Wer Tippfehler macht ist dumm, oder?

„Maria, mit der Rechtschreibung wirst Du definitiv nie Schriftsteller.“

Ein Mensch, der seine Sachen gepackt hat und traurig ausschaut.
Ich geh nur kurz meine Träume beerdigen und bin nach der Pause pünktlich wieder da.

Mein Deutschlehrer reicht mir meine mit lauter roten Markierungen versehenen Text zurück und geht zum nächsten Tisch. Was solche Sätze in Menschen anrichten können, zeigt der folgende Text:

„Tippfehler in Texten und den Mails, Zahlendreher, E-Mails, die ich ohne Anhang verschicke oder in denen der Wochentag nicht zum Datum passt: Beweise, dass ich dumm bin. Dass ich nicht aufnahmefähig bin.“

S. 27,

aus

Dilek Güngör: ZWEIFELN, S. 27. In: Daniela Dröscher, Paula Fürstenberg (Hrsg.): check your habitus.

Wer ist Dilek Güngör?

Dilek ist Journalistin, Kolumnistin und Buchautorin, sie wurde 1972 in Schwäbisch Gmünd geboren und lebt in Berlin. Sie besuchte eine katholische Schule und absolvierte ein Übersetzungsstudium für Englisch und Spanisch und studierte anschließend Journalistik.

Ist Dilek dumm?

Nein, Dilek ist nicht dumm. Dilek ist lediglich in einem Umfeld aufgewachsen,  in dem Fehler wenig Raum hatten. Katholische Schulen sind nicht gerade bekannt für Ihre verständliche Freundlichkeit gegenüber Kindern, sondern eher für Strenge. Von Menschen, die Texte übersetzen, wird erwartet, dass sie schnell arbeiten und keine Fehler machen. Auch Journalisten wird eingebläut, dass Fehler böse sind. Wer glaubt schon einer Zeitung, in der fehlerhafte Texte erscheinen. Woher soll ich denn bitte wissen, was stimmt, wenn ich nicht weiß, ob „die“ da sauber arbeiten?

Ein Mensch hat einen Sack in der Hand. In dem Sack befindet sich eine Uhr, die hilflos ausschaut.
Wie jetzt, Du möchtest 4 Wochen recherchieren? Der Bericht muss morgen live. Nimm doch einfach die Künstliche Intelligenz zur Hilfe. Das passt schon.

Doch die Sache ist die: Der Journalismus hat sich gewandelt. Wie überall muss es auch hier immer schneller gehen. Dabei war der Journalismus schon immer schnell. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, lautet ein Sprichwort. Mit dem Aufkommen des Internets und dem Entstehen von Nachrichtenwebseiten ist noch mehr zeitlicher Druck entstanden, schnell eine Nachricht live zu bringen. Es ist ein wahres Wettrennen zwischen den Nachrichtenblättern. Wer auch immer zuerst darüber berichten kann, hat gewonnen. Wo bitte bleibt da noch die Zeit für ein Lektorat von Texten?

Ich kenne Dilek nicht. Ich habe keines ihrer Bücher gelesen und kenne lediglich ihren kleinen Text, in dem sie behauptet, dass sie dumm sei. Was sie nicht ist. Sie hat 2 Studien abgeschlossen. Sie hat Bücher veröffentlicht. Sie beherrscht mehr Sprachen als ich. Sie ist definitiv viel klüger als ich. Doch das weiß sie nicht, da sie mich nicht kennt. Sie kennt lediglich ihre Selbstzweifel. Selbstzweifel, die sie von ihrem Umfeld gelernt hat. Selbstzweifel, die ihr das Gefühl geben, dass sie nicht gut genug ist. Selbstzweifel, die vielleicht dafür sorgen, dass sie über sich hinauswächst. Selbstzweifel, die vielleicht den ein oder anderen ganz wunderbaren Text von ihr getötet haben, bevor dieser entstanden ist.

Bin ich dumm?

Hallo, ich bin Maria. Ich bin eine wahre Königin der Tippfehler. Ich weiß, dass ich Fehler mache. Ich weiß, dass die Autokorrektur auf meinem Smartphone es manchmal nicht gut mit mir meint. Ich veröffentliche Tweets mit Tippfehlern. Ich schreibe Texte, die Tippfehler enthalten. Ich sende fehlerhafte E-Mails und meine Gesprächsdokumentationen und Mitschriften sind ein wahres Tippfehlermienenfeld.

