5.1 min readPublished On: 28. Mai 2021By Categories: Bücher, Wissen

Wie schafften es Künstler in der Renaissance so gut zu Malen?

Ich habe keine Ahnung, wie die ohne digitale Hilfsmittel so genial malen konnten.

Hast Du schon einmal staunend vor einem sehr alten Bild gestanden und Dich gefragt, wie es dem Künstler gelungen ist alles so darzustellen, dass es fast schon echt wirkt? Ich verstehe nichts von Kunst und bin daher nur selten in Museen. Doch wenn ich mal in einem Museum bin, bin ich völlig fasziniert von jenen uralten Bildern, die so wirken, als würden sie die dargestellte Szene perfekt wiedergeben.

Vor diesen Bildern bleibe ich stehen und grüble darüber nach, wie der Künstler das Wunder vollbracht hat, ohne digitale Hilfsmittel oder ein Foto als Vorlage alles in der richtigen Größe und Perspektive darzustellen. Da ich beim Grübeln keine passende Antwort auf meine Frage finde, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass die Erschaffer dieser Bilder Götter mit Pinseln sind und wir ihre Bilder völlig zurecht Beträge für Millionenbeträge handeln.

In Wirklichkeit hatten die Künstler zahlreiche Techniken, die Ihnen dabei halfen, so perfekt zu Malen. Einige dieser Techniken, wie zum Beispiel das Perspektivische Zeichnen mit Fluchtpunkt (https://du-bist-grossartig.de/was-ist-eine-dreipunkt-perspektive/ ) haben wir in der Schule erlernt, andere wiederrum haben uns unsere Lehrer verschwiegen (oder ich habe sie vergessen). Doch zum Glück gibt es Bücher wie

Thomas de Padova: Alles wird Zahl. Wie sich die Mathematik in der Renaissance neu erfand  

die sich intensiv mit den Künstlern der Renaissance beschäftigen und uns verraten, dass die Künstler jener Zeit nicht nur Fluchtpunkte, sondern auch einen Perspektografen hatten, der Ihnen dabei half so realistisch zu Malen. Was genau ein Perspektograf ist schauen wir uns gleich an, doch zuvor holen wir uns kurz die Zeit vor Augen, in der diese Bilder entstanden.

Die Renaissance

Das Wissen der Antike wurde wiederentdeckt.

Alle, die in Kunst besser aufgepasst haben als ich, erinnern sich sicherlich, dass die Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert die Welt der Kunst auf den Kopf stellte. Renaissance heißt Wiedergeburt und meint die Wiedergeburt des Wissens, dass viele Jahre verschollen war und sich durch die damals neue Kunst des Buchdruckes wieder in der Welt zu verbreiten begann.

Einer der Künstler der Renaissance war Leonardo Da Vinci. Leonardo war ein wissensdurstiger Künstler, der nicht nur schöne Bilder schuf, sondern auch viel Zeit damit verbrachte Dinge zu lernen. So wollte Leonardo zum Beispiel wissen, wie genau die Anatomie eines Menschen aussah, um diese detailgenau malen zu können. Das nervige an Menschen ist, dass sie nie lange stillhalten und dass ihre Haut die Dinge verdeckt, die ihren Körper formen. Weil das Studium an lebenden Menschen Leonardo gewisse Grenzen setzte, beschoss er verbotenerweise Leichen zu sezieren. Beim Zerteilen der Körper lernte er, wie er Menschen besser zeichnen konnte.

Der Perspektograf

Zu meiner großen Freude hat der Perspektograf um den es heute geht nichts mit Leichen zu tun. Der Perspektograf war ein von Leonardo genutztes Gerät, dass ihm und Künstlern nach ihm dabei half die richtige Perspektive und Proportion eines Gegenstandes abzubilden.

Ich muss los.

Wenn Du schon einmal versucht hast etwas zu zeichnen was Du siehst, wirst Du feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Lebendige Dinge wie Tiere sind schwierig zu zeichnen, weil sie sich einfach mitten im Zeichenprozess aus dem Staub machen. Doch auch das Zeichnen von Dingen, die sich nicht bewegen, ist schwierig. So reicht eine minimale Veränderung unserer Sitzposition und schon sind die Dinge vor unserem Auge nicht mehr da, wo sie waren. Selbst wenn wir uns nicht bewegen, bewegen sich die Objekte, die wir zeichnen wollen, je nachdem, ob wir sie mit beiden, oder nur dem rechten oder dem linken Auge anschauen.

Auch Leonardo kannte diese Herausforderungen des Malens der Realität, doch Leonardo wäre nicht Leonardo, wenn er für diese Herausforderung keine Lösung gefunden hätte. Seine Lösung trägt den wunderbaren Namen Perspektograf. Für das Zeichnen mit dem Perspektografen brauchen wir:

  1. einer Halterung, die den Kopf des Künstlers fixiert,
  2. einer Glasscheibe,
  3. dem zu zeichnenden Objekt,
  4. einem Stift und einem
  5. transparenten Papier

Und so funktioniert der Perspektograf:

  1. Das zu zeichnende Objekt wird aufgestellt.
  2. Die Glasscheibe wird so positioniert, dass das zu zeichnende Objekt durch sie zu sehen ist.
  3. Etwas weniger als eine Armlänge von der Glasscheibe entfernt, wird die Halterung für den Kopf des Künstlers positioniert.
  4. Der Künstler schnappt sich seinen Stift, fixiert seinen Kopf in der Halterung, schließt ein Auge und zeichnet mit dem Stift auf dem Glas die Linien des Objektes dahinter nach.
  5. Sobald der Künstler alle Details des Objektes auf die Glasscheibe übertragen hat, legt er ein transparentes Papier über die Glasscheibe und überträgt die Linien vom Glas aufs Papier.
  6. Im letzten Schritt überträgt er die Linien von Transparentpapier auf seine Leinwand.

Mit dieser Vorarbeit sorgt der Künstler dafür, dass alles am rechten Platz ist und kann sich vollkommen auf die anderen Arbeiten am Bild konzentrieren

Fazit

Je mehr ich mit Kunst und Co. beschäftige, desto mehr merke ich, dass Künstler vieles mit Zauberern gemein haben. Der Zauber eines Kunstwerkes geht auch von der Art und Weise seiner Entstehung aus. Ein Künstler sollte daher genau überlegen, wie viele Details der Entstehung eines Kunstwerkes er verrät. Denn manch ein Detail der Entstehungsgeschichte nimmt dem Werk möglicherweise etwas von dessen Zauber.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber bis jetzt hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas abgepaust habe. Da ich nun weiß, dass selbst Leonardo Da Vinci und seine berühmten Kollegen auf diese Technik zurückgriffen, gehört mein schlechtes Gewissen der Vergangenheit an. Bei Abpausen habe ich von nun das Gefühl, dass ich eine Technik der großen Künstler anwende.