5.2 min readPublished On: 16. Juni 2021By Categories: Bücher, Wissen

Ist das Tourette-Syndrom ein Fluch oder ein Segen?

Das wollte ich nicht sagen

Stell Dir vor Du hast ein Date. Dein Date ist großartig, und Du wünschst Dir, dass aus diesem Abend mehr wird. Doch plötzlich zuckt Dein Körper unvermittelt, und aus Deinem Mund kommen völlig unvermittelt Worte, die Dein Date beleidigen und das in einer Lautstärke, die im ganzen Raum nicht zu überhören ist. Wie würdest Du Dich in diesem Moment fühlen? Wie würden die Menschen im Raum reagieren? Was würde Dein Gegenüber denken?

Für Menschen mit Tourette-Syndrom ist es Alltag, dass sie aufgrund unkontrollierbarer Bewegungen, sogenannter Tics, Teile ihres Körpers nicht mehr im Griff haben. Viele Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden, erleben diesen Kontrollverlust, der insbesondere in der Interaktion mit fremden Menschen schnell zu Missverständnissen führen kann.

Laut Tourette-Gesellschaft schätzen Experten, dass rund 1 % der Menschen ein Tourette-Syndrom entwickeln und so ist es kein Wunder, dass es inzwischen einige Menschen wie z. B. unseren heutigen Autor:

Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

gibt, die sich auf die Suche nach einer Behandlung des Syndroms gemacht haben. Unser Autor schreibt in seinem Buch über einige seiner Patienten. Eine dieser Patientengeschichten hat mich so nachdenklich gemacht, dass ich sie heute mit Dir Teilen möchte.

Hey Doc, habe ich Tourette?

Das Medikament wirkt erstaunlich gut.

Unser Autor lernte Ray kennen, als dieser 24 Jahre alt war. Zu diesem Zeitpunkt litt Ray unter heftigen Tics, die ihn alle paar Sekunden überkamen. Ray hatte den Verdacht, dass er am Tourette-Syndrom litt und suchte unseren Autor auf, der seinen Verdacht nach seiner Untersuchung bestätigte.

Als unser Autor vorschlug, ein Medikament auszuprobieren, das Ray von den Tics befreien würde, stimmte dieser einem Test zu. Obwohl unser Autor Ray nur eine geringe Dosis gab, war die Wirkung des Medikaments so stark, dass Ray in den folgenden zwei Stunden keinen einzigen Tic mehr erlebte.  Beide waren so positiv von der Wirkung überrascht, dass Ray die Praxis mit einer Verschreibung des Medikaments verließ, die ausreichte, um die Tics völlig unter Kontrolle zu bekommen.

Womit niemand von beiden rechnete

Nach einer Woche stand Ray wieder im Büro unseres Autors. Erstaunt nahm Oliver wahr, dass Ray ein blaues Auge und eine verletzte Nase hatte. Ray erklärte, dass das Medikament an diesen Verletzungen schuld sei, weil es ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Es hatte zudem

  • sein Reaktionsvermögen,
  • sein Zeitgefühl und
  • seine übernatürlich schnellen Reflexe

beeinträchtigt. Als Ray, wie schon oft zuvor, durch eine Drehtür flitzen wollte, reagierte sein Körper anders als gewohnt und so verpasste ihm die Drehtür einen Schlag ins Gesicht.

Nach dieser Kollision stand Ray nun in Olivers Büro und offenbarte ihm, dass er sich ein Leben ohne Tourette nicht vorstellen könne. Er habe das Gefühl, dass mit dem Syndrom auch alles verschwinden würde, was ihn bisher zu einer besonderen Person gemacht hatte.

Wie machte das Tourette-Syndrom aus Ray etwas Besonderes?

Tourette machte Ray zu einem einzigartigen Schlagzeuger.

Das Tourette-Syndrom sorgte bei Ray nicht nur für unkontrollierbare und nervige Tics, sondern brachte auch einige Dinge mit sich, die Ray in den letzten Jahren positiv zu nutzen gelernt hatte. Die beeindruckende Geschwindigkeit, Drehtüren zu passieren, war bei weitem nicht seine größte Tourette bedingte Superkraft.

Auch beim Tischtennisspiel war das Tourette-Syndrom für Ray hilfreich. Dank seiner enorm schnellen Reflexe konnte Ray überraschende Schläge so heftig ausführen, dass der Ball für den Gegner oft nicht zu retournieren war.

Die größte Gabe, die das Syndrom Ray verlieh, war das Schlagzeugspielen. Ray war es über die Jahre gelungen, seine Tics am Schlagzeug zu einem herausragenden Stilmittel zu entwickeln, was der Jazzband, in der er am Wochenende spielte, einen einzigartigen Stil verlieh.

Ray hatte in seinem Leben bereits teuer für das Syndrom bezahlt. So hatte er in der Vergangenheit einige Jobs verloren, und aktuell machte das Syndrom auch seiner Frau so schwer zu schaffen, dass die Ehe ernsthaft gefährdet war.

Was tun?

Es dauerte eine Weile, doch dann fanden Oliver und Ray eine Lösung. Ray nahm unter der Woche die Medikamente, die seine Tics verschwinden ließen und war so in der Lage, unter der Woche ein „normales“ Leben zu führen. Am Wochenende nahm er dagegen keine Medikamente, sondern genoss die Vorteile des Syndroms und lebte unter anderem sein Talent am Schlagzeug nach Herzenslust aus.

Fazit

Lesen kann ich nicht besonders gut, doch dafür kann ich Dinge, die Du nicht kannst.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich frage mich aufgrund dieser Geschichte, ob es wirklich gut ist, wenn wir danach streben, dass jeder Mensch „normal“ ist. Besonderheiten wie Legasthenie, ADHS und das Tourette-Syndrom sorgen dafür, dass manche Menschen die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen können. Dabei übersieht die Gesellschaft jedoch schnell, dass jede dieser Besonderheiten oft in anderen Bereichen des Lebens Fähigkeiten mit sich bringt, die weit über den Fähigkeiten eines „normalen“ Menschen liegen.

In meinen Augen liegt in fast jeder Besonderheit eine Chance. Und ich glaube, dass es sinnvoll ist, diese nicht einfach zu ignorieren. Vielleicht sind Medikamente nicht immer die perfekte Lösung. Vielleicht sollte man manchmal, wie in Rays Fall, einen Mittelweg wählen. Möglicherweis gibt es im ein oder anderen Fall sogar einen dritten Weg. So wusste Ray zum Beispiel, dass rhythmische Arbeit ihn von seinen Tics befreien konnte.  Vielleicht hätte Ray dank eines Jobwechsels vollständig auf Medikamente verzichten können.

Ich unterhalte mich sehr gern mit Menschen mit Autismus, weil ich dabei jedes Mal unglaublich viel lerne. Manchmal hilft mir erst das Gespräch mit einem autistisch begabten Freund zu erkennen, dass meine Wahrnehmung in einem bestimmten Bereich sehr einseitig ist. Und an dieser Stelle bin ich gespannt. Hast Du schon einmal erlebt, dass eine Besonderheit, die leicht als behandelbare Krankheit wahrgenommen wird, Chancen mit sich bringt?