Ist der Elevator Pitch noch zeitgemäß?
Stell Dir vor, Du bist auf dem Weg in ein Krankenhaus, weil Du gerade die Nachricht bekommen hast, dass ein Mensch, der Dir am Herzen liegt, hier eingeliefert wurde, weil etwas schlimmes passiert ist. Das ist alles, was Du weißt. Dein Herz rast. Die Ungewissheit macht Dich fertig. Am liebsten würdest du Dich ins Krankenhaus beamen, doch weil wir erst das Jahr 2026 schreiben, musst Du erst in den Aufzug steigen, der Dich zu dem Fahrzeug bringt, dass Du gerade via App bestellt hast, weil Du zu aufgewühlt bist, um selbst zu fahren.

Zwei Bedürfnisse treffen aufeinander
Du steigst in den leeren Aufzug und atmest erleichtert auf. Er ist leer. Du drückst die Taste für das Erdgeschoss und siehst dabei, dass der Aufzug auch in der nächsten Etage halten wird. Okay, das bedeutet, Du musst Dich jetzt zusammenreißen und ganz ruhig bleiben. Niemand soll sehen, dass Du gerade bis in die letzte Haarspitze angespannt bist. Du streifst Deine professionelle Maske über.
Der Aufzug macht Pling und die Tür öffnet sich. Eine Person steigt in den Aufzug. Sie sieht auf das Bedienfeld des Aufzuges. Sie drückt keine weitere Taste. Nun möchte sie wissen, mit wem sie ins Erdgeschoss fährt. Sie sieht Dich an. Ihre Augen beginnen zu strahlen. Ihre Hand wandert in eine Tasche und holt ein Visitenkartenetui raus. Ihr Mund öffnet sich und Du weißt, dass Du Dir die nächsten 60 Sekunden anhören darfst, warum es klug wäre, mit der Person ins Geschäft zu kommen.
Wie fühlst Du Dich? Wie reagierst Du? Was würde passieren, wenn Du harsch reagieren würdest?
Woher kommt das Bedürfnis sich aufzudrängen?
Das hier geschilderte Szenario kommt immer wieder zustande, weil Autoren wie
Kajetan Brandstätter: Netzwerke – Die Macht von Verbindungen. Geschäfte werden von Menschen gemacht
ihren Lesenden eine Aufzugfahrt als einmalige Gelegenheit präsentieren. Er schreibt:

„Stell dir vor, du betrittst in einem mehrstöckigen Haus den Aufzug und triffst darin genau den Menschen, bei dem du dich schon lange vorstellen möchtest. Die Zeit ist knapp. Du hast die Wahl, sie zu nutzen und dich zu präsentieren oder Smalltalk zu machen und diese einmalige Chance zu verpassen.“
S. 157.
Ich habe viele Jahre im Vertrieb gearbeitet. Damals war die Welt für mich voller potenzieller Chancen. Mein Fokus lag darauf, immer besser zu werden. Themenfelder wie der respektvolle Umgang mit introvertierten Menschen waren mir völlig fremd. Für mich galt: Wir sind alle erwachsen, wer mich nicht anhören will, kann es ja einfach sagen.
Du bist okay, ich bin okay
Mit diesem Mindset lief ich Durch die Welt und hatte das Gefühl, dass alles genial lief. Heute bin ich mir sicher, dass ich damals eine Menge verbrannte Erde hinterließ. Heute ziehen sich mir bei dem, was Kajetan schreibt, die Augenbrauen zurecht. Auf der einen Seite stimme ich ihm zu. Jeder sollte in der Lage sein, seine Leistungen in 60 Sekunden zu präsentieren. Auf diese Weise raubt man seinem Gegenüber nicht sinnlos viel Zeit.
Auf der anderen Seite ist ein Elevator Pitch in einem Elevator einfach maximal ich-bezogen und unhöflich. Unser Gegenüber hat kaum Chancen, uns zu entgehen, ohne dabei das eigene Gesicht zu verlieren. Er muss unseren Redeschwall ertragen, denn wir tun ja das, was angemessen ist.
Meine Zeit im Vertrieb hat nicht nur verbrannte Erde hinterlassen, sondern auch mich verbrannt. Irgendwann war ich an dem Punkt, dass ich nicht mehr konnte. Ich wechselte ins Projektmanagement und lernte ganz nebenbei die wahre Magie des Netzwerkens kennen.

Beim Netzwerken, wie ich es heute praktiziere, steht der Mensch und das Wissen im Vordergrund. Ich nehme mir Zeit, um Menschen kennenzulernen. Wir tauschen Wissen aus und lernen voneinander. So lerne ich unter anderem, dass ein Elevator Pitch, der in den USA zum guten Ton gehört und dank Autoren wie Katejan so langsam auch im deutschen Raum immer mehr Fuß fasst, in anderen Kulturkreisen völlig unangemessen ist.
Mein heutiges Netzwerken ist nicht frei vom Verkaufen. Doch heute verkaufe ich nicht, ich spreche Empfehlungen aus und gebe Tipps, und ich freue mich darüber, wenn mein Gegenüber genau so verfährt. Auf diese Weise entstehen langfristige Netzwerk-Beziehungen. Netzwerkbeziehungen, die auch mal Monate oder Jahre ruhen, weil es gerade keine Überschneidungen gibt. Doch weil diese Beziehungen auf einer vertrauensvollen Basis gebaut sind, reicht eine Nachricht, um einen Kontakt aus dem Winterschlaf zu erwecken.
Ich bin mir sicher, dass ich noch immer an der einen oder anderen Stelle unsensibel bin und in 10 Jahren denken werde, „Wie konntest Du das bitte nicht sehen, Maria?“. Doch ich weiß auch, dass ich heute besser netzwerke als damals. Das ich noch immer Fehler mache, ist okay. Würde ich bereits alles wissen, hätte ich ja keinen guten Grund zum Netzwerken. Das Lernen und Kennenlernen ist doch das Salz in jeder guten Netzwerksuppe.
Ja, der klassische Elevator-Pitch gehört in die Tonne
In meinen Augen ist der „Ich falle mit der Tür ins Haus Elevator-Pitch und lasse Dir keine Wahl“ nicht mehr zeitgemäß. In meinen Augen gehört er aber auch nicht ganz in die Tonne, er braucht nur ein Upgrade: Kürze Deinen Elevator-Pitch einfach um 5 Sekunden ein und schaffe somit Platz für die Frage „Darf ich Dir kurz meinen Elevator-Pitch präsentieren, oder möchtest Du lieber meine Visitenkarte haben.“ Wenn die Visitenkarte gewählt wird, kannst Du fragen, ob Dein Gegenüber seine Ruhe haben möchte, oder ob Du fragen darfst, warum die Person heute hier ist. So schenkst Du Deinem Gegenüber den Raum, den die Person braucht.
An dieser Stelle bin ich neugierig: Wie stehst Du zum Elevator Pitch?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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