Weißt Du, was Kismet ist?

Heute geht es um einen Begriff, der mir irgendwann schon einmal begegnet ist. Der Autor 

Ein Mensch schaut hilflos seine Krawatte an, die ihn wie eine Schlange anzischt.
Warum hört denn hier bitte kein Wesen auf mich?

Musa Deli: Unsichtbare Mauern. Warum unser Paradigma der Integration scheitert – und Migration Zukunft statt Bedrohung bedeutet

verwendet ihn in, um zu beschreiben was passiert, wenn Eltern das Gefühl haben, dass sie keine Selbstwirksamkeit haben:

„Die Überzeugung, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann, ist fundamental für jede Erziehung. Fehlt sie, entsteht Passivität. Eine gewisse Schicksalsergebenheit – „Kismet“ – ersetzt dann das Handeln.“

S. 65.

Musa zeigt in seinem Buch auf, dass Eltern mit Migrationshintergrund das Gefühl der Selbstwirksamkeit verlieren können, wenn sie bei Alltagsaufgaben wie der Kommunikation mit Ämtern, der Job- oder Wohnungssuche immer und immer wieder nicht ernst genommen werden. Dieses Nicht-Ernst-Genommen-Werden kann unterschiedliche Gründe haben. Mal hat die Person im Amt zu hohen Wohnungsdruck, mal hat der Mensch, der eine Wohnung vermietet Vorurteile. In der Wirkung auf die betroffenen Personen ist es egal, ob das nicht Nicht-Ernst-Nehmen absichtlich oder unabsichtlich erfolgt. Jedes einzelne Ereignis hat das Potenzial, das Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit zu untergraben, was bei Menschen, die Kinder erziehen, zur Folge haben kann, dass ihre Erziehungsbemühungen vergeblich sind.

Nachdem wir nun wissen in welchem Kontext unser heutiger Begriff auftaucht, ist nun die Zeit gekommen,  unser Lexikon nach dessen genauer Bedeutung zu befragen.

Was das Lexikon sagt

Unser Lexikon kennt die genaue Bedeutung unseres Begriffes und dessen Herkunft.

Ein Mensch, der glücklich ein Ticket in der Hand hält.
Juhu, ich habe bei meinem Gott das große Los gezogen.

Kismet [türk., zu arab. kisma »Los«] das, im Islam das dem Menschen von Allah geteilte, unabänderl. Schicksal; von der islam. Theologie als Erfahrung der Souveränität Gottes durch den Menschen beschrieben, die seinem Handeln und Trachten einerseits Grenzen setzt, andererseits jedoch von ihm verantwortetes Handeln erwartet.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 08, S. 23.

Kis|met, das; -s [türk. kısmet < arab. qismah = Zugeteiltes] (islam. Rel.): dem Menschen von Gott zugeteiltes Los, dem er nicht entgehen kann: Ü K.! (da ist nichts zu machen!).

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1293.

Kismet ist ein türkischer Begriff. Was ich spannend finde, ist, dass die beiden Einträge aus unserem Lexikon unterschiedliche Inhalte haben. Der zweite Eintrag spiegelt genau das wieder, was unser Autor in seinem Beispiel beschreibt. Der in Deutschland lebende Mensch, der aufgrund seines Migrationshintergrundes das Los des ständigen Nicht-Ernst-Genommen-Werdens gezogen hat, hat keine Wahl, er muss damit leben.

Der erste Eintrag zeigt dagegen einen Handlungsspielraum auf. Das Los muss der Mensch zwar akzeptieren, weil es von Gott kommt, doch mit dem Los ist auch eine Verantwortungserwartung verbunden. Wer ein Los bekommt, darf es nicht als Ausrede für Untätigkeit nutzen, er muss es akzeptieren und Wege finden, damit umzugehen.

Ich mag die Abweichungen zwischen den beiden Lexikoneinträgen, da sie mir als Person, die nicht an Götter glaubt, noch einmal in Erinnerung ruft, dass es den einen einzigen Islam nicht gibt. Religion ist hochindividuell. Jeder religiöse Mensch formt seinen Glauben so, dass er für das eigene Leben und das eigene Umfeld passt. Ähnlich wie Herrschaftsformen, entwickelt sich Religion mit der Zeit weiter.

Fazit

Wir wissen nun, was es mit dem Begriff Kismet auf sich hat. Dass ich den Begriff nachschlagen musste, sagt einiges über mich aus, oder? Ganz offenbar gibt es in meinem Bekanntenkreis kaum Menschen, die diesen Begriff im Alltag benutzen. Das ist erstaunlich, denn ich lebe in Berlin, einer Stadt, in der 2024 109.585 Menschen mit türkischem Ausweis lebten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Muslime sein könnten, da 2014 99% der türkischen Bevölkerung Muslime waren. Doch Berlin ist eine große Stadt, in der 2024 3.897.000 Menschen lebten. Mein Freundeskreis ist so klein, dass er schlichtweg nicht die ganze Breite der Nationen abbilden kann, die derzeit in Berlin leben. Zudem besteht mein Freundeskreis hauptsächlich aus Ungläubigen wie mir. Das reduziert meine Chance darauf, dass in meinem Umfeld der Begriff Kismet fallen kann.

Ich lebe in Berlin, der Geburtsstadt des Döners. Ich bin auf eine Gesamtschule gegangen, an der in den Pausen unterschiedliche Sprachen gesprochen wurden. Ich habe lange Zeit gedacht, dass Berlin bunt ist und dass das mit der Integration hier sehr gut funktioniert.

Dabei habe ich ausgeblendet, dass dies meine Wahrnehmung und meine Realität ist. In dem Haus, in dem ich Mieterin bin, herrschte lange Zeit eine andere Realität, die ich gar nicht wahrnahm. Hier waren vorwiegend Nachnamen zu sehen, die ihren Ursprung in der deutschen Sprache hatten. Auf dem Auge war ich blind und wurde erst sehend, als der erste Name am Klingelschild auftauchte, bei dem ich mir nicht sicher war, wie ich ihn betone.

Bücher wie das von Musa helfen mir dabei, meine blinden Flecken aufzudecken und zu verstehen, wo noch immer Barrieren bestehen. Barrieren zu erkennen ist die Grundvoraussetzung dafür, diese abbauen zu können.  Wir leben in einer Welt, in der viele Realitäten existieren, die parallel zueinander laufen und sich wenig überschneiden. So lebe ich in einer Stadt, die ich als offen und bunt wahrnehme, weil mir Diskriminierungsmerkmale fehlen, die bei anderen Menschen dafür sorgen, dass sie immer wieder diskriminiert werden. Wichtig ist es, das anzuerkennen. Tue ich das nicht, gehöre ich zu den Menschen, die Menschen mit Migrationserfahrung nicht ernst nehmen, denn ich mache damit deutlich, dass meine Erfahrung mehr zählt als die Erfahrung des anderen. Das möchte ich nicht. Ich möchte in einer bunten Welt leben, also möchte ich nichts tun, was dieser Welt schadet.

26. Juni 2026
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Buchcover Musa Deli Unsichtbare Mauern
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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26. Juni 2026
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