Jeder erwachsene Mensch in Deutschland kann selbstbestimmt leben, oder?
Was machst Du, wenn Du ein Fahrrad haben möchtest? Du kaufst es Dir. Zur Not ist es ein gebrauchtes Rad. Was machst Du, wenn Du spazieren gehen möchtest? Du gehst spazieren. Möglicherweise nicht direkt jetzt, falls Du gerade arbeiten musst, oder es regnet, aber Du gehst spazieren. Was machst Du, wenn Du erwachsen bist und in einer Wohnung wohnen möchtest? Du wohnst in einer Wohnung. Es ist vielleicht aufgrund von Wohnungs- oder Geldmangel nicht Deine Traumwohnung und möglicherweise musste Du Formulare ausfüllen, damit das Amt einen Teil der Kosten trägt, aber Du kannst in eine Wohnung ziehen.

All diese Dinge sind Zeichen dafür, dass Du ein selbstbestimmtes Leben führen kannst. Ich für meinen Teil habe lange Zeit nicht auf dem Schirm gehabt, dass nicht jeder erwachsene Mensch in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Doch für Menschen mit Behinderung sind all die oben genannten Dinge laut
nicht einfach machbar, sie müssen erstritten werden. Tanja schreibt:
„Menschen mit Behinderungen müssen zahlreiche Dinge erstreiten (Hilfsmittel, selbstbestimmtes Leben mit Assistenz, freie Wahl der Wohnform4) und ihr Recht auf Nachteilsausgleiche immer wieder mit Bergen von Formularen und ärztlichen Gutachten belegen, insbesondere dann, wenn ihre Behinderung nicht sichtbar ist.“ S.12.
Nun frage ich mich: Was genau ist ein selbstbestimmtes Leben? Warum ist das alles für Menschen mit Behinderung so kompliziert? Muss das alles so kompliziert sein? Lass uns doch einmal schauen, ob wir heute ein paar Antworten auf diese Fragen finden.
Was ist ein selbstbestimmtes Leben?
Auf der Webseite der Teilhabeberatung habe ich eine Definition für die Formulierung gefunden:
„Selbstbestimmt Leben heißt, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, basierend auf der Wahlmöglichkeit zwischen akzeptablen Alternativen, die die Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer bei der Bewältigung des Alltags minimieren. Das schließt das Recht ein, seine eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können, an dem öffentlichen Leben in der Gemeinde teilzuhaben, verschiedenste soziale Rollen wahrzunehmen und Entscheidungen selbst fällen zu können, ohne dabei in die psychologische oder körperliche Abhängigkeit anderer zu geraten. Selbstbestimmung ist ein relatives Konzept, das jeder persönlich für sich bestimmen muss.“ (DeLoach C.P., R.D. Wilins, G.W. Walker: Independent Living – Philosophy, Process and Services. Baltimore, 1983, S. 64. Übersetzung: Horst Frehe)
Bei einem selbstbestimmten Leben haben Menschen laut dieser Definition unter anderem

- die Kontrolle über ihr eigenes Leben,
- so wenig wie möglich Abhängigkeiten von anderen,
- die Möglichkeit, am öffentlichen Leben teilzunehmen,
- die Möglichkeit, Entscheidungen selbst treffen zu können.
Nachdem wir nun wissen, was selbstbestimmt leben bedeutet, können wir uns nun anschauen, wie dieses Recht in Deutschland geregelt ist.
Wie ist das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland geregelt?
Die Webseite der Teilhabeberatung gibt auch auf diese Frage eine ausführliche Antwort. Ich beschränke mich hier darauf, nur zwei der dort genannten Quellen anzuführen. Die Webseite verrät uns, dass der Artikel 2 des Grundgesetzes das selbstbestimmte Leben regelt:
„Art 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“
Da Deutschland 2006 das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung unterzeichnet hat, gilt es seit 2009 auch in Deutschland. Laut der Teilhabeberatung betreffen die Artikel 3,19, 20 und 26 das Thema selbstbestimmtes Leben. Ich habe mir hier mal den 19 Artikel geschnappt, weil er zwei der Punkte abdeckt, die Tanja in ihrem Buch erwähnt:

