5,5 min readPublished On: 14. März 2022By Categories: Bücher, Wissen

Sind 99 Prozent totales Versagen?

Das waren keine 100 %.

Wenn Du

  • davon überzeugt bist, dass 99 Prozent erreicht zu haben, das totale Versagen ist,
  • Dir nicht vorstellen kannst, dass es Menschen gibt, die so empfinden,

dann ist dieser Beitrag für Dich genau das Richtige. Wenn Du glaubst, dass „lediglich“ 99 Prozent erreicht zu haben, totales Versagen bedeutet, bist Du wahrscheinlich ein Perfektionist. Wenn Du Dich darüber freust, wenn es Dir gelungen ist, 99 von 100 Prozent bei der Bewältigung einer Aufgabe zu erreichen, bist Du es nicht.

Als ich in dem Buch von

Jutta Meyer-Kles, Irene Becker: Lieber schlampig glücklich als ordentlich gestresst

über eine Liste der häufigsten Glaubenssätze von Perfektionisten stolperte, fiel mir die Kinnlade runter, als ich den folgenden Satz las:

„99 Prozent sind auch totales Versagen“

S. 15.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich wie ein Kullerkeks freuen, wenn sie etwas erschaffen, dass 99 Prozent von dem erfüllt, was das Maximum wäre. Daher macht es mich traurig zu erfahren, dass es Menschen gibt, die mit einem solchen Ergebnis unglücklich sind. Doch dann fingen meine grauen Zellen an zu arbeiten und ich begann zu verstehen, dass dieser Glaubenssatz zwei Seiten hat. Denn es gibt Situationen im Leben, bei denen 99 Prozent totales Versagen bedeuten, und es gibt Dinge im Leben, bei denen 99 Prozent mehr als genug sind.

Wann sind 99 Prozent totales Versagen?

Bei Bremsen sind 99 % zu wenig.

Sind 99 Prozent totales Versagen?Da mir Perfektionismus nicht in die Wiege gelegt wurde, hat es eine Weile gedauert, bis mir ein Beispiel in den Sinn gekommen ist, bei dem auch mir mehr als 99 Prozent Zielerreichung wichtig sind. Bremsen gehören zu den Dingen, die in deutlich mehr als 99 Prozent der Fälle funktionieren sollten. Wenn ich Fahrrad fahre, bremse ich ständig. Würde meine Fahrradbremse nur in 99 von 100 Fällen funktionieren, würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben. Dieses Beispiel zeigt mir, dass alle Dinge, bei denen es um das (Über-) Leben geht, in die Kategorie „99 Prozent = totales Versagen“ fallen.

Wann sind 99 Prozent mehr als genug?

Doch es gibt auch Dinge, bei denen 99 Prozent mehr als genug sind. Dieser Blog ist zum Beispiel alles andere als perfekt. In vielen Beiträgen gibt es Tippfehler. Manche Beiträge sind nicht so geworden, wie ich wollte. Doch obwohl jeder einzelne Beitrag noch Luft nach oben hat und z. B. von einer professionellen Zeitungsredaktion auf ein viel höheres Level gehievt werden könnte, macht mich jeder dieser Beiträge glücklich und zufrieden. In jedem einzelnen Beitrag steckt ein Lernerfolg, und jeder einzelne Text sorgt dafür, dass ich besser und schneller schreibe. Als ich mit dem Schreiben begann, erstellte ich einen Text pro Woche und brauchte für diesen bis zu 8 Stunden. Heute erstelle ich jeden Werktag einen Text und brauche dafür in der Regel keine 2 Stunden.

Grenzfälle: Webseiten und Onlineshops

Hey, da ist ein Tippfehler.

Auch im Bereich Webseiten sind 99 Prozent meiner Erfahrung nach in der Regel gut genug. Denn hier kommt ein Kosten-Nutzen-Faktor ins Spiel. Die meisten Webseiten auf dieser Welt sind – so wie meine – nicht Umsatz kritisch. Es ist wichtig, dass es sie gibt. Die Schäden eines Tippfehlers oder einer nicht funktionieren Webseite in einem bestimmten Browser sind in der Regel überschaubar. Entweder nutzt der Webseitenbesucher einen anderen Browser, oder er ruft an, um sein Anliegen zu klären.

