Untergraben Probezeiten und Befristungen das Fundament Deines Unternehmens?
Heute geht es um ein Thema, das mir immer wieder begegnet und mich stark irritiert. Ich verstehe, dass eine Probezeit in einem Arbeitsvertrag von Arbeitgeberseite aus vereinbart wird, um herauszufinden, ob der Mensch, der den Vertrag unterschreibt, zum Unternehmen passt. Ich verstehe auch, dass Befristungen im Projektgeschäft sinnvoll sind, da unklar ist, ob nach dem Ende eines Projekts noch die finanziellen Mittel da sind, die benötigt werden, um das Gehalt der Person zu bezahlen.

Doch nun bin ich bei
Joachim Bauer: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt
über einen Punkt gestolpert, der mir das Gefühl gibt, dass diese beiden Freiheiten, die sich ein Unternehmen hier einräumt, enorm hohe Kosten haben, die es möglicherweise gar nicht auf dem Schirm hat. Joachim schreibt
„Die neurobiologische Neudefinition der »Schmerzgrenze« steht im Einklang mit allem, was neuere Studien aus dem Bereich der Psychologie und der Sozialforschung zeigen: Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisungen durch andere Menschen sind die stärksten und wichtigsten Aggressionsauslöser.100“
S. 60.
Die kleine 100 am Ende des Satzes verweist auf die folgenden drei Quellen für seine Aussage:
- Mark R Leary, Jean M Twenge, Erin Quinlivan: Interpersonal rejection as a determinant of anger and aggression
- Laura Smart Richman, Mark R Leary: Reactions to discrimination, stigmatization, ostracism, and other forms of interpersonal rejection: a multimotive model
- Lisa J. Burklund, Naomi I. Eisenberger, Matthew D. Lieberman: The face of rejection: Rejection sensitivity moderates dorsal anterior cingulate activity to disapproving facial expressions
Menschen in der Probezeit und Menschen mit befristeten Verträgen sind in meiner Wahrnehmung Menschen, die per Vertrag eine fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe haben und die die ganze Zeit eine Zurückweisung erleben, die klar signalisiert: „Du bist noch nicht Teil von uns.“
Die Probezeit als Aggressionsauslöser

Hast Du einen der folgenden Sätze schon mal gehört, oder eventuell selbst gesagt?
- „Ich muss das jetzt aushalten, ich bin noch in der Probezeit.“
- „Na, der kann was erleben, wenn meine Probezeit vorbei ist, dann wird der was erleben.“
- „Ich kann mich jetzt nicht krankmelden, ich bin noch in der Probezeit.“
Mir sind diese Sätze schon oft begegnet. Da sitzt ein Mensch vor Dir, der einen neuen Job gefunden hat und sich einer neuen Aufgabe stellen kann. Das ist großartig. Gleichzeitig sitzt da ein Mensch, der ein neues Abenteuer beginnt und quasi auf dem Schleudersitz in einem Flugzeug sitzt. Der Mensch beginnt gerade einen neuen Abschnitt in seinem Leben, doch er kann jederzeit vorbei sein. Ein einziger Fehler genügt.
Ich kenne wenige Angestellte, die die Probezeit als etwas gegenseitiges wahrnehmen, obwohl sie es auf dem Papier ist. Denn alle Verträge mit Probezeit, die ich je in den Händen gehalten habe, halten für beide Seiten die gleichen Kündigungsfristen parat.
Doch die Sache ist die: Die Konsequenzen einer Kündigung sind für beide Seiten enorm unterschiedlich. Das Unternehmen verliert nur einen Mitarbeitenden, der sich in der Regel durch Mehrarbeit anderer Personen im Unternehmen oder eine Neueinstellung ersetzen lässt.
Kündigt dagegen die Person, die für das Unternehmen arbeitet, verliert sie nicht nur ihren Job, ihr fehlt auch binnen kürzester Zeit das Geld, um die laufenden Lebenskosten zu decken, und sie riskiert eine Sperre des Arbeitslosengeldes durch das Arbeitsamt für 3 Monate. Selbst wenn die Sperre nicht greifen sollte, liegt das Arbeitslosengeld deutlich unter dem Einkommen und wenn die Beschäftigungsdauer zu gering war, besteht nicht einmal ein Anspruch darauf. Ich persönlich kenne nicht viele Menschen, die ohne weiteres 3 Monate lang ohne ein Einkommen über die Runden kommen. Die Konsequenz für Menschen ohne ein ausreichend großes finanzielles Polster lauten in der Probezeit also, Augen zu und durch, denn die Kündigung ist keine Alternative.

