatz bietet die Webseite belleslettres. Sie kommt in einem sehr langen und gut geschriebenen Text zu dem Schluss, dass die Schreibrichtung nichts mit Rechtshändigkeit zu tun hat, sondern mit der Fähigkeit, laut oder leise zu lesen. Eine Schrift wie die deutsche, die durch lautes Lesen der einzelnen Silben verstanden werden konnte, wurde von links nach rechts geschrieben. Andere Schriften, die diese Eigenschaften nicht hatten, hatten keinen Vorteil von links nach rechts zu schreiben, daher wählten sie die Schreibrichtung nach anderen Kriterien.

Also ich kann ja laut und leise lesen.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mein Bauchgefühl schreit: Die Schreibrichtung ist reiner Zufall, aus dem im Verlauf der Zeit eine Gewohnheit und dann eine Regel wurde. Irgendeiner hat begonnen, eine bestimmte Sprache aufzuschreiben. Andere haben sich das abgeschaut und die Schreibweise nachgeahmt. Und irgendwann setzte sich diese Schreibweise bei der Mehrheit durch. Ich vermute tatsächlich, dass es mit der Schreibrichtung so ist wie mit unseren Computertastaturen. Dass wir heute noch immer Quert-Tastaturen nutzen, die auf Schreibmaschinen ein schnelleres Schreiben ermöglichten, zeigt, dass einmal geschaffene Systeme auch dann überleben, wenn sie nicht mehr die bestmöglichen Systeme sind. Würde es uns um Schnelligkeit gehen, würden wir heute Dvorak-Tastaturen nutzen.

Fazit

Obwohl ich nicht alle Fragen beantworten konnte, die uns heute begegnet sind, habe ich heute dennoch eine Menge gelernt. Besonders freue ich mich darüber, dass mir ein Buch über Mathematik bzw. Zahlen etwas Neues über Schriften beibringen konnte. Das zeigt wieder einmal, dass spannendes Wissen einfach überall zu finden ist. Alles, was wir brauchen, um es zu entdecken, ist ein wenig Wissensdurst und/oder Neugierde.

An dieser Stelle möchte ich noch eine kleine Warnung aussprechen, bevor Du Dich an Deine ersten Experimente mit bustrophedonischen Texten wagst: Als ich heute begann, den Text zu schreiben, musste ich noch einen Spiegel nutzen, um jede zweite Zeile im Beispielabsatz unseres Autors entziffern zu können. Nach meiner kurzen Recherche kann ich den Beispielabsatz auch ohne Spiegel entziffern. Gleichzeitig hatte ich nach dem Tippen und Schreiben meiner bustrophedonischen Beispiele Schwierigkeiten beim Weiterschreiben, weil ich mir nicht mehr ganz sicher war, in welche Richtung welche Buchstaben gerade gehörten.

Buchcover zum Beitrag

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Datum & Autor

13. März 2024
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