5,5 min readPublished On: 2. Dezember 2021By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Dreht sich die Welt heute schneller als jemals zuvor?

Wir sind richtig schnell, oder?

Immer wieder lese ich, dass unsere Welt sich so schnell dreht, wie nie zuvor. Als Beispiel der Geschwindigkeit wird u.a. die E-Mail genannt, die eine Nachricht binnen Sekunden an einen Ort bringt, für deren Transport ein Brief vor einigen Jahren noch Tage gebraucht hat. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, doch ich habe lange Zeit geglaubt, dass wir wirklich die erste Generation sind, die durchs Leben rennen muss und keine Zeit hat, einen Moment innezuhalten, um es zu genießen.

Doch dann hörte ich vor kurzem ein Hörbuch von Mark Twain und stolperte über seine Aussage, die in etwas wie folgt lautete:

„Die Zeit dreht sich heute schneller.“

Diese Aussage machte mich stutzig. Der 1910 verstorbene Mark Twain gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, der mit seinen Büchern meine Kindheit geprägt hat. Mark kannte kein Internet, keine E-Mails und kein Smartphone. Wie kann es also sein, dass auch er das Gefühl hatte, dass die Zeit schneller verging als je zuvor. Ist es vielleicht sogar möglich, dass fast jede Generation in ihrer Zeit das Gefühl hatte, dass sich die Welt schneller drehte als jemals zuvor?

Zu meiner großen Freude bin ich heute möglicherweise über eine Antwort auf meine Frage gestolpert in dem Buch von

Petra Bock: Der entstörte Mensch. Wie wir uns und die Welt verändern,

Unsere Autorin schreibt:

„Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat das Tempo des technischen Fortschritts eine Welle von Veränderungen eingeleitet, die sich rasant entwickelt und mittlerweile verselbstständigt hat. Erdsystemwissenschaftler nennen dieses Phänomen Great Acceleration, große Beschleunigung.“ S. 48.

In meinen Ohren klingt dieser Satz so, als ob wir nicht die erste Generation sind, die das Phänomen einer schnelleren Welt erlebt. Um den Satz in Gänze zu verstehen, werden wir uns jetzt die mir unbekannten Begriffe Erdsystemwissenschaftler bzw. Erdwissenschaften und Great Acceleration etwas genauer anschauen.

Worum geht es in der Erdsystemwissenschaft?

Erdsystemwissenschaftler verstehen mich wirklich.

Dafür, dass mir der Begriff Erdsystemwissenschaften heute zum ersten Mal begegnet ist, gibt es überraschend viele Universitäten, die ein Studium in diesem Fachgebiet anbieten. Die Erdsystemwissenschaften beschäftigen sich laut der Webseite der Universität Zürich mit Fragen wie „Wie hängen Waldbrände mit schmelzenden Gletschern zusammen?“. Um diese und andere Fragen zu beantworten, greifen Erdsystemwissenschaftler auf Methoden aus der Geologie, Umweltwissenschaft, Biologie und anderen Wissenschaften zurück.

Dank ihrer interdisziplinären wissenschaftlichen Ausbildung sind Erdsystemwissenschaftler in der Lage, die Welt als ein Gesamtsystem zu betrachten und können daher Zusammenhänge zwischen geologischen und biologischen Entwicklungen sehen, die einem Biologen oder Geologen entgehen, wenn diese sich nur mit ihren Disziplinen beschäftigen.

Was genau ist die Great Acceleration bzw. die Große Beschleunigung?

Als ich den Satz unserer Autorin las, dachte ich, die Große Beschleunigung sei ein rein technisches Phänomen. Wenn ich die Texte der Bundeszentrale der Politischen Bildung zum Thema Anthropzän und Große Beschleunigung richtig verstanden habe, ist der technische Fortschritt nur ein Element der Große Beschleunigung.

Technologie lässt uns sogar das All erforschen.

