Können Obdachlose gute Künstler sein?

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Bild, Kunstwerk

Auf der ganzen Welt kenne ich keinen Menschen, der so wenig von Kunst versteht wie ich. Wenn ich durch Galerien und Museen gehe, frage ich mich oft, warum manche Menschen gewillt sind für so etwas viele Millionen Euro zu zahlen. Die Sachen die da hängen sind aus meiner Sicht zum Teil viel zu groß oder viel zu klein und die Motive reichen von traurig bis langweilig. Doch offensichtlich bin ich mit meiner Einschätzung ziemlich allein, denn in diesen Museen begegne ich meist Menschen, die von den Bildern die dort hängen unglaublich beeindruckt sind.

Aufgrund meines mangelnden Kunstverständnisses habe ich mich schon oft gefragt was ein Künstler eigentlich ist und ab wann Kunst Kunst ist. Kann jeder ein Künstler sein, oder gibt es hier Einschränkungen? Und dann bin ich dank

Ernie Schenck: The Houdini Solution. Why Thinking Inside the Box Is the Key to Creativity

über eine wundervolle Geschichte gestolpert, die mir meine Frage ein Stück weit beantwortet hat und ich freue mich sehr darauf sie heute mit Dir zu teilen.

Es gab ein Leben vor dem Internet

Schreibtisch
Schreibtisch

Heute reisen wir in das Jahr 1991. Vor kurzem ist die Berliner Mauer gefallen und die Welt ist damit beschäftigt sich in der neuen Weltordnung zurecht zu finden. Technologisch steht der Welt ein spannendes Jahrzehnt bevor. Schon jetzt gibt es in einigen wenigen Haushalten Computer. Der erste Mac Pc ist seit 7 Jahren auf dem Markt. Auch gab es schon Digitalkameras, aber diese waren noch weit davon entfernt den Markt erobert zu haben. Selbst die heute allgegenwärtigen Smartphones gab es damals noch nicht.

Kamera

Was also heute für uns das Normalste auf der Welt ist: Ein Smartphone aus der Tasche zu ziehen und ein Foto zu machen, ist damals noch reine Zukunftsmusik. Wer ein Foto machen will, braucht eine Kamera und einen Film. Wer sein Foto sehen möchte, musste seinen belichteten Film in einem Labor entwickeln lassen. Dieser Prozess ist nicht nur langsam, sondern auch kostenintensiv.

Urlaub

1991 ist gibt es noch eine sehr klare Linie zwischen Menschen, die ihre Familienfotos machen und künstlerischen Fotografen. Die einen haben eine kleine Kamera und halten ihre Urlaube in ca. 100 Fotos fest, die anderen haben teures Equipment, oft eine eigene Dunkelkammer und manchmal sogar ein eigenes Studio.

Jeder Mensch kann ein Künstler sein

Doch 1991 gibt es einen Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat diese Grenze zu überwinden. Er glaubt, dass jeder ein Fotograf sein kann. Eine teure Ausbildung und exklusives Equipment mögen hilfreich sein, sind aber aus seiner Sicht nicht zwingend erforderlich. Dieser Mann heißt Tom Ferentz und seine Mission lautet die Kunst des Fotografierens mit Obdachlosen, Menschen mit geringem Einkommen und jungen Menschen zu teilen. Um diese Mission wahr werden zu lassen gründet er 1991 den Sixth Street Photographer Workshop in San Fransisco. Dieser Workshop existierte über 20 Jahre und hat mehr als 300 Teilnehmer von denen manche bereits länger als 10 Jahre dabei sind.

Erstklassige Bilder

Im Rahmen des Workshops stellt Tom den Menschen das Material zum Fotografieren und eine Dunkelkammer zur Verfügung. Die Ergebnisse sind überragend. Es entstehen Fotos, die mit denen echter Fotografen, die über teures Equipment verfügen mithalten können. Doch diese Fotos dokumentieren eine andere Welt. Sie zeigen den Alltag von Menschen, die oft am Rande der Gesellschaft stehen. Sie zeigen Menschen, die sonst nur selten im Mittelpunkt einer Fotografie stehen. Die Fotos die im Rahmen des Workshops entstehen sind so beeindruckend, dass sie sogar ausgestellt werden. Allein zwischen 2003 und 2011 wurden über 10 Ausstellungen auf die Beine gestellt, von denen Du unter http://sixthstreetphoto.net/exhibitions.htm ein paar Bilder sehen kannst.

Tom zeigt, dass es nicht viel braucht um ein Künstler zu sein. Ein wenig Talent, ein wenig Equipment, Menschen, die an Dich glauben und Menschen, die Deine Kunst sehen wollen reichen aus. Mit diesen vier Dingen werden sogar aus obdachlosen Menschen Künstler. Und plötzlich sehe ich den Spruch „Brotlose Kunst“ in einem ganz anderen Licht.

Diese Geschichte beweist, dass jeder Mensch verborgenes Potenzial hat. Manche von uns sind in der Lage ihr Potenzial selbst ans Tageslicht zu befördern, andere wiederrum brauchen dabei ein wenig Unterstützung von außen.