6,4 min readPublished On: 29. September 2021By Tags: , , Categories: Bücher, Wissen

Verändern Sprachen unser Verhalten?

New York, USA, Freiheitsstatue

4 Stunden New York waren der Hammer.

Wie viele Sprachen sprichst Du? Fällt es Dir leicht, eine neue Sprache zu lernen? Ich bin in Sachen Sprachen lernen eine Null. Mein Englisch ist einigermaßen passabel, weil ich ein ganzes Jahr in Amerika Zeit zum Üben hatte.

Weil Sprachen nicht unbedingt meine Leidenschaft sind, habe ich mich bis jetzt sehr wenig mit dem Thema beschäftigt. Doch das war ein unklug, wie ich dank

Gaston Dorren: In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht

nun weiß. Der Autor hat mir auf 392 Seiten bewusst gemacht, wie spannend die Welt der Sprachen ist. Dank Gaston verstehe ich vielleicht endlich, warum es in Berlin viele Menschen gibt, die sehr viele Kollegen haben, doch dazu kommen wir gleich. Zuvor schauen wir uns eine Sache an, die mich in der deutschen Sprache nervt.

Warum machen sich die Deutschen das Leben mit Du und Sie so schwer?

Wenn es Dir so geht wie mir, haben Deine Eltern in Deiner Kindheit immer darauf geachtet, dass Du Erwachsene brav siezt. Mir wurde damals erklärt, dass der ältere Mensch das Recht hat, dem jüngeren Menschen das Du anzubieten und dass es respektlos ist, wenn der jüngere Mensch dies tut.

Viele Jahre habe ich mich an diese Regel gehalten und drückte so meinen Respekt gegenüber meinen Mitmenschen aus. Der Tag, an dem ich das erste Mal gesiezt wurde, war für mich ein großartiger Tag. Ich fühlte mich damals wahnsinnig erwachsen. Heute ist das ganz anders. Wenn mich jemand siezt ist mein erster Gedanke „Für wie alt hältst Du mich?“.

Heute ist es für mich völlig normal, Menschen zu duzen. Mir ist egal, ob ich den Menschen kenne oder nicht. In meiner Wahrnehmung sorgt das persönliche Du für eine Augenhöhe, die dem förmlichen Sie fehlt. Es gibt nur noch wenige Menschen, die ich sieze. Wo es möglich ist, wechsle ich aufs Du.

Du hast Dir das Du verdient.

Das Sie, das für mich einst völlig normal war, ist mir inzwischen fremd geworden. Ich verstehe und respektiere Menschen, die das Sie bevorzugen, weil sie eine professionelle Distanz schätzen. Bei diesen Menschen ist das Du eine Art Ritterschlag, und es muss sich über Jahre hart erarbeitet werden.

Das Siezen ist ein Teil der deutschen Sprache und damit ein wichtiger Bestandteil deutschen Kultur. Innerhalb dieser Kultur bestimmt jeder von uns in seinem Umfeld seine eigene Kultur. Ich habe für mich festgelegt, dass das Du fester Bestandteil meiner Kultur ist, und daher biete ich es inzwischen (fast) jedem ungefragt an oder duze dreist, ohne nachzufragen in der Hoffnung, dass der andere automatisch mitzieht.

Die deutschen Anreden sind simpel im Vergleich zu den vietnamesischen

Bis ich das Buch unseres Autors las, dachte ich, dass das Deutsche und das Französische die einzigen Sprachen seien, die solch eine komplizierte und in meinen Augen anstrengende Ansprachen-Regelung hätten. Heute weiß ich, dass meine Annahme darauf beruhte, dass ich in der Schule nur drei Sprachen gelernt habe und mir nicht vorstellen konnte, dass deutsch in Sachen Anrede im Vergleich zum Vietnamesischen Kindergarten spielt.

An dieser Stelle hat mir unser Autor mit seinem Buch die Augen geöffnet, indem er mir verriet, dass die Ansprachen im Vietnamesischen deutlich differenzierter und komplexer sind als im Deutschen. Das Vietnamesische teilt den Gesprächspartner nicht einfach in älter (Sie) und jünger (Du) ein, sondern es achtet sehr genau darauf, wieviel älter oder jünger das Gegenüber ist, um dieses dann mit

  • Nichte
  • Neffe
  • älterer Bruder
  • ältere Schwester
  • jüngerer Bruder
  • jüngere Schwester
  • Onkel
  • Tante

anzusprechen. Mit diesem Wissen bin ich zum ersten Mal in meinem Leben unendlich dankbar, dass es im Deutschen „nur“ das Du/Sie gibt.

Warum haben türkisch sprechende Menschen in Berlin so viele Kollegen?

Irgendwann gehöre ich zu den Großen auf der anderen Seite.

Als Grundschüler wollte ich unbedingt auf die Gesamtschule, mit der sich meine Grundschule den Schulhof teilte. Die Teilung war durch eine Linie auf dem Boden markiert, die keine der beiden Seiten übertreten durfte. Meine Sehnsucht, auf der anderen Seite der Linie zu stehen, war so groß, dass für mich feststand, so bald dies möglich wäre auf diese Gesamtschule und nicht auf Gymnasium wechseln zu wollen.

Die Gesamtschule brachte den Vorteil mit sich, dass hier nicht die Kinder der Elite Berlins zur Schule gingen, sondern ganz normale Kinder aus aller Herren Länder. Für mich war es völlig normal, dass ich ein Teil der Pausenhofgespräche nicht verstand, weil ich weder Türkisch noch Kroatisch beherrschte. Dank dieser Schulzeit bin ich in der Lage, Menschen vernünftig in Deutsch-Türkisch anzupöbeln und erstaunlicherweise reichen dafür 3 Vokabeln. Ein „Kommst