5,3 min readPublished On: 3. November 2021By Tags: , , Categories: Bücher, Wissen

Sind Kinder eine gute Strategie gegen Fachkräftemangel?

Ich hab nie für jemand anderen gearbeitet.

Wie viele Menschen kennst Du, die ihr ganzes Leben lang für ein Unternehmen gearbeitet haben? Ich bin mir nicht sicher, ob ich auch nur einen Arbeiter oder Angestellten persönlich kenne, der noch nie seinen Arbeitgeber gewechselt hat.

Jeder Jobwechsel bringt ein Risiko mit sich. Man muss eine Probezeit absolvieren, man kommt in eine neue Umgebung, hat neue Kolleginnen und Kollegen und weiss nicht, ob man sich mit ihnen gut versteht und ob die Arbeitsatmosphäre den eigenen Ansprüchen gerecht wird. Daher wird die Entscheidung, einen Arbeitgeber zu wechseln, meiner Erfahrung nach nicht leichtfertig getroffen. Manchmal ist der Wechsel des Arbeitsplatzes nicht freiwillig, sondern ist die Folge einer Kündigung. Doch egal, was der Grund für einen neuen Job ist, der Weg diesen zu finden ist nicht selten anstrengend und kräftezehrend.

In dem Buch von

Gerd Kulhavy: Unternehmer-Strahlkraft. Vom Hidden Champion zum Leuchtturm der Branche

habe ich von einem deutschen Unternehmen gelesen, das nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch deren Kinder ein Leben lang beschäftigen möchte. Dieser Ansatz hat mich überrascht, weil ich der festen Überzeugung war, dass so etwas heute nicht mehr möglich ist. Und aus diesem Grund schauen wir uns dieses Unternehmen heute etwas genauer an.

Arbeiten in Burladingen

Wie ich mir Orte mit 1.000 Einwohnern vorstelle.

Falls Du noch nie etwas von Burladingen gehört hast, könnte das daran liegen, dass der Ort im beschaulichen Baden-Württemberg liegt und 2020 gerade einmal 12.161 Einwohner zählte. Gerade in Anbetracht der wenigen Einwohner finde ich es überraschend, dass sich hier ein Unternehmen befindet, das 1.200 Mitarbeiter beschäftigt.

Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, die es sehr angenehm finden würden, sich nie wieder über einen Jobwechsel Gedanken machen zu müssen. Doch wie viele von diesen Menschen wären bereit, für einen solchen Job ihre Heimat aufzugeben und nach Burladingen zu ziehen? Um einem Mitarbeitermangel vorzubeugen, fährt das 1919 gegründete Unternehmen Trigema (Trikotwarenfabrik Gebrüder Mayer) eine ungewöhnliche Strategie. Es hat sich zum Ziel gesetzt, keinem Mitarbeiter zu kündigen und verspricht zusätzlich, den Kindern der Mitarbeiter einen Arbeitsplatz anzubieten, sobald diese erwachsen sind.

Ist das profitabel?

Die Löhne in Deutschland sind hoch.

Es gibt nur noch sehr wenige Unternehmen, die Textilien in Deutschland produzieren. Ein Grund hierfür ist der im internationalen Vergleich hohe Arbeitslohn in der deutschen Textilbranche. Während der durchschnittliche Arbeitslohn in Deutschland 2019 monatlich bei 3.428 € lag, betrug er in Bangladesch lediglich 147 €.

Aufgrund der hohen Löhne ist es wohl kein Wunder, dass ein Poloshirt für Herren im Onlineshop von Trigema aktuell zwischen 44 € und 88,50 € kostet. Im Onlineshop von H&M kosten Poloshirts für Herren lediglich 9,99 € bis 34,99 €. Kann ein in Deutschland produzierendes Unternehmen mit solch hohen Endkundenpreisen mit einem weltweiten Konzern wie H&M mithalten?

