4,3 min readPublished On: 28. Januar 2022By Tags: Categories: Bücher, Wissen

Ist es gut oder schlecht, wenn wir uns für überdurchschnittlich halten?

Meine Autofahrkünste sind großartig.

Fährst Du besser Auto als Deine Altersgenossen? Bist Du in Deinem Job besser als andere Menschen in Deinem Alter, die diesen Job haben? Bist Du klüger als andere Menschen in Deinem Alter? Wenn Du diese Fragen mit Ja beantwortet hast, gehörst Du zu der Mehrheit der Menschen, die von sich überzeugt sind, dass Ihre Fähigkeiten über dem Durchschnitt liegen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass es Umfragen gibt, in denen sich 90% der Befragten für bessere Autofahrer halten als der Durchschnitt. Solche Befragungsergebnisse sind so normal, dass sie eine eigene Bezeichnung haben: Dunning Krueger Effekt . Die meisten Menschen sind erst dann in der Lage zu erkennen, dass Ihre Fähigkeiten nicht überdurchschnittlich sind, wenn sie in diesem Bereich etwas Neues lernen. So sehe ich meine Texte von 2019 inzwischen mit ganz anderen Augen. 2019 fand ich sie großartig, heute habe ich – aufgrund meiner Lernkurve aus über 500 weiteren Blogbeiträgen – das Gefühl, dass bei einigen noch deutlich Luft nach oben ist.

Folgen wir den Erkenntnissen von

Walter Mischel: Der Marshmallow-Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt,

dann verdanken wir unsere Selbstüberschätzung unserem psychische Immunsystem.

Was ist das psychische Immunsystem?

Ich bin ein Überflieger.

Folgen wir unserem Autor, dann ist das psychische Immunsystem dafür verantwortlich, dass wir bei guten Ergebnissen daran glauben, dass wir sie erzielt haben und dass wir bei schlechten Ergebnissen nicht in Selbsthass verfallen.

Ein Mensch mit einem gesunden psychischen Immunsystem hält sich daher in vielen Dingen, die er tut, für überdurchschnittlich. Ein intaktes psychische Immunsystem sorgt dafür, dass wir uns im Großen und Ganzen klug und geschätzt fühlen.

Menschen, die sich realistisch einschätzen, haben ein geringeres Selbstwertgefühl. Bei Ihnen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken als bei Menschen, die sich selbst als überdurchschnittlich einschätzen.

Hohe Selbstaufwerter haben weniger Stress

Okay, diese Zwischenüberschrift ist stark verkürzt. Richtig müsste es heißen: Selbstaufwerter (also Menschen, die sich für überdurchschnittlich halten) weisen laut Shelly Taylors Experimenten ein geringeres biologisches Stressniveau auf. Sich in einigen Punkten für überdurchschnittlich zu halten, ist also laut der Professorin für Psychologie an der University of California in Los Angeles etwas Gutes.

Wichtig ist an dieser Stelle die Feststellung, dass sich Selbstaufwerter nicht generell für überdurchschnittlich halten. Sie mögen sich z.B. für fantastische Köche halten, räumen aber auch ein, dass ihre Fähigkeiten beim Backen eher gering sind.

Ich bin der beste der Welt

Niemand kann mir das Wasser reichen.

Schwierig wird die Sache mit der Selbsteinschätzung laut unseres Autors dann, wenn wir der Meinung sind, dass wir in allen Bereichen unseres Lebens besser sind als alle anderen. Diese Einschätzung basiert nicht auf einem gesunden psychischen Immunsystem, das uns schützen möchte, sondern sorgt meiner Einschätzung nach mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auf lange Sicht soziale Isolation erleben. Wenn wir allen Menschen in unserer Umgebung erzählen, dass wir besser sind als sie, werden sie das vielleicht eine Weile glauben, doch sobald wir wiederholt etwas tun, dass sie an unserem Bessersein zweifeln lässt, werden sie sich von uns abwenden.

Fazit

Mit meinem Wissen um das psychische Immunsystem, das ich unserem Autor verdanke, bin ich der festen Überzeugung, dass es gut für uns ist, wenn wir uns in einigen Bereichen unseres Lebens besser einschätzen als der Durchschnitt. Dafür brauchen wir uns nicht zu schämen und uns nicht in falsche Bescheidenheit zu hüllen. Dieses Gefühl des Überdurchschnittlichseins schützt uns vor Stress und Depressionen und lässt uns auch denn gut schlafen, wenn wir etwas verbockt haben.

Zudem bin ich inzwischen der festen Überzeugung, dass es gut ist, wenn wir Menschen sagen, dass sie etwas besser können als wir.

Früher hatte ich damit meine Schwierigkeiten. Ich hatte das Gefühl, dass wenn ich die Stärke des Anderen offen anerkenne, ich gleichzeitig offenbare, dass ich in diesem Bereich nicht so gut bin wie er. Doch in meinem Alltag hat sich diese Befürchtung noch nie bestätigt. Die Menschen freuen sich in der Regel über die Anerkennung, und nicht selten haben sie mir danach den ein oder anderen Tipp gegeben, wie ich mich in diesem Bereich verbessern könnte.

Wenn wir anderen Menschen sagen, dass wir sie für überdurchschnittlich gut halten, können wir einen Beitrag zu der Gesundheit ihres psychischen Immunsystems leisten. Das ist zum einen gut für sie und zum anderen gut für uns, weil es auch für uns besser ist, uns mit Menschen zu umgeben, die nicht permanent gestresst oder gar depressiv sind.

Hätte ich Kinder würde ich mir das heute Gelernte auf jeden Fall zu Herzen nehmen und alles daransetzten, dass sie von mir Impulse erhalten, die das Wachstum eines gesunden psychischen Immunsystems fördern.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Worin bist Du überdurchschnittlich gut?