5,1 min readPublished On: 4. August 2022By Categories: Bücher, Wissen

Beeinflusst Lernen die Evolution?

Auf unserer Insel sind alle Vögel gleich.

In der Schule haben wir von Mendel und Darwin gehört. Der eine schnappte sich Erbsen und fand heraus, dass manche Merkmale dominant sind und andere nicht. Der Andere entdeckte Vögel auf Inseln und stellte fest, dass es Mutationen gibt und die nützlichsten Mutationen im Rahmen der Evolution überleben.

Beim Lesen des Buches von

Stuart Russell: Human Compatible. Künstliche Intelligenz und wie der Mensch die Kontrolle über superintelligente Maschinen behält.

ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass das Lernen bei Darwin und Mendel keine Rolle spielt. Doch kann das sein? Kann es sein, dass Lernen keinen Einfluss auf die Evolution hat? Zu meiner großen Freude beantwortet unser Autor die Fragen mit Nein. Und zu meiner noch größeren Freude begründet er seine Antwort mit einer verständlichen Erläuterung und sauberen Quellenangaben, so dass ich für den heutigen Beitrag kaum recherchieren musste.

Der Baldwin Effekt – Lernen und Evolution stehen in Verbindung

Ich bilde nicht nur mich.

Unser Autor schreibt, dass James Mark Baldwin 1896 zu den ersten gehörte, die davon ausgingen, dass Lernen und Evolution in Verbindung stehen. Der nach ihm benannte Baldwin-Effekt

„bezeichnet die Möglichkeit, dass die Evolution entweder einen Instinkt gesteuerten Organismus hervorbringt, bei dem jede Reaktion im Voraus feststeht, oder einen adaptiven Organismus hervorbringt, der lernt, wie er richtig handelt.“ S. 26.

Diese Definition klingt auf den ersten Blick kompliziert, sie ist es aber gar nicht. Ich habe wenig Ahnung von Biologie, würde aber sagen, dass eine Motte ein Instinkt gesteuerter Mechanismus ist. Sobald eine Motte Licht sieht, fliegt sie darauf zu. Dieses Verhalten der Motte wird von einem Instinkt gesteuert, der eigentlich auf das Mondlicht abzielt und der Motte die Orientierung in der Nacht geben soll. Dieser eigentlich nützliche Instinkt tötet jede Nacht zahlreiche Motten, weil lernende Mechanismen wie Menschen die Nacht mit Lampen erhellen, die von den Motten für Mondlicht gehalten werden.

Der Mensch ist im Gegensatz zur Motte ein adaptiver Organismus. Auch er verfügt über Instinkte, doch verfügt er zusätzlich auch noch über die Fähigkeit zu lernen. Durch das Lernen ist er in der Lage, Instinkte zu eliminieren. Ich vermute, dass Feuerwehrmänner ein gutes Beispiel dafür sind, wie das Lernen Instinkte eleminiert. Jeder normale Mensch würde sich instinktiv von einem brennenden Haus fernhalten, zumindest dann, wenn es nicht sein eigenes ist. Würden Feuerwehmänner diesem Instinkt folgen, würden viele Menschen sterben. Daher lernen Feuerwehrmänner, diesen Instinkt zu ignorieren. Sie versuchen, brennende Häuser zu löschen und rennen zudem in noch brennende Häuser, um Menschen zu retten.

Lernvermögen stellt eine evolutionäre Abkürzung dar

Unser Autor schreibt, dass die Fähigkeit des Lernens eine evolutionäre Abkürzung darstellt. Im ersten Moment habe ich diese Aussage nicht verstanden, obwohl unser Autor sie erläutert. Wie so oft brauchte ich ein YouTube Video, um zu verstehen, was unser Autor damit meint. Das Video zeigt das Beispiel eines Fisches. Dieser Fisch hat gelernt, einen Wasserstrahl zu spucken. Das scheint auf den ersten Blick ein witziges Kunststück ohne wirklichen Nutzen zu sein. Doch der Fisch spuckt das Wasser nicht einfach in die Luft, er zielt mit dem Strahl auf nichts ahnende Insekten, die über im fliegen oder auf Blättern über dem Wasser sitzen. Diese werden vom Wasserstrahl kalt erwischt, verlieren die Kontrolle und fallen ins Wasser. Hier werden sie nun vom Fisch genüsslich verspeist.

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Die evolutionäre Abkürzung, von der unser Autor spricht, ist nun die folgende: Fische, die lernen, besser zu spucken, erwischen mehr Beute und überleben mit höherer Wahrscheinlichkeit lang genug, um sich fortzupflanzen. Das erlernte Spucken verhält sich also in etwa so wie eine nützliche Mutation bei Darwin. Damit haben Lernen und Evolution immer dasselbe Ziel: Lebewesen zu erschaffen, die in ihrer aktuellen Umgebung überleben.

Kultur beschleunigt den Baldwin-Effekt

Hallo, Du schaust lecker aus.

Bei unserem Fische-Beispiel lernen die Fische mehr oder weniger zufällig voneinander. Anders sieht dies beim Menschen aus. Die Tatsache, dass ich weiß, wer Darwin und Mendel sind, verdanke ich nicht meiner Familie und meinen Freunden, sondern der deutschen Kultur. In dieser Kultur herrscht eine Schulpflicht, die dafür gesorgt hat, dass ich ein Teil meines Lebens mit Lernen von Dingen verbrachte, die mir bis heute nützlich sind.

Als meine Lehrer mich mit Rechtschreibung quälten, habe ich sie verflucht, weil mir Rechtschreibung wirklich schwerfiel. Heute nutze ich diese erworbene Fähigkeit in jedem einzelnen Blogbeitrag und genieße es, dass Microsoft Word mir inzwischen sogar geholfen hat, die Sache mit der Kommasetzung etwas besser zu verstehen. Die Blogbeiträge, die entstehen, weil  ich mit Hilfe von Lehrern Rechtschreibung gelernt haben, enthalten ab und an Wissen, das der ein oder andere Leser nutzt, um sich richtig zu verhalten. Somit leistet dieser Blog einen aktiven Beitrag zum Baldwin-Effekt.

Fazit

Eigentlich hätte ich diesen Blogbeitrag nicht schreiben müssen, da unser Autor den Baldwin-Effekt in seinem Buch vorbildlich beschreibt. Doch die Sache ist die: Die Sache mit dem Baldwin-Effekt ist so wichtig, dass ich sie mir merken möchte. Das Wissen, dass Lernen die Evolution des Menschen beeinflusst, ist meiner Meinung nach viel zu unbekannt.

Das Wissen, dass Lernen die Evolution beeinflusst und Kultur das Lernen, können wir nutzen und uns die Frage stellen, wie Lernen und Kultur aussehen müssten, um die Welt zu verbessern. Welche Dinge müssen Menschen lernen, damit unser Planet weiter existieren kann? Welche Dinge müssen Menschen lernen, damit der Hunger in der Welt verschwindet? Welche Dinge müssen Menschen lernen, damit wir nie wieder einen Krieg führen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass all dieses Wissen bereits existiert.