4,9 min readPublished On: 19. Mai 2022By Tags: , Categories: Bücher

Nutzt Du schon die Zirkel-Strategie für Deine Bewerbungen?

Ich bin super.

Stell Dir vor, Du sitzt in einem Bewerbungsgespräch und lobst Dich selbst und Deine Leistungen über den Klee. Wie fühlt sich diese Vorstellung für Dich an? Stell Dir nun vor, Du sitzt in einem Vorstellungsgespräch und übst Dich in Bezug auf Deine Leistungen in Bescheidenheit. Wie fühlt sich diese Vorstellung an?

Wahrscheinlich fühlst Du Dich mit einer dieser beiden Vorstellungen wohler als mit der anderen. Doch die Sache ist die, beide Vorgehensweisen haben Nachteile. Wenn Du Dich über den Klee lobst, kann es passieren, dass Dein Gegenüber Dich als Schwätzer und Angeber abstempelt, weil er das, was Du sagst, nicht für voll nimmt. Bist Du dagegen bescheiden, kann es sein, dass Dein Gegenüber das Gefühl bekommt, dass Du nicht die Fähigkeiten mitbringst, die der Job erfordert.

Zu meiner großen Freude bin ich in dem Buch von

Martin Wehrle: Der Klügere denkt nach. Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein – Mit Anti-Schwätzer-Training

über eine dritte Möglichkeit gestolpert, mit der Du Deine Fähigkeiten im Bewerbungsgespräch darstellen kannst.

Was ist die Zirkel-Strategie

Ich finde Dich super.

Die Zirkel-Strategie nutzt zirkuläres Denken für sich. Statt nur die eigene Perspektive zu nutzen, nutzt sie die 360-Grad-Perspektive von einer Person, die entsteht, wenn diese von anderen Menschen betrachtet wird. Das klingt komplizierter als es ist.

Mit Hilfe der Zirkel-Strategie lässt Du andere Menschen in Deinem Bewerbungsgespräch Deine Stärken darstellen. Nein, keine Sorge, das bedeutet nicht, dass Du in Zukunft mitten im Bewerbungsgespräch Dein Telefon zückst und jemanden anrufst, der Deinem Gegenüber von Dir vorschwärmt. Die Zirkel-Strategie arbeitet mit den Zitaten von Menschen, die Dich schätzen.

Mit der Zirkel-Strategie beantwortest Du die Frage nach Deinen Stärken in etwa wie folgt: „Bernd, ein ehemaliger Kollege, sagte oft zu mir, dass er gern mit mir zusammenarbeitet, weil wir unser Wissen miteinander teilen und so Zeit sparen und viel mehr erreichen, als wenn jeder für sich allein lernen würde.“

Indem Du andere für Dich sprechen lässt, läufst Du nicht mehr Gefahr, Dich entweder als Angeber oder als graues Mäuschen zu outen. Zudem hat die Methode einen weiteren Vorteil: Wenn Du nicht nur die Namen der Kompliment-Geber sondern auch ihre Rolle erwähnst, bekommt Dein Gegenüber ein besseres Gefühl dafür, wie Du Dich im neuen Unternehmen einfügen wirst und ob Deine Fähigkeiten die aktuell bestehenden Lücken füllen werden.

Unser Autor schreibt, dass Bewerber, die diese Strategie anwenden, im Gespräch viel selbstbewusster wirken. Meiner Vermutung nach liegt das daran, dass sich der Bewerber beim Zitieren eines Kollegen an die Situation erinnert, in der das Zitat gefallen ist und an die Freude, die das Kompliment damals bereitet hat. Und diese positive Atmosphäre fließt nun in das aktuelle Bewerbungsgespräch ein.

So nutzt Du die Zirkel-Strategie für Dich

Ralph mag mich und Susann auch.

Im ersten Schritt schreibst Du die Namen aller Menschen auf, die Dich schätzen. Das können Freunde, Mitschüler, Lehrer, Chefs, Kunden und Kollegen sein. Im zweiten Schritt erstellst Du eine Tabelle mit den folgenden zwei Spaltenüberschriften:

  1. Kontakt, Rolle
  2. Kompliment/Stärken

Nun trägst Du in der ersten Spalte die Namen ein und in die zweite Spalte schreibst Du die Formulierungen „Sagte zu mir“ und „Sieht (vermutlich) als meine Stärke.“. Unter die jeweiligen Punkte schreibst Du das Kompliment bzw. die Stärke in Anführungsstrichen.

Kontakt Kompliment/Stärke
Bernd, Kollege Sagte zu mir

 

„Ich arbeite gern mit mir zusammenarbeitet, weil wir unser Wissen miteinander teilen und so Zeit sparen und viel mehr erreichen, als wenn jeder für sich allein lernen würde.“

 

Sieht (vermutlich) als meine Starke

 

Um vor einem Bewerbungsgespräch eine gute Zirkel-Liste zu erhalten, empfiehlt unser Autor (S. 200) seinen Lesern, ihnen nahestehende Menschen mit folgenden Fragen zu löchern:

 

„Wo siehst du meine Stärken?

  • In welchen Situationen habe ich dir imponiert?
  • Was fällt mir aus deiner Sicht leichter als anderen?
  • Mit welchen Problemen werde ich am leichtesten fertig?
  • Wenn du eine Firma hättest: für welche Aufgabe würdest du mich am liebsten einstellen? Und warum?“

 

Fazit

Das funktioniert wahrscheinlich richtig gut.

Da ich in meinem Berufsleben bereits sowohl die Bewerber-Rolle als auch die Rolle des Einladenden innehatte, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Zirkel-Strategie in einem Bewerbungsgespräch funktioniert. Sie umschifft in meinen Augen elegant die Nebenwirkungen einer übertriebenen oder untertriebenen Selbstdarstellung. Weil ich mir nichts merken kann und in Bewerbungsgesprächen wahrscheinlich ewig darüber nachdenken müsste, wer was gesagt hat, habe ich meinem Lebenslauf gerade um die Rubrik „Was meine Kontakte über mich sagen“ ergänzt.

Meiner Erfahrung nach fällt es Menschen, die sich gerade bewerben müssen, manchmal schwer, sich an gute Dinge zu erinnern. Daher habe ich eine Bitte an Dich: Kennst Du einen Menschen, der sich gerade bewirbt, oder mit seinem Job so unzufrieden ist, dass Du denkst, dass er sich bald bewerben wird? Dann schreibe diesem Kontakt bitte eine Nachricht, mit dem Wortlaut „Ich habe gerade einen Beitrag zur Zirkel-Strategie gelesen. Beim Lesen habe ich an Dich gedacht, weil Du einer der wenigen Menschen in meinem Umfeld bist, der [hier Dein Kompliment und die Stärke des Nachrichtenempfängers einfügen].“

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Die Bewerberin, die unser Autor als Beispiel in seinem Buch nennt, konnte eine Liste mit 25 Namen notieren. Wie viele Menschen fallen Dir spontan ein, die Dich schätzen. Welche Komplimente bzw. Stärken haben sie Dir gegenüber schon einmal erwähnt.