Wie schaffen wir es, das negative Bild von Behinderung als Mangel zu überwinden?

Ich lese ein Buch über das Thema Behinderung, das ich aus der Bundeszentrale für politische Bildung mitgenommen habe. Es lag auf einem Tisch mit Büchern, die im Preis deutlich reduziert waren, weil es sich um alte Restbestände handelte. Das Alter des Buches stört mich beim Kauf nicht weiter.

Zeichnung Ein Mensch steigt mit einem gepackten Koffer in der Hand in ein Buch ein.
Dein Alter ist mir nicht si wichtig liebes Buch.

Falsche Informationen schaffen falsche Bilder

Das Buch wurde 2014 veröffentlicht und stammt von einer Person, die über Menschen mit Behinderung schreibt. Sie meint es gut. Sie möchte dem Thema Sichtbarkeit schenken. Ich beginne zu lesen. Je länger ich das Buch lese, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass das Buch möglicherweise gar nicht aufgrund seines Alters, sondern aufgrund seines Inhaltes auf dem Grabbeltisch gelandet ist. Hat die Person, die das Buch verfasst hat, Trisomie 21 wirklich als „Gendefekt“ beschrieben?

Ich starre ungläubig auf die Seite und denke: Das ist kein Gendefekt. Die Gene sind völlig in Ordnung. Das 21 Chromosom taucht halt drei statt zwei Mal auf. Wie ist es möglich, dass ein solches Buch von einer öffentlichen Institution verlegt wird? Wie soll die Gesellschaft je inklusiv werden, wenn solche falschen Informationen sich so hartnäckig halten?

Kein Einzelfall

Die Frage geht mir nicht aus dem Kopf, und dann stolpere ich in dem Buch von

Tanja Kollodzieyski: Ableismus

über die folgenden Worte:

„Das negative Bild von Behinderungen als Mangel hält sich aber durchaus hartnäckig. Einen großen Anteil haben daran die Medien und die Presse. […] Anders ist es zumindest nicht zu erklären, warum sie zwei Geschichten immer wieder und wieder erzählen: Entweder leiden wir unglaublich unter unseren Behinderungen oder wir überwinden sie und studieren oder lachen „trotz Behinderung“.“

S. 14.

Mein Buch aus der Bundeszentrale ist also kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Problems. So richtig beruhigend ist das nicht. Doch zum Glück prangert Tanja das Problem nicht nur an, sie verweist wenige Sätze später auch auf eine Lösung, die wir uns nun im Detail anschauen werden.

Es gibt zum Glück eine Lösung für das Problem.

Wie es besser geht

Leidmedien.de ist die Webseite, die Tanja Berichterstattenden ans Herz legt. Die Webseite stammt von den Sozialheld*innen, die sich seit 2004 für das Thema Barrierefreiheit und Inklusion stark machen.

Die Webseite zeigt zum einen Negativbeispiele aus der Berichterstattung und macht dazu Vorschläge, wie es besser geht. Zum anderen gibt sie Positivtexten eine Bühne, die zeigen, dass eine Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen ohne „Leid“ und „Trotz“ möglich ist. Wer mehr praktische Unterstützung braucht, kann auch einen Workshop zum Thema buchen. Wer lieber ins Selbststudium gehen möchte, bekommt von der Webseite das Buch „Gisela Mayer, Andreas Unger (Hg.): Begegnung mit dem Leid“, dass als kostenloser Download zur Verfügung gestellt wird, ans Herz gelegt.

Zudem finden sich auf der Webseite zahlreiche andere Hilfsmittel, die helfen, bessere Texte über Menschen zu schreiben, die von der Gesellschaft massiv behindert werden. Ich empfehle Dir alle Menüpunkte der Rubrik „Tipps für Medien“ zu sichten. Beginne zum Beispiel bei den Begriffen von A bis Z. Ich für meinen Teil habe beim Stöbern eine ganze Menge Dinge entdeckt, die ich später noch einmal in Ruhe sichten möchte.

Fazit

Wenn wir die Materialien nutzen, die engagierte Vereine, wie SOZIALHELDEN e.V. zur Verfügung stellen, werden wir das negative Bild von Behinderung als Mangel überwinden. Was es dafür braucht, ist das Bewusstsein, dass wir es sind, die andere Menschen behindern. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die voller Barrieren ist. Eine Gesellschaft, die von allen erwartet, dass sie funktionieren. Eine Gesellschaft, die anstrengend ist. Eine Gesellschaft, deren Erwartungshaltung dafür sorgt, dass es Menschen schlecht geht.

Nein, wir brauchen in meinen Augen echt kein höher, schneller, weiter. Mein Auto, mein Haus, meine Frau war gestern. Uns zwingt keine höhere Gewalt an dem festzuhalten, was einst war. Wir könnten die alten Ziele über Bord werfen und uns neue Ziele setzen. Wir können aufhören, Barrierefreiheit und Inklusion als Last wahrzunehmen und sie stattdessen als Chancen wahrnehmen, die es uns ermöglichen, eine Gesellschaft zu erschaffen, die den Menschen und dessen Bedürfnisse in den Fokus nimmt.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, doch ich habe im Verlauf der heutigen Recherche einiges gelernt. Ich habe das ungute Gefühlt, in der Vergangenheit definitiv Fehler gemacht zu haben, und ich gehe schwer davon aus, dass ich auch in der Zukunft Fehler machen werde, wenn ich über die Themen Inklusion und Barrierefreiheit schreibe. Der einzige Trost, den ich an dieser Stelle habe: Ich bin mit meinen Texten digital unterwegs und kann meine Fehler jederzeit korrigieren. Ich muss für mich nur noch herausfinden, ob ich den Originaltext ändere, oder ob ich meinen Fehler kommentiere. Solltest Du eine der beiden Lösungen favorisieren, würde ich mich freuen, wenn Du Deinen Favoriten in den Kommentaren mit mir teilst.

An dieser Stelle bin ich nun neugierig: Hast Du ein Buch oder einen Newsbeitrag, der sich mit dem Themenfeld Inklusion und/oder Barrierefreiheit beschäftigt und einen richtig guten Job macht?

17. Februar 2026
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Buchcover Tanja Kollodzieyski Ableismus
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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Eine nachdenkliche Glühbirne.
4,4 min readCategories: Bücher, Wissen

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17. Februar 2026
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