Menschen in der Probezeit gehören also nicht nur nicht dazu, sie stehen evtl. auch unter enormem finanziellem Druck. Beides kann dafür sorgen, dass sich in dem Menschen, der gerade erst eine neue berufliche Chance ergriffen hat, binnen 3 oder 6 Monaten enorm viel Aggression aufbauen kann.
Meine persönlichen Probezeiterlebnisse
Ich war nie ein großer Fan der Probezeit. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einer neuen Arbeitgeberin sogar einmal gesagt, dass sie den Vertrag gern nochmal ohne Probezeit ausdrucken darf, dann würde ich ihn auch unterschreiben.
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, nicht genug zu sein. Ich war zumeist Quereinsteigerin und hatte immer das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Ich habe die ersten Probezeiten akzeptiert, weil ich mir einfach nicht sicher war, ob ich die in mich gesetzten Erwartungen überhaupt erfüllen könnte. Damals habe ich in der Probezeit alles gegeben und habe am Ende einer Probezeit sogar einmal geweint, als mir die Verlängerung bestätigt wurde, weil das Gehalt bei dem Job so gering war, dass ich damit meine Kosten nicht decken konnte. Die Arbeitgeberin war dann so gnädig mein Gehalt auf ein Niveau zu heben, dass meine laufenden Kosten deckte, aber aus heutiger Perspektive in keinem Verhältnis zu den Leistungen stand, die ich erbrachte. Nach diesen hätte es deutlich höher sein müssen. Doch ich war jung und brauchte das Geld und war froh, nach zahlreichen Absagen im Bewerbungsprozess überhaupt einen Job gefunden zu haben.
Heute sehe ich die Sache mit der Probezeit gelassener. Ich weiß, dass ich gute Arbeit leiste und ich habe ein finanzielles Polster aufgebaut, das mich im schlimmsten Fall 3 Monate tragen kann. Zudem habe ich für mich beschlossen, dass ich nicht in Unternehmen arbeiten möchte, die nicht meinen Werten entsprechen. Okay, das ist nicht ganz korrekt. Es ist für mich okay, wenn das Unternehmen sich noch auf dem Weg dazu befindet, diese Werte zu erfüllen. Wenn es aber nicht einmal danach strebt und es nur in seiner Außendarstellung einen auf Fairness macht, dann ist das Unternehmen nicht mein Unternehmen. Was auch hinzukommt, ist, dass ich gelernt habe, dass ich mich auf mein Netzwerk verlassen kann. Dieses hat schon oft dafür gesorgt, dass ich die nächste passende Arbeitgeberin gefunden habe.
Befristete Arbeitsverträge als Aggressionsauslöser

Ist die Probezeit erst einmal überstanden, beginnt für den einen ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Die Person kann sich fallen lassen, fühlt sich sicher und kann sich vollkommen auf den Job konzentrieren.
Für Andere ist mit dem Ende der Probezeit die Zitterpartie noch lange nicht vorbei, denn mit dem Ende der Probezeit bleibt die Befristung. Die Befristung, die ein Zittern und Bangen enthält. Die Befristung bringt unter anderem Pflichten gegenüber der Agentur für Arbeit mit sich:
„Wenn Sie noch in einer Beschäftigung sind, aber wissen, dass Ihr Arbeitsverhältnis bald endet, sollten Sie sich umgehend arbeitsuchend melden – bestenfalls spätestens 3 Monate vorher.“
Das bedeutet, ein Mensch mit einem befristeten Vertrag leidet nicht nur unter der mangelnden Zugehörigkeit zu einer Gruppe, er hat auch zwei Institutionen, denen er verpflichtet ist. Auf der einen Seite erwartet die Arbeitgeberin volle Leistung, denn nur wenn die Leistung super ist, besteht die Chance auf einer Verlängerung. Auf der anderen Seite erwartet die Agentur, dass die Person gefälligst alles in Ihrer Macht Stehende tut, um die zu erwartende Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Statt sich vollkommen auf den eigenen Job zu konzentrieren, kreisen die Gedanken um ungeklärte Fragen wie zum Beispiel:
„Wann genau melde ich mich denn nun arbeitssuchend und wann beginne ich mit der tatsächlichen Arbeitssuche, damit ich keine finanziellen Konsequenzen fürchten muss? Woher nehme ich neben einem Vollzeitjob die Zeit für die Stellensuche? Wie mache ich das mit Bewerbungsgesprächen? Ich habe noch einen Job.“
Diese Zitterpartie kann ein paar Monate oder sogar Jahre andauern. Auf der Stellenbörse der Agentur habe ich heute einen Job bei einer politischen Partei gesehen, der bis zum 25.07.2029 befristet ist. Ich mag mir gar nicht ausmalen wie viele Aggression sich in einem solchen langen Zeitraum aufbauen kann.
Meine persönlichen Befristungserlebnisse