Auch ich hatte Zeiten, in denen ich mir auch dank meines Deutschlehrers dumm vorkam, weil ich solche Fehler gemacht habe. Heute dagegen bin ich in der Lage, meine Fehler zu umarmen. Manch ein Tippfehler, oder Autokorrektur Faux Pas sind so witzig, dass sie meinen Social Media Post auf ein völlig neues Level bringen.

Ein Mensch sitzt an einem Laptop.
Zum Glück bin ich nur Bloggerin und darf Fehler machen, ohne dass mir jemand sagt, dass das nicht geht.

Im Gegensatz zu Dilek bin ich nur Bloggerin. Ich schreibe Texte für diesen Blog, weil es mir Freude bereitet, und weil sie mir beim Lernen und Reflektieren helfen. Der Blog zahlt nicht meine Miete. Ich ziehe den Text mit Hilfe eines Rechtschreibprogrammes grade und habe Menschen, die die Texte lesen und mich auf Fehler hinweisen, so dass ich diese entfernen kann. Doch ich habe nicht den Anspruch

In dem Job, der meine Miete zahlt, mache ich auch Tippfehler. Chatnachrichten innerhalb des Teams müssen schnell gehen, die korrigiere ich nicht. Auch E-Mails innerhalb des Teams dürfen Fehler enthalten. Noch schlimmer sind Dokumentationen und Notizen, die ich hauptsächlich für mich mache. Die stecken voller Fehler, weil es schnell gehen muss. E-Mails an Außenstehende haben deutlich weniger Fehler. Diese lese ich in der Regel noch einmal, bevor ich sie versende. Hier greife ich auch gern auf E-Mail-Vorlagen zurück, was zum einen viel Zeit spart und zum anderen das Fehlerrisiko deutlich minimiert. Wenn es sehr korrekt sein muss, dann bitte ich mein Team darum, den Text ebenfalls gegenzulesen.

Ich weiß, dass ich Fehler mache, und ich weiß, wie ich sie korrigieren kann. Für mich ist es immer eine Abwägungssache, ob und wie stark ich einen Text korrigiere. Wenn ich bei jedem Text auf Perfektion achten würde, wäre meine Produktivität im Keller, wenn ich keinen Text korrigieren würde, würde das Image meiner Arbeitgeberin leiden. Also schaue ich mir immer den Adressaten an und mache es von diesem abhängig, ob und wie stark ich einen Text korrigiere.

Sind Menschen, die Tippfehler machen dumm?

Was genau bedeutet dumm? Die Duden Webseite definiert den Begriff wie folgt:

„nicht klug; von schwacher, nicht zureichender Intelligenz“.

Ein Mensch mit geöffneter Schädeldecke. Die Rechte und die linke Gehirnhälfte werden jeweils von einem Buch bearbeitet.
Tippfehler sagen nichts darüber aus, ob ein Mensch klug ist oder nicht.

Somit lautet die Antwort auf die Frage: Nein, Menschen, die Tippfehler machen, sind nicht dumm. Von einem oder auch von mehreren Tippfehlern lassen sich keine Schlüsse auf die Intelligenz eines Menschen machen.

Die Gründe für Tippfehler sind vielfältig. Mal überleben sie, weil die Zeit für die Korrektur fehlt, mal schlägt die Autokorrektur zu, mal stammt der Text von einem Menschen, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, und und und. Ich finde Tippfehler sollten nicht verdammt werden. Sie sollten viel mehr Neugierde wecken. Ich wünschte, wir würden uns angewöhnen, Tippfehler zu umarmen und sie als Einladung zu verstehen, ihrem Ursprung nachzugehen und etwas über die Menschen zu lernen, die diese Fehler machen. Tippfehler sind kein Weltuntergang. Sie sind einfach. Sie in den Griff zu bekommen ist nicht schwer. Es braucht dafür nur die Ressourcen. Wenn diese nicht zur Verfügung gestellt werden, dann gehören Tippfehler einfach dazu. Punkt. Aus. Ende.

Fazit

Nun kennst Du meine Gedanken zum Thema Tippfehler. Das sind allerdings nur meine Gedanken, Einschätzungen und Erfahrungen. An dieser Stelle bin ich nun also neugierig: Wie nimmst Du Tippfehler von anderen wahr? Wie gehst Du mit Deinen eigenen um? Sind Dir schon einmal Tippfehler begegnet, die Dich herzhaft zum Lachen gebracht haben.

10. April 2026
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Buchcover zum Beitrag
Buchcover Daniela Dröscher, Paula Fürstenberg (Hrsg.): check your habitus.
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

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Eine Erde sucht einen Ort.Wurde die Welt schon einmal mit dem Fahrrad umrundet?
Ein nachdenklicher Vampir.Ist Honig ein Lebensmittel, das unvergänglich ist?

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