Der Aufwand, eine Webseite zu erstellen, die in 80 Prozent der Fälle funktioniert, ist überschaubar, und damit sind es die Kosten für eine solche Webseite auch. Die Entwicklung einer Webseite, die zu 100 Prozent funktioniert, ist unglaublich aufwendig und damit auch teuer. Diese Investition lohnt sich bei einer Seite wie Amazon, über die allein im 4ten Quartal 2021 137,41 Milliarden Dollar Umsatz liefen, allemal.

Das Potenzial der Perfektion

Wenn ich mich nicht irre, wird den Deutschen nachgesagt, dass sie ein Volk der Perfektionisten sind. Made in Germany ist bis heute ein Qualitätsmerkmal. Auch die Schweizer lieben Perfektion und Präzision so sehr, dass sie der Welt die ISO Normen (Internationale Organisation für Normung) schenkten, die dank präzise festgelegter Werte dafür sorgen, dass Dinge, die an unterschiedlichen Orten der Welt produziert werden, perfekt miteinander funktionieren.

Wären die Deutschen nicht so gut in den Dingen gewesen, die sie machten, wären deutsche Maschinen im letzten Jahrhundert nicht so erfolgreich gewesen. Wären die Schweizer und die Deutschen mit Ihrer DIN Norm (Deutschen Instituts für Normung) nicht auf die Idee gekommen, Normen ins Leben zu rufen, wäre der technische Fortschritt im letzten Jahrhundert deutlich langsamer vorangekommen.

Das Potenzial des Imperfekten

Schach

Für diese Bild habe ich 2019 bestimmt eine Stunde gebraucht. Es war das erste Bild für diesen Blog.

Meine Sketchnotes sind weit entfernt von 99 Prozent Perfektion. Doch gerade das macht sie wahrscheinlich „perfekt“. In jedem meiner Sketchnote-Workshops erlebe ich, dass Teilnehmer, die am Anfang von sich sagen, nicht Zeichen zu können, am Ende besser zeichnen, als ich es nach 3 Jahren Übung kann. Am Anfang dachte ich, dass mich das als „Lehrerin“ disqualifiziert. Inzwischen verstehe ich, dass meine fehlende Perfektion beim Sketchnoten meinen Teilnehmern ein unbezahlbares Erfolgserlebnis schenkt, das sie dazu motiviert, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen.

Fazit

In den fast drei Jahren, in denen es diesen Blog gibt, ist das Wort Perfektionismus noch nicht ein einziges Mal gefallen. Der Begriff Perfektionist taucht in lediglich 2 Beiträgen auf. Das liegt möglicherweise daran, dass mir dieser Begriff unglaublich fremd ist. Versteht mich nicht falsch. Ich glaube an Perfektion und daran, dass es perfekte Dinge gibt. (Das Wort Perfektion taucht in sieben Blogbeiträgen auf. Der Begriff perfekt in 150 Beiträgen.) Doch ich glaube nicht daran, das Dinge im ersten Anlauf perfekt sein müssen, damit aus ihnen etwas Großartiges entstehen kann. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass in nicht perfekten Dingen (wie meinen Sketchnotes) unendlich viel Potenzial liegt.

In den letzten Jahren habe ich mich sehr oft über Perfektionisten geärgert. In meinen Augen waren sie Bremsen, die (Web)Projekte scheitern ließen. Heute habe ich endlich eine neue Perspektive auf die Sache mit der Perfektion gewonnen. Ich verstehe jetzt besser, warum Menschen nach Perfektion streben und hoffe, dass ich dank dieses Beitrags in Zukunft gute Argumente habe, mit denen ich zeigen kann, wo Perfektion hilfreich und wo sie hinderlich ist.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Wie sind Deine Erfahrungen in Sachen Perfektion? Wann war sie hilfreich, wann hinderlich?