„Artikel 19
Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft
Die Vertragsstaaten dieses Übereinkommens anerkennen das gleiche Recht aller Menschen mit Behinderungen, mit gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen in der Gemeinschaft zu leben, und treffen wirksame und geeignete Maßnahmen, um Menschen mit Behinderungen den vollen Genuss dieses Rechts und ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern, indem sie unter anderem gewährleisten, dass
a) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben;
b) Menschen mit Behinderungen Zugang zu einer Reihe von gemeindenahen Unterstützungsdiensten zu Hause und in Einrichtungen sowie zu sonstigen gemeindenahen Unterstützungsdiensten haben, einschließlich der persönlichen Assistenz, die zur Unterstützung des Lebens in der Gemeinschaft und der Einbeziehung in die Gemeinschaft sowie zur Verhinderung von Isolation und Absonderung von der Gemeinschaft notwendig ist;
c) gemeindenahe Dienstleistungen und Einrichtungen für die Allgemeinheit Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung zur Verfügung stehen und ihren Bedürfnissen Rechnung tragen.“
Warum ist das alles für Menschen mit Behinderung so kompliziert?
Ich glaube, dass es auf diese Frage viele Antworten gibt. Hier die Antworten, die ich sofort im Kopf habe:
- Weder Steuergelder noch Krankenkassenbeiträge usw. dürfen verschwendet werden, daher werden Anträge geprüft und gegebenenfalls abgelehnt.
- Die Gehälter, die Assistenzen erhalten, sind gering, so dass es schwierig ist, von dem Beruf zu leben. Das führt dazu, dass Assistenzstellen gern in Teilzeit übernommen werden. Das kann für jene, die auf diese Assistenzen angewiesen sind, enorm anstrengend sein, weil sie so noch mehr Menschen koordinieren müssen.
- Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung ist in der Allgemeinheit noch immer nicht sehr bekannt.
- Viele zu viele Menschen in Deutschland haben noch immer ein völlig veraltetes Bild von Menschen mit Behinderung im Kopf. Sie glauben, dass es nett ist, wenn Menschen mit Behinderung geholfen wird und haben noch immer nicht verstanden, dass Menschen mit Behinderung ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.
- In Deutschland gibt es noch immer zu viele Strukturen, die Menschen mit Behinderung im Alltag unsichtbar machen: Angefangen mit Förderschulen, die Schulkinder mit Behinderung von Schulkindern ohne Behinderung fernhalten, bis hin zu zahlreichen alltäglichen Barrieren, die Menschen mit Behinderung von einer vollumfänglichen Teilhabe am öffentlichen Leben abhalten.

Ich glaube, dass es noch viele weitere Punkte gibt, die das Leben für Menschen mit Behinderung unnötig schwer machen. Wenn Du welche auf dem Schirm hast, würde ich mich freuen, wenn Du sie in den Kommentaren unter diesem Beitrag ergänzt.
Ich glaube aber auch, dass wir viele der Dinge in den Griff bekommen können, die aktuell noch Hürden darstellen. So könnten wir zum Beispiel die Sache mit dem Erstreiten, die Tanja in ihrem Zitat erwähnt, in ein Recht umwandeln. Wenn Menschen einen Schwerbehindertenausweis bekommen, sollten Sie damit gleichzeitig einfach Rechte auf bestimmte Leistungen erhalten, die sie einfach abrufen können. Diese Rechte sollten sich dann nicht am Minimumbedarf orientieren, sondern daran, dass der Betroffene dank der erbrachten Leistungen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann.
Was kann ich tun?
Ich für meinen Teil beschäftige mich seit einiger Zeit mit genau dieser Frage. Für mich lautet die Antwort: Ich muss mich mit dem Thema beschäftigen. Nur, wenn ich die Probleme verstehe, kann ich zu deren Lösung beitragen.
Die Beschäftigung mit dem Thema führt auch immer wieder dazu, dass ich mein Bild und mein Verhalten reflektieren muss. Es beinhaltet die schmerzhafte Erkenntnis, dass auch ich in der Vergangenheit Fehler in diesem Bereich gemacht habe und eine unnötige Barriere dargestellt habe. Es beinhaltet die schmerzhafte Erkenntnis, dass ich noch immer eine Barriere darstelle und wahrscheinlich immer eine darstellen werde und mich lediglich bemühen kann, eine kleinere Barriere zu sein, indem ich mehr Rücksicht nehme und mir die Vielfalt der Welt der Behinderungen immer wieder vor Augen führe.
Ein weiterer Beitrag, den ich leisten kann, ist, Menschen mit Behinderung online zu supporten, indem ich Social Media Accounts von Betroffenen folge, deren Beiträge kommentiere und folge.
Sicherlich könnte ich noch mehr tun, und vielleicht werde ich auch noch mehr tun, doch das ist im Großen und Ganzen mein aktueller Stand in diesem Themenbereich.
Was kannst Du tun?
Du kannst diesen Beitrag lesen. Da Du diese Worte liest, vermute ich, dass Du das getan hast und damit einen Schritt getan hast, der dazu beiträgt, dass sich Dinge in Zukunft ändern können. Was Du darüber hinaus tun kannst und willst, liegt bei Dir. Doch da ich neugierig bin, würde ich mich freuen, wenn Du Deine Gedanken diesbezüglich in den Kommentaren unter diesem Beitrag teilst. Vielleicht finde ich in Deiner Antwort auch noch einige Dinge, die ich tun kann.
Fazit
Dank Tanja wissen wir nun, dass nicht jeder erwachsene Mensch in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Wir wissen auch, dass der Ist-Zustand nicht dem Soll-Zustand entspricht und haben einige Gründe für die Abweichung gefunden. Nun ist es an jedem von uns zu entscheiden, ob wir an der gegebenen Situation etwas ändern können und wollen. Ich für meinen Teil möchte an der Situation etwas ändern, und ich bin gespannt darauf herauszufinden, ob ich das auch tatsächlich kann.
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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