4,4 min readPublished On: 31. März 2022By Tags: , , Categories: Bücher, Wissen

Ein gutes Verhältnis zu den Eltern ist keineswegs nur begrüßenswert

Moment, was ist hier los?

Wenn Du Dich jetzt irritiert auf diese Überschrift schaust, geht es Dir wie mir, als ich den folgenden Satz las:

„Wenn nach der Shell-Jugendstudie 2019 mehr als 90 Prozent aller Jugendlichen ein gutes oder sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben, ist das keineswegs nur begrüßenswert.“

Das schreibt

Reinhard K. Sprenger: Magie des Konflikts. Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt, S. 22.

Ich kenne mich mit Kindern nicht sehr gut aus. Doch ich erinnere mich daran, dass meine Eltern viel Aufwand in ein gutes Verhältnis zu mir gesteckt haben. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich immer zu ihnen kommen kann, wenn ich etwas brauche. Und dieses Wissen hat mir eine Sicherheit gegeben, die nicht alle meine Freunde in ihrer Kindheit genossen haben.

Bis jetzt bin ich daher davon ausgegangen, dass ein gutes Verhältnis zu den Eltern wichtig ist. Immerhin sind es in aller Regel die Eltern, die ein Kind großziehen, ihm Werte vermitteln, und es so beschützen, dass es ihm gut geht.

Was genau ist an einem guten Verhältnis nicht begrüßenswert?

Ich bin ich, nicht Du.

Das Problem an einem guten Verhältnis zu den Eltern kann die fehlende Konflikterfahrung sein. Diese brauchen Kinder, um eine eigene Identität zu bilden, schreibt unser Autor. Ein Konflikt zwischen Eltern und Kindern macht Unterschiede sichtbar. Zu meiner großen Freude habe ich gerade erst einen Film gesehen, der ein hervorragendes Beispiel für einen solchen Konflikt zeigt.

Disney Film Rot (Spoiler Alarm)

Dieser Film erzählt eine Familiengeschichte. Die Hauptrolle spielt die Tochter Mei Lee. Mei Lee wächst in einer Familie auf, in der es Tradition ist, die Erwachsenen zu ehren. Während sie zu Hause eine vorbildliche Tochter ist, ist sie in der Schule ein normaler Teenager, der davon träumt, seine Lieblingsband live zu erleben.

Eines Tages passiert etwas Seltsames: Sobald Mei Lee emotional wird, verwandelt sie sich in einen großen roten Panda. Sobald sie sich wieder beruhigt, wird sie wieder ein Mädchen. Als ihre Eltern davon erfahren, reagieren diese nicht etwas entsetzt, sondern verraten Mei Lee, dass alle Frauen in der Familie eine rote-Panda-Phase hatten. Dass Mei Lee bisher noch nichts von dieser „Familien-Tradition“ erfahren hat, liegt daran, dass alle Frauen in ihre Familie ihren Panda im Rahmen eines Rituals in einen Glücksbringer gebannt haben.

Jetzt weiß ich, wie ich meine Emotionen kontrolliere.

Da dieses Ritual erst durchgeführt werden kann, wenn der Mond in einer bestimmten Phase ist, muss Mei Lee sich noch bis dahin gedulden und noch eine Weile mit dem Panda in sich zurechtkommen. Um sie zu schützen, trainieren ihre Eltern Mei Lee darin, ihre Emotionen und damit das Auftauchen des Pandas zu kontrollieren.

Als die Zeit des Rituals endlich gekommen ist, freuen sich die Erwachsenen darauf, Mei Lee von der Bürde des Pandas zu befreien. Mei Lee dagegen stellt fest, dass sie ihren Panda in den letzten Wochen lieben gelernt hat und bricht das Ritual ab, weil sie ihren Panda behalten will. Hier steht Mei Lee nun zum ersten Mal in ihrem Leben in einem echten Konflikt mit ihrer Mutter. In einem großartigen Showdown tragen die beiden diesen für beide Seiten schmerzhaften Konflikt aus, und Mei Lee darf ihren Panda behalten.

Der Konflikt zwischen Mutter und Tochter entsteht, weil Panda nicht gleich Panda ist. Mai Lees Mutter möchte Ihre Tochter vor dem Panda beschützen, da der Panda der Mutter ein gigantisch großer bedrohlicher Panda war, der Menschen verletzte. Mei Lees Panda dagegen hat einen fluffigen Kuscheltiercharakter. Diesem Panda fällt es leicht, andere Menschen für sich zu begeistern. Erst als die Mutter versteht, dass Mei Lee vor ihrem Panda nicht beschützt werden muss, kann sie die Entscheidung der Tochter mittragen und das Anderssein der Tochter akzeptieren.

Fazit

Das Buch unseres heutigen Autors hat mich regelrecht in seinen Bann gezogen, weil er vieles von dem, was ich als richtig empfinde, zunächst auf den Kopf stellt, um es dann im nächsten Schritt in eine neue Balance zu bringen.

Ein gutes Beispiel für diese neue Balance ist unser heutiges Thema. Während ich bis heute zwischen guten und schlechten Eltern-Kind-Beziehungen unterschieden habe, in denen die guten Beziehungen keine Konflikte und die schlechten nur Konflikte haben, ist es unserem Autor gelungen, meine Schwarz-Weiß-Sicht an dieser Stelle zu relativieren und somit der Realität näher zu bringen.

Konflikte haben auch etwas Gutes.

Die Perspektive des Autors, dass ein Leben ohne Konflikte ein langweiliges Leben ist, hilft mir in Zukunft hoffentlich dabei, meine Konflikte anders anzugehen. Und ich hoffe, der heutige Beitrag hilft das ein oder andere Elternteil in Zukunft dabei, einen Konflikt mit dem eigenen Kind leichter auszuhalten. Kinder wollen Eltern mit Konflikten nicht zur Weißglut treiben, sie arbeiten lediglich daran, ihre eigene Identität zu finden.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig. Hast Du schon einmal einen Identitäts-Konflikt zwischen Eltern und Kindern erlebt? Wie ist dieser ausgegangen?