4,7 min readPublished On: 27. Oktober 2021By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Brauchen wir wieder mehr Vorfreude in unserem Leben?

Wie schnell isst Du Dein Eis?

Wie isst Du Dein Eis? Genießt Du es langsam und isst es gerade schnell genug, damit es nicht wegfließt? Oder konsumierst Du es so schnell wie möglich? Ich genieße mein Eis in der Regel. Bei einem Eis am Stiel, das mit Schokolade überzogen ist, knacke ich erst die Schokoladenschicht herunter, bevor ich mich dem Vanilleeis darunter widme.

Mit meinem Eisessverhalten gehöre ich zu einer ganz besonderen Spezies, wie der Autor

Martin Lindstrom: Small Data. Was Kunden wirklich wollen – wie man aus winzigen Hinweisen geniale Schlüsse zieht

festgestellt hat. Ich gehöre demnach zu einer Generation von Menschen, die – wie der Autor – mit dem „Konzept Vorfreude“ groß geworden ist. Martin ist ein Spezialist für Small Data, die er durch das Beobachten von Menschen sammelt. Als er Menschen beim Eis-Essen beobachtete, fiel ihm auf, dass Kinder, die in der digitalen Welt aufwachsen, ihr Eis essen, indem sie einfach hineinbeißen.

Dieser kleine Datenpunkt führt Martin auf Seite 33 zu der These, dass die digitale Welt, in der immer alles sofort verfügbar ist, verhindert, dass Kinder das Konzept der Vorfreude erlernen können.

Welche Folgen hat die Abwesenheit von Vorfreude?

Ich freue mich seit Stunden aufs Essen.

Zu meiner großen Freude stellt Martin nicht nur die Frage, was die Folgen der Abwesenheit von Vorfreude sind, sondern beatwortet sie auch gleich. Seiner Auffassung nach bedeutet weniger Vorfreude auch weniger Befriedigung.

Diese Auffassung teile ich absolut. Denn in Sachen Vorfreude bin ich in manchen Fällen ein absoluter Spezialist. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte wünschte ich mir immer einen Ofen mit Umluftfunktion. Als ich mir fast ein Jahrzehnt später meinen ersten Ofen mit Umluftfunktion kaufte, war es für mich ein Fest zu sehen, wie meine Kuchen und Kekse perfekt aufgingen. Hätte ich meine Eltern damals einfach direkt darum gebeten, dass sie sich einen Ofen mit Umluftfunktion zulegen, wäre meine Freude nicht annährend so groß gewesen.

Ist das noch Vorfreude, oder schon Geiz?

Seit des Kaufs meines ersten Ofens ist viel Zeit vergangen. Ich stehe inzwischen finanziell auf eigenen Beinen und könnte mir vieles von dem, was ich mir wünsche, jederzeit kaufen. Allerdings tue ich das nicht. Manche Menschen sehen mein Verhalten als Geiz an. Meiner Einschätzung nach ist mein Verhalten jedoch durch Vernunft getrieben. Und dank Martin sehe ich jetzt auch, dass Vorfreude ein gigantischer Antrieb für mich ist. Die meisten Dinge, die mir den Alltag verschönern, sind Dinge, auf die ich mich lange gefreut habe und die mir irgendwann geschenkt wurden, oder die ich irgendwann erspart habe. Vor dem Wunsch, diese Dinge zu besitzen, habe ich in der Regel viel Zeit mit der Produktrecherche verbracht. Daher bin ich mit diesen Dingen auch viel glücklicher als mit den meisten Spontankäufen.

Manchmal lohnt es sich, erlebten Geiz genauer unter die Lupe zu nehmen. Manchmal wird er sich als Vorfreude entpuppen. Wo genau die Grenze zwischen beidem ist, kann ich auch nach längerem Nachdenken nicht wirklich sagen. Vielleicht hilft uns an dieser Stelle Duden.de:

  • Vorfreude – Freude auf etwas Kommendes, zu Erwartendes.
  • Geiz – übertriebene Sparsamkeit.

Auch mit diesen beiden Definitionen vermag ich die Frage nicht zu beantworten. Ab wann etwas übertrieben ist, liegt nun einmal im Auge des Betrachters.

Die Grenzen der Vorfreude

Wohin wollen wir reisen?

Obwohl ich das „Konzept Vorfreude“ unendlich genieße, stoße ich aktuell in einem Punkt an Grenzen. Im Winter 2020 wollte ich seit vielen Jahren endlich mal wieder ein neues Land entdecken. In den Jahren zuvor gab es viele private Gründe, die einer solchen Reise im Weg standen. Irgendwie war die Reise deshalb in meinen Augen eine Belohnung für die Zeit davor.

Als 2020 absehbar war, dass die Reise nicht möglich sein würde, verlegte ich sie frohen Mutes ein Jahr nach vorn. Nie hätte ich gedacht, dass auch diese Reise nicht stattfinden würde, und ich mich meinem Kindheitstrauma Deutschlandurlaub stellen müsste.

Dieses Reisebeispiel zeigt mir, dass es in Sachen Vorfreude einen Unterschied gibt. Ich kann sie in vollen Zügen genießen, wenn ich mich aktiv für das Warten entscheide. Wenn ich dagegen keine Kontrolle über die Wartezeit habe, bzw. zweifle, ob ich bekomme, worauf ich warte, verschwindet das Gefühl der Vorfreude und wird durch ein ungutes Gefühl ersetzt, das ich nicht recht in Worte fassen kann. Oder anders ausgedrückt: Ein Einkommen zu haben, das zu gering ist, um sich die ersehnten Dinge zu kaufen, hat nichts mit Vorfreude zu tun.

Fazit

Ja, ich glaube, dass wir Vorfreude in unserem Leben brauchen. Sicherlich braucht nicht jeder Mensch mehr Erlebnisse der Vorfreude in seinem Leben, weil viele Menschen dieses Konzept bereits beherrschen. Doch ich denke, es gibt auch Menschen, denen etwas mehr Vorfreude in ihrem Leben sicherlich guttun würde. Das Schöne an Vorfreude ist, dass sie sich so gut wie überall erleben und einrichten lässt. Statt sofort etwas zu kaufen, kannst Du den Kauf bewusst eine Woche oder einen Monat nach hinten verschieben und Dir derweil ein paar Unboxing Videos auf YouTube gönnen, bei denen Du vielleicht sogar Funktionen entdeckst, die Dir bei einem sofortigen Kauf entgangen wären.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Wann hast Du das letzte Mal Vorfreude erlebt? Und hast Du schon einmal erlebt, dass weniger Vorfreude zu weniger Befriedigung führt?