Wie wir vorhin gesehen haben, beschäftigen sich die Erdsystemwissenschaftler mit Dingen, die die Welt verändern. Millionen von Jahren gehörte der Mensch nicht zu diesen beobachteten Dingen, denn er spielte bei Veränderungsprozessen keine Rolle. Die Veränderungen des Klimas, das Aussterben von Lebewesen waren nicht von Menschen verursacht. Mit der Erfindung der Dampfmaschine 1784 änderte sich das. Der Mensch begann durch den von ihm vorangetriebenen technischen Fortschritt die Welt zu beeinflussen. Während die Erde 1784 vom technischen Fortschritt des Menschen noch nicht viel merkte, beeinflusst der Mensch die Erde nicht erst seit 2021 massiv. In der Zeit seit der Erfindung der Dampfmaschine hat er gigantische Löcher in die Erde gegraben, Jahrtausende alte Ressourcen verbrannt, Wälder gepflanzt und gerodet, Straßen gebaut, Flüsse begradigt etc. Heute gibt es kaum eine Stelle auf dieser Erde, die der Mensch noch nicht berührt oder verändert hat.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Große Beschleunigung ca. 1950 einsetzt. Der größte Teil der Veränderungen, die der Mensch der Welt zugefügt hat, hat zwischen 1950 und 2021 stattgefunden, wobei die Anzahl der Veränderungen von Jahr zu Jahr weiter steigt. Wenn Erdsystemwissenschaftler Fragen zu den aktuellen Entwicklungen der Erde beantworten sollen, dürfen sie den Faktor Mensch also nicht unberücksichtigt lassen.

Fazit

Nachdem wir uns die Begriffe unserer Autorin nun angeschaut haben, wissen wir, dass sich die Welt tatsächlich immer schneller dreht. Laut den Erdwissenschaftlern war auch Mark Twains Welt sehr schnell, aber nicht so schnell wie heute, da die Große Beschleunigung noch nicht begonnen hatte.

Es gibt viel zu viele Beispiele.

Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, dass es viele Generationen gegeben haben wird, die die Welt als sehr schnell erlebt haben. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, der unsere Region zwischen 1618 und 1648 erschütterte, Millionen von Menschen das Leben kostete und dafür sorgte, dass sich das Leben vieler Menschen aufgrund von Kriegserlebnissen radikal änderte. Oder denken wir an die Ausweitung des römischen Reiches, dass in jedem Gebiet, das es eroberte. in kurzer Zeit große Veränderungen verursachte.

Also ja, die Welt dreht sich schnell, doch wir sind bei weitem nicht die erste Generation, die das Phänomen einer schneller drehenden Welt erlebt. Der Mensch ist so gepolt, dass er Dinge mit dem vergleicht, was er kennt. Unsere Generation vergleicht die aktuelle Geschwindigkeit mit der Geschwindigkeit, die unsere Elterngeneration erlebt hat. Mark Twain verglich die Geschwindigkeit seiner Welt mit der seiner Elterngeneration und so weiter und so fort. An dieser Stelle bin ich mir absolut sicher, dass kommende Generationen das Gefühl haben werden, dass wir eine echt ruhige Kugel geschoben haben, weil ihre Welt sich noch viel schneller dreht als unsere Welt heute.

Apropos, schnell drehende Welt: Meiner Erfahrung nach bietet der Alltag viele Stellschrauben, um die Welt etwas zu entschleunigen. Wenn Dein Unternehmen keine Richtlinie hat, dass E-Mails binnen 2 Stunden beantwortet werden müssen, hast Du die Möglichkeit, eine E-Mail auch mal erst am nächsten Tag zu beantworten und so einer Kommunikation die Geschwindigkeit zu nehmen. Dass das funktioniert habe ich für Dich getestet. Die E-Mails von meinem du-bist-grossartig-Postfach lese ich normalerweise nur alle paar Tage, und bis jetzt gab es meiner Erinnerung nach keinen einzigen Fall, an dem dies ein Problem war.