5,2 min readPublished On: 20. Mai 2022By Tags: , Categories: Bücher

Woher wissen Gehirnforscher, welche Gehirnhälfte was macht?

Zusammen sind meine Hälften stark.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich bin jedes Mal fasziniert, wenn ich irgendwo lese, dass unsere rechte Gehirnhälfte für bestimmte Aufgaben zuständig ist und die linke Gehirnhälfte für andere. Bis jetzt dachte ich, dass wir dieses Wissen erst seit der Erfindung der Geräte haben, mit denen wir die Aktivitäten im Gehirn eines Menschen beobachten können. Doch laut

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

waren Wissenschaftler dank der Krankheit Epilepsie schon vor der Erfindung dieser Geräte in der Lage, eindeutig herauszufinden, welche Aufgaben von welcher Gehirnhälfte erledigt werden.

Was hat die Erkrankung Epilepsie mit Hirnforschung zu tun?

Epilepsie ist eine Erkrankung, die den Betroffenen richtig hart zusetzt. Sie erleiden Anfälle, die in einer Gehirnhälfte beginnen und sich auf die andere Gehirnhälfte ausweiten. Sobald beide Gehirnhälften einen Anfall haben, verliert der Betroffene die Kontrolle über seinen Körper. Steht der Patient gerade auf einer Leiter, wird er herunterstürzen und sich verletzen.

Das ist schon sehr krass.

Mitte des 20. Jahrhunderts nutzten Ärzte eine sehr krasse Behandlungsmethode, um Patienten mit schwerer Epilepsie zu behandeln. Die Ärzte trennten den Nervenstrang, der die beiden Gehirnhälften verbindet. Dank der Trennung konnte sich ein Anfall nicht mehr auf beide Gehirnhälften ausweiten.

Diese Patienten wurden als Split-Brain-Patienten bekannt. Professor Roger Wolcott Sperry und sein Schüler Michael S. Gazzaniga entdeckten die Split-Brain-Patienten für Ihre Gehirn-Studien, mit denen belegt werden konnte, dass beide Gehirnhälften für kognitive (erkennende) Aufgaben zuständig sind. Zuvor hatte Sperry Experimente mit Tiergehirnen durchgeführt, um mehr über die beiden Hirnhälften zu erfahren.

Welche Gehirnhälfte ist für was verantwortlich?

Die linke Gehirnhälfte ist für das Sprechen und das logische Denken zuständig. Zudem steuert sie die rechte Hand und sieht mit dem rechten Auge. Die rechte Gehirnhälfte verarbeitet räumliche Informationen, steuert die linke Hand und erkennt mit dem linken Auge.

Lass uns nun einmal schauen, welche Experimente zu diesen Erkenntnissen führten.

Ich will Bauzeichner werden und Rennfahrer

Wenn ich gro0 bin, werde ich Rennfahrer.

Ich weiß nicht, wie es Dir als Jugendlicher ging, wenn Erwachsene Dich fragten, was Du werden wolltest. Mir fiel die Antwort nach meiner frühkindlichen Friseur-Phase immer sehr schwer. Folgendes Experiment gibt mir das Gefühl, dass meine Gehirnhälften sich damals in Sachen Berufswusch einfach zu uneinig waren.

Im Rahmen eines Split-Brain-Experimentes wurde ein Jugendlicher gefragt, was er gern werden wollte. Er antwortete Bauzeichner. Im nächsten Schritt wurde die gleiche Frage auf einem Zettel geschrieben und an sein rechtes Auge gerichtet. Dieses Mal wurde er gebeten, die Frage mit Hilfe von Scrabble-Steinen zu beantworten, die von seiner rechten Hand gelegt wurden. Jetzt lautete die Antwort: Autorennfahrer.

Die linke Gehirnhälfte wollte also Bauzeichner und die rechte Gehirnhälfte Rennfahrer werden. Leider verrät uns unser Autor nicht, welcher Beruf am Ende gewählt wurde.

Eine Hand weiß nicht, was die andere tut

Bei dem Split-Brain-Patient WJ war kein Experiment notwendig, um zu erkennen, dass jede Gehirnhälfte für die Steuerung einer Hand zuständig war. Seine Gehirnhälften waren sich nicht immer einig, ob sie eine Tür öffnen oder schließen wollten. Und so stand WJ des Öfteren an einer Tür, die er mit einer Hand schließen und mit der anderen Hand öffnen wollte.

Ich habe nichts gesehen, kann es aber zeichnen

Dieses englische YouTube Video zeigt ein Experiment von Michael S. Gazzaniga. Der Split-Brain-Patient Joe kann alle Worte, die er mit dem rechten Auge sieht, sprachlich benennen. Doch wenn er ein Wort mit dem linken Auge sieht, kann er es nicht benennen, sondern nur mit der linken Hand zeichnen.

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Meine Handlungen sind sinnvoll

Keine Ahnung, warum ich das gemalt habe.

In einem ähnlichen Experiment bekommt der Split-Brain-Patient PS zwei Bilder gezeigt. Mit dem rechten Auge sieht er einen Hühnerfuß, mit dem linken Auge eine verschneite Landschaft. Der Patient soll nun mit beiden Händen gleichzeitig zeigen, was er gesehen hat. Dass seine Hände nun auf beide Bilder zeigen, ist für Menschen mit einer intakten Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften logisch. Doch als PS gebeten wird, sprachlich zu begründen, warum er auf beide Bilder zeigt, erfindet er eine für ihn plausible Geschichte. Sich sprachlich auszudrücken ist eine Aufgabe der linken Gehirnhälfte, diese hat nur den Hühnerfuß gesehen und kann sich nicht erklären, warum die andere Hand nicht auf den Hühnerfuß zeigt. Also legt sie sich eine plausible Geschichte zurecht.

Dieses Experiment wurde von den Forschern so interpretiert, dass in der linken Gehirnhälfte auch unser innerer Interpret sitzt, der ständig damit beschäftigt ist, unserem Leben einen Sinn zu geben.

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich bin sehr fasziniert von der Tatsache, dass die Behandlung einer Krankheit so wertvolle Erkenntnisse für die Forschung lieferte. Eine winzige Brücke zwischen unseren Gehirnhälften transportiert jeden Tag zigmal Informationen von rechts nach links und von links nach rechts, so dass wir im Alltag nicht merken, dass unsere Hirnhälften unterschiedliche Aufgaben haben. Das ist eine enorme Leistung, oder?

Fast alle Studien, die ich hier erwähnt habe, stammen aus unserem heutigen Buch. Leider ist eine Onlinequellenangabe unseres Autors inzwischen nicht mehr verfügbar. Daher habe ich schnell im Internet nach offline Quellenangaben gesucht, so dass Du bei Bedarf die Aussagen des heutigen Beitrages prüfen kannst. Solltest Du hierbei Fehler finden, freue ich mich sehr über einen Hinweis von Dir. Auf wikibrief.org findest Du zahlreiche Quellenangaben zu den Studien von Michael S. Gazzaniga. Die Studie von Roger findest Du in folgendem Artikel: „Sperry, R. W. (1961): Cerebral Organization and Behavior. In: Science 133 (3466), S. 1749-1757.“