Weißt Du, was eine diskursivierung ist?
Heute geht es um einen Begriff, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es ein weit verbreiteter Begriff ist. Denn das Buch von

lann hornscheidt: feministische w_orte. ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik
spielt mit der Sprache und verzichtet bewusst darauf, sich an jene Regeln zu halten, die Werke wie der Duden vorgeben. Lann spielt nicht des Spielens wegen, sondern um zu zeigen, wie selbstverständlich wir Sprache nutzen. Das Spiel mit der Sprache soll zum Nachdenken anregen. Da Sprache auch genutzt wird, um das eigene Ich zu beschreiben, schreckt Lann beim Infragestellen der Art und Weise wie wir Sprache nutzen auch nicht davor zurück, das eigene Ich in Frage zu stellen. Das klingt in den Worten der buchschreibenden Person so:
„bin ich da und hier und anwesend vor meiner diskursivierung vor meiner benennung, mit eigennamen, mit kategorisierenden gruppierenden benennungen der unterschiedlichsten kontinuierlich wechselnden form und wann und wie wechseln diese zu_schreibungen, wann >stimmen< sie und wie kann ich mich dazu verhalten?“
S. 15.
Aus dem Buch gerissen mag der Satz schon allein deswegen irritieren, weil hier und im restlichen Buch unter anderem komplett auf die Großschreibung verzichtet wird. Doch beim Lesen des Buches hat es mich nicht irritiert, weil ich mich nach nur 2 Seiten an den Stil gewöhnt hatte.
Ich bin sehr gespannt darauf, ob unser Lexikon unseren heutigen Begriff kennt, oder ob dieser zu Lanns zahlreichen Wortschöpfungen gehört.
Was das Lexikon sagt
Unser Lexikon kennt den Begriff nicht, doch der Eintrag für diskursiv passt in meinen Augen perfekt auf das, was Lanns Buch tut.
dis|kur|siv <Adj.>: a) (Philos.) von Begriff zu Begriff methodisch fortschreitend; schlussfolgernd: -es Denken; -e Logik; b) (bildungsspr.) in ausführlichen Diskussionen, Erörterungen methodisch vorgehend: ein Problem d. angehen, zu bewältigen suchen. Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 511.

Schau Dir das Zitat von Lann an. Es schreitet von Begriff zu Begriff methodisch fort und benennt alle Dinge, die zum Beschreiben eines Menschen dienen. Es zeigt auf, wie wir Sprache nutzen, um einen Menschen zu beschreiben. Es nennt gar die Herausforderung, die für den beschriebenen Menschen besteht.
Vielleicht fragst Du Dich jetzt, „Welche Herausforderungen entstehen denn bitte durch die Beschreibung eines Menschen?“. Lass mich an dieser Stelle ein einfaches Beispiel anführen. Ich bin in Deutschland geboren. Sobald ich das Land verlasse, „gewinne“ ich eine neue Beschreibung, denn nun bin ich plötzlich eine Ausländerin und werde auch als eine solche wahrgenommen. Diese kleine Änderung in meiner Beschreibung hat massive Auswirkungen auf mich und mein Umfeld.
Auch wenn der Begriff aus unserem Lexikon perfekt zu passen scheint, möchte ich mich an dieser Stelle mit Hilfe des Internets noch einmal rückversichern und schauen, ob die diskursivierung tatsächlich eine Wortschöpfung von Lann ist.
Was das Internet sagt
Das Internet oder genauer gesagt die Webseite der Freien Universität Berlin kennt unseren heutigen Begriff und schafft es, diesen so zu umschreiben, dass die Klarheit, die unser Lexikon in meinem Hirn erzeugt hat, vollständig verschwindet:
„Der Begriff der ‚Diskursivierung‘ bezieht sich auf die Prozessualitäten und Modalitäten der Vertextung von ‚Neuem‘, während das ‚Neue‘ sowohl Resultate binnenliterarischer Prozesse des Wandels als auch die literarische Bearbeitung von ‚Neuem‘ aus anderen diskursiven Ordnungen meint, d.h. von extraliterarischem ‚Neuem‘.“
Aus dieser Definition nehme ich einfach mit, dass es um den Wandel von etwas hin zu etwas Neuem geht.
Fazit
Nach unserer heutigen Recherche habe ich nun zumindest eine grobe Vorstellung davon, was diskursivierung bedeuten könnte.
Nachdem ich die Definition der Freien Universität Berlin gelesen habe, bin ich Lann unendlich dankbar dafür, dass es ihrem Buch gelingt, ihr Anliegen fluffig zu präsentieren. Obwohl Lann alle Worte klein schreibt und Unterstriche an Orten einfügt, an denen ich sie nicht gewohnt bin, liest sich das Buch leicht und fluffig. Das sorgt dafür, dass ich mich auf Lanns Fragen einlassen kann und das, obwohl ich bis heute das Gefühl habe, dass ich einfach nicht verstehe, was genau Feminismus ist.
Dank Lann verstehe ich, dass Sprache Realitäten erschafft, und zwar nicht erst da, wo es mit Begriffen wie dem männlichen Arzt und er weiblichen Krankenschwester ganz offensichtlich ist, sondern schon lange davor, zum Beispiel bei der Beschreibung der eigenen Person. Einer Beschreibung, die sich ständig wandelt, weil sie uns unter anderem mit den Menschen in unserem Umfeld in Beziehung setzt. So wird aus einer Unternehmerin eine Tochter, weil sie ihre Mutter besucht. Mit der Beschreibung der Person wandelt sich auch ihr Verhalten.
An dieser Stelle bin ich neugierig: Wie genau würdest Du Dich jetzt in diesem Moment beschreiben, wenn Du Dich an Lanns Zitat entlanghangelst? Ich bin jetzt und genau hier eine einsame Bloggerin, die mit Ihrem Laptop auf dem Schoß in eine neue unendlich große Wissenswelt vorstößt, die ihr nicht nur ein kleines bisschen Angst macht und gleichzeitig eine Abenteuerlust, Spannung und Neugierde weckt, weil sie wissen möchte, wohin dieser Wissensweg führen könnte.
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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Ich finde den Artikel super! Wer braucht schon ein Lexikon, wenn man lann hornscheids Buch hat? Dieses Zögern mit der Großschreibung – *dis|kur|siv* – ist ja gerade der Kern des Ganzen! Man lernt ja erst durchs Suchen. Und wenn die Uni dann so einen Umstand macht, dass man erst richtig fragt, was *das* heißt… Beeindruckend! Ich bin jetzt offiziell neugierig, wie ich bin, wenn ich mich nach lanns Methodik beschreibe – vielleicht bin ich ja gerade eine „digital gestörte Kritikerin? Haha, danke für die Denkanregung und das Fluffige!
Hallo Máy tính sinh sản,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Schön, dass der Beitrag Deine grauen Zellen angefeuert hat. Dasrf ich fragen wie Du auf die digital gestörte Kritikerin gekommen bist?
Kleiner Tipp am Rande: lanns Buch enthält einige Schreibübungen, für ihre Lesenden.
Ich wünsche Dir einen fantastischen Start in den Tag.
Viele Grüße
Maria