Ich habe mich lange Zeit geweigert, einen befristeten Arbeitsvertrag auch nur in Betracht zu ziehen. Dafür ist mir die Jobsuche zu schwergefallen, und mir fehlte das Vertrauen in mein Netzwerk. Zudem habe ich daran geglaubt, dass ich in einem Unternehmen Karriere machen würde und mich bis zur Rente die Karrieretreppe raufarbeiten würde.
Heute ist das anders. Heute habe ich kein Problem mehr damit, einen befristeten Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Ein Blick auf mein bisheriges Erwerbsleben zeigt mir, dass ich noch nie länger als 7 Jahre bei einer Arbeitgeberin beschäftigt war. Zudem ist mir Karriere inzwischen völlig schnuppe. Mir geht es nicht um mehr Geld und mehr Ruhm, sondern darum, meine Miete zu zahlen und Wissen zu sammeln, das mich einzigartig macht und das es mir ermöglicht, Brücken an Stellen zu bauen, wo sie noch nie gebaut wurden.
Ich möchte neue Wege gehen und eine Welt schaffen, in der solche Konstellationen, wie wir sie gerade im Detail beleuchten, nicht mehr vorkommen. Ja, ich weiß, dass ich das nicht schaffen werde, doch das hält mich nicht davon ab, es zu versuchen. Ich möchte in einem Unternehmen arbeiten, in dem Menschen mit Freude arbeiten können, und ich bin bereit, dafür überall mit anzupacken, wo ich nur kann.
Die Sache ist allerdings die: Ich kann nicht garantieren, dass ich von jetzt an immer cool sein werde mit befristeten Verträgen. Sollte sich an meinem Sicherheitsbedürfnis etwas ändern, kann damit auch wieder meine Abneigung gegenüber befristeten Verträgen erwachen.
Sind Probezeiten und Befristungen noch sinnvoll?
Da ich keine Arbeitgeberin bin, kann weiß ich nicht, welche Vorteile ein auslaufender Vertrag oder eine Kündigung in der Probezeit gegenüber der Kündigung einer Person mit einem unbefristeten Vertrag außerhalb der Probezeit hat. Aus diesem Grund kann ich die Frage nicht beantworten, und mir fehlt die Zeit und der Nerv, mich für diesen Beitrag intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Solltest Du Menschen beschäftigen, würde ich mich freuen, wenn Du die Frage mit Deinem Wissen in den Kommentaren unter diesem Beitrag beantwortest.

Meine Bitte an Dich als Arbeitgeberin
An dieser Stelle habe ich eine große Bitte an Dich, falls Du eine Arbeitgeberin bist: Bitte habe die Befristungen der Personen, die Du beschäftigst im Blick. Bitte gehe 4 Monate vor Ende der Befristung aktiv auf sie zu. Im Idealfall kannst Du Ihnen jetzt schon einen entfristeten Arbeitsvertrag vorlegen.
Wenn nicht, kannst Du proaktiv und offen über die aktuelle Situation sprechen. Wahrscheinlich musst Du hierbei ein wenig rechtliches BlubBlub im Auge behalten, das ich nicht auf dem Schirm habe. Doch dafür hast Du einen Anwalt oder eine Rechtsabteilung, die Dich diesbezüglich schlau machen können.
Wenn Du aktuell kein neues Projekt hast, kannst Du bei der Arbeitssuche unterstützen. Ein fertiges Arbeitszeugnis als Dankeschön und Bewerbungsunterstützung zur Hand zu haben ist in meinen Augen das Mindeste, das Du tun kannst.
Meine Bitte an Dich als Arbeitnehmerin
Verdränge die Sache mit der Befristung nicht. Spiele nicht die Karte: die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch wenn Deine Arbeitgeberin Dich wirklich verlängern will, kann im letzten Moment etwas dazwischenkommen, das dafür sorgt, dass Du keinen neuen Vertrag bei der Arbeitgeberin unterschreiben kannst.
Fazit
Aus meiner Sicht als Arbeitnehmerin, die – wie schon erwähnt – blinde Flecken in diesem Bereich hat, gehören Probezeiten die länger als 3 Monate dauern und Befristungen im Allgemeinen in die Tonne. Beides untergräbt das Fundament Deines Unternehmens. Wer Mitarbeitende haben möchte, die aus vollem Herzen dabei sind, sollte das Risiko eingehen, das der Verzicht auf beides mit sich bringt.
Und nun bin ich neugierig: Wie sind Deine persönlichen Erfahrungen? Wie erlebst Du Probezeiten und Befristungen? Würdest Du Dich auf befristete Jobs bewerben? Bieten Befristungen und Probezeiten in Deinen Augen eher mehr Vorteile oder mehr Nachteile für eine Arbeitgeberin?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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