Ein Blick auf die Umsätze und Mitarbeiterzahlen gibt Antwort:

  • Trigema
  • H&M

Obwohl Trigema viel kleiner ist als H&M kann sich das Unternehmen im Vergleich zu H&M durchaus sehen lassen, wenn wir den jährlichen Umsatz auf den Mitarbeiter herunterbrechen. Selbst wenn alle Mitarbeiter bei Trigema das durchschnittliche Gehalt von ca. 41.000 € im Jahr verdienen würden, bliebe vom Umsatz in meinen Augen noch immer genug übrig, um die Einkäufe, Mieten, Maschinen und Co. zu finanzieren, um also nicht nur überleben sondern sich auch in der Konkurrenz behaupten zu können.

Ist ein lebenslanger Job wünschenswert?

Kann ein Job ein Leben lang glücklich machen?

Nachdem wir nun wissen, dass ein lebenslanger Job möglich ist, stellt sich natürlich die Frage, ob dieser auch wünschenswert ist. Leider reichen meine Kontakte in den Sozialen Netzwerken nicht weit genug, um mir die sozialen Profile von Mitarbeitern von Trigema anschauen zu können. Daher kann ich mich hier nur auf die Aussagen von insgesamt 19 von 1.200 Mitarbeitern beiziehen, die wie folgt aussehen:

8 von 1.200 Mitarbeitern bewerten Trigema mit durchschnittlich 2,7 von 5 Punkten. 11 Mitarbeiter von 1.200 geben 3,1 von 5 Punkten. Obwohl das Unternehmen sagt, dass noch nie jemand entlassen worden ist, findet sich unter diesen Bewertungen ein Ex-Manager.  Die meisten der schlechteren Bewertungen hat das Unternehmen seit 2020 eingesammelt.

Aufgrund der wenigen Bewertungen und des Zeitpunktes der Bewertungen, bieten diese Daten in meinen Augen keine solide Grundlage, um die Arbeitsbedingungen im Unternehmen zu bewerten. Diese Bewertung zeigen allerdings, dass ein lebenslanger Job kein Garant für Glück und Arbeitszufriedenheit ist.

Für mich ist die Suche nach einem neuen Job jedes Mal ein unglaublicher Kraftaufwand. Das Warten auf Antworten, die Absagen auf Bewerbungen, der Blick in eine unsichere Zukunft sind nervenaufreibend. Doch die Sache ist die: Ich arbeite aktuell in meinem sechsten Job und bin hier unglaublich glücklich. Dieses Glück liegt auch daran, dass ich die Möglichkeit habe zu vergleichen. Auch in meinem aktuellen Job ist nicht alles perfekt, doch im Vergleich zu all meinen anderen Jobs ist die Arbeit einfach genial.

Menschen, die ein Leben lang in einem Job arbeiten, haben nicht die Möglichkeit, diesen mit anderen Jobs zu vergleichen. Das bedeutet, dass ihnen selbst die besten Arbeitsbedingungen schlecht vorkommen können, weil ihnen nicht bewusst ist, dass andere Jobs noch schlechtere Arbeitsbedingungen bieten. Das bedeutet, ein lebenslanger Job kann trotz bester Bedingungen für Unzufriedenheit sorgen.

Fazit

In meinen Augen ist es eine sehr spannende und kluge Strategie, den Kindern der eigenen Mitarbeiter einen Arbeitsplatz anzubieten. Hierdurch entsteht ein angenehmes Gefühl der Sicherheit. Doch dieses Sicherheitsgefühl hat für Mitarbeiter auch seine Schattenseiten:

  • Es fehlt der Vergleich mit anderen Jobs – Man weiß nie, wie gut oder schlecht man es hat.
  • Man gehört zum Inventar – Wenn der Unternehmer keine Sorge hat, dass Mitarbeiter kündigen, kann er ihnen mehr zumuten als Mitarbeitern, die sich eher nach einem neuen Job umsehen könnten.
  • Die versprochene Sicherheit ist keine echte Sicherheit – Der Job ist nur so sicher wie das Unternehmen. Sobald das Unternehmen verschwindet, verschwindet auch der versprochene Job für die eigenen Kinder.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Wie stehst Du zum Jobwechsel?