Können Gespräche Orthopädiepatienten heilen?

_Geschätzte 4 Minuten Lesezeit

WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Geschenk vom Autoren erhalten. 

Ich kann meinen Hals nicht mehr bewegen

Stell Dir vor Du hörst ein Geräusch. Du drehst schnell Deinen Kopf, um zu herauszufinden was das Geräusch verursacht hat. Beim Drehen Deines Kopfes hörst Du noch ein Geräusch, dieses Mal spürst Du woher das neue kommt. Es kommt aus Deinem Nacken. Beim Versuch wieder nach vorn zu schauen, durchfährt ein stechender Schmerz Deinen Körper und Du weißt, jetzt kann Dir nur noch ein Orthopäde helfen Deinen Nacken wieder in die normale Funktion zu bringen.

Also schleppst Du Dich in die Praxis und wartest, den Blick zu Deinem linken Nachbarn gerichtet, brav im Wartezimmer auf einen freien Behandlungsslot. Sehnsüchtig wartest Du auf den Moment, an dem Dein Name erklingt und Du endlich ins Behandlungszimmer darfst, damit der Orthopäde Dir hier endlich:

  1.  ein paar Fragen stellt, Deinen Nacken wieder einrenkt und Dir eine Spritze verpasst.
  2. sich mit Dir hinsetzt nach ein paar Fragen Deinen Nacken wieder einrenkt und dann nach 20-minütigem weiteren Gespräch entscheidet was der nächst Beste Behandlungsschritt ist.
Schnelle Ergebnisse bitte

Welche der beiden Optionen würdest Du bevorzugen? Ich für meinen Teil bin ein großer Fan von a, schließlich will ich keine Freundschaft mit meinem Arzt schließen, sondern schnell wieder zurück an die Arbeit können. Mit dieser Einstellung würde ich wahrscheinlich bei dem Orthopäden Burkhard Lembeck auf Eis laufen, denn der Fachmann hat laut

Sylvia Löhken & Tom Peters: Begegnung im Gespräch. Wie Sie mit Worten Beziehung gestalten

in den letzten Jahren herausgefunden, dass Gespräche mit Patienten in vielen Fällen effektiver und günstiger sind als Spritzen, OPs und Krankenhausaufenthalten.

Wie können Gespräche Muskeln und Knochen heilen?

Stress also Ursache für verkrampften Nacken

Die etwas ernüchternde Antwort auf unsere Frage an dieser Stelle lautet: Gespräche können Muskeln und Knochen nicht heilen. Eine akute Verrenkung braucht in der Regel eine manuelle Therapie. Doch Gespräche können einer erneuten Verrenkung vorbeugen. Es kann vorkommen, dass das Symptom des verrenkten Nackens seine Ursache nicht in einer zu schnellen Bewegung hat, sondern Stress bedingt ist. Diese Ursache findet der Orthopäde allerdings nicht heraus, indem er einen Patienten nur von seinem Symptom befreit, sondern indem er mit ihm redet.

Patientengespräche bezahlen spart Krankenkassen Geld

Länger Gespräche zwischen Arzt und Patienten ermöglichen also bessere Diagnosen und verhindern dadurch erneute Vorfälle und/oder reine Symptombehandlungen. Aus diesem Grund hat Burkhard mit der AOK in Baden-Württemberg 2014 erfolgreich ein Programm auf die Beine gestellt, dass Orthopäden nicht nur für Medikamente, OPs und co. bezahlt, sondern auch für die Gespräche mit Patienten.

Mehr Leistung spart Geld

Das Spannende an dem Programm ist, dass die Patienten bessere Diagnosen und Behandlungen bekommen, sondern, dass die Krankenkasse dank dem Programm sogar Geld spart. Doch wie kann das sein? Die Krankenkasse zahlt doch jetzt für eine Leistung (Patientengespräche) für die sie vorher nicht bezahlt hat. Wie können durch Mehrleistung Kosten sinken? Nun die Antwort lautet: Dank der besseren Diagnosen lassen sich einige sehr teure und unnötige Operationen vermeiden. Die Krankenkasse spart also mehr Geld bei den Operationen ein, als sie für die Gespräche ausgibt.

Fazit

Nicht immer ist die schnellste Lösung die Beste. Diese aus der Orthopädie stammende Erkenntnis lässt sich auch auf viele andere Lebensbereiche anwenden. Denken wir zum Beispiel Projekte und vergleichen die Kundenkommunikationsstrategie zwischen klassischem Projektmanagement und Scrum. Beim klassischen Projektmanagement wird möglichst wenig mit dem Kunden kommuniziert. Beim Scrum wird der Kunde alle 2 bis 4 Wochen um ein Feedback zum aktuellen Projektstand gebeten. Das Ergebnis dieser unterschiedlichen Kommunikationsstrategie ist, dass es bei Scrum fast unmöglich ist ein Produkt zu entwickeln, dass Kundenwünsche ignoriert.

Nun bin ich neugierig: Welche Fälle kennst Du, in denen eine längere Kommunikation zu besseren Ergebnissen geführt hat?