Weißt Du, was allosexuell bedeutet?

Ein Ring sie zu knechten.

Ich lebe in Berlin. Berlin ist eine bunte Stadt, in der viele Menschen leben, die nicht den Vater-Mutter-Kind-Reihenhaus-Traum leben. Ich selbst gehöre zu diesen Menschen. Der genannte Traum wäre für mich der ultimative Alptraum. Während andere von einer schönen Hochzeit träumen kickt bei mir der Fluchtreflex, wenn ich einen Verlobungsring sehe.

Was ich an Berlin liebe, ist, dass ich hier sein kann, wie ich bin. Kein Mensch versucht mir seinen Lebensstil aufzuzwingen. Gleichzeitig kann Ich hier viele Menschen kennenlernen, die die unterschiedlichsten Träume und Wünsche haben. Menschen, die auf der Suche nach ihrem Weg sind und Menschen, die den für sie passenden Weg bereits gefunden haben.

Weil ich in Berlin lebe, kann ich an Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day teilnehmen und lerne auf diesem, was Begriffe wie LGBTQ (Lesbians, Gays, Bisexuals, Transgender, Queers) und cis (Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde) bedeuten. Die Sache mit dem Lernen in diesem Bereich hört nie auf, weil sich die Community immer weiterentwickelt. So passiert es oft, dass ich über Begriffe wie allosexuell stolpere, die ich noch nicht kenne. Unser heutiger Begriff ist mir in dem Roman von

Lisa Dröttboom: Unbestimmt. Wie entscheidest du dich, wenn du alles sein kannst?

begegnet. In der Szene, in der der Begriff auftaucht, erklärt eine Gruppe Menschen einem Alien, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Zu den erklärenden Sätzen gehört auch dieser:

„»Die LGBTQ-Community besteht aus Menschen, die nicht allosexuell, cis oder heteronormativ sind.«“

S. 208.

Zeit mag ja Wunden heilen, veraltete Lexika allerdings eher nicht.

Weil unser Lexikon schon ganz schön alt ist, bleibt es heute im Regal. Stattdessen greife ich zu dem deutlich aktuelleren Alle(s) Gender Buch von Sigi Lieb, weil ich die Hoffnung habe, dass das Glossar an dessen Ende den Begriff definiert.

Was das Gender-Glossar sagt

Nein, dieses Mal habe ich Pech. Sigis Buch hält zwischen den Einträgen Affirmativer Ansatz und Ally keinen passenden Eintrag für uns bereit.

Was das Internet sagt

Unser heutiger Begriff ist auch so neu, dass er noch nicht einmal auf der Webseite des Dudens auftaucht.

Dabei existiert der Begriff laut queer-lexikon.net schon fast ein Jahrzehnt. Der Eintrag, der die Definition enthält, stammt aus dem Jahr 2017 und lautet:

„Allosexualität ist eine sexuelle Orientierung. Allosexuelle Personen verspüren grundsätzlich sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen. Sie sind also z.B. heterosexuell oder bisexuell. Damit ist allosexuell das Gegenteil zu a_sexuell.“

Allosexuell ist also das Gegenteil von asexuell. Asexuell bedeutet, dass Menschen keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen empfinden.

Was mich irritiert ist, dass Lisa in ihrem Roman die Formulierung „nicht allosexuell“ verwendet und damit asexuell meint, ohne den Begriff zu verwenden. Ihr Satz will also sagen, dass es Menschen gibt, die

Ein Mensch mit einem Rucksack auf der Schulter, einer Taube in der Hand, Plüschschuhen an den Füßen unter einem Saugroboter im Hintergrund.
Ich mag meine kleine Wahl-Familie.
  • sich nicht sexuell zu anderen Menschen hingezogen fühlen,
  • sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde,
  • nicht in einer klassischen Mann-Frau-Beziehung leben wollen.

Fazit

Wir wissen nun, was es mit dem heutigen Begriff auf sich hat. Mit diesem Wissen kannst Du Dich nun also der Gruppe der Allosexuellen oder der Asexuellen zuordnen, oder für Dich feststellen, dass es Phasen in Deinem Leben gibt, in denen Du Dich der einen Gruppe zugehörig fühlst und Phasen, in denen Du Dich zur anderen Gruppe zählst. Egal, was für Dich gilt, es ist perfekt und richtig, und es muss einzig und allein für Dich stimmen, und auch Unsicherheit in diesem Bereich ist völlig okay.

Dank Lisas Roman habe ich gelernt, dass Eltern bis 2010 dem Kind bei der Geburt ein männliches oder weibliches Geschlecht zuweisen mussten. Das heutige Personenstandsgesetz ( § 22 Abs. 3 PStG ) enthält diesen Zwang nicht mehr. Wenn ein Kind beide Geschlechtsmerkmale trägt, dürfen die Eltern in den Unterlagen „Divers“ ankreuzen. Diese Freiheit haben sie laut einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2023 nicht, wenn das Kind eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann.

Für mich ist diese Weiterentwicklung des Rechts ein weiterer wichtiger Schritt in eine Welt, in der Menschen einfach sein können, wie sie sind und nicht von der Gesellschaft in eine bestimmte Rolle gepresst werden. Die Gesellschaft hat durch ihr Streben, Menschen einem von zwei Geschlechtern zuordnen zu wollen, in der Vergangenheit vielen Menschen Gewalt angetan. Diese Gewalt war mir lange Zeit nicht bewusst. So hatte ich zum Beispiel nicht auf dem Schirm, dass ein operativer Zwang zur Geschlechtsanpassung gleichzeitig eine Sterilisation bedeutet. Dabei ist das offensichtlich und logisch, doch ich habe den Gedanken einfach nie gehabt und habe daher auch lange Zeit nicht verstanden, warum Menschen den Zwang zur Geschlechtsanpassung als problematisch empfanden. Heute verstehe ich die Problematik und bin froh, dass es den Zwang nicht mehr gibt.

5. Juni 2026
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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5. Juni 2026
Ein Lattenzaun. Eine Latte hat eine andere Latte in der Hand. Delatte meckert herum. Die anderen Latten am Zaun schauen verzweifelt aus.Weißt Du, woher der Begriff brachial kommt?
nachdenklicher NotenschlüsselWeißt Du, woher der Begriff schwadronieren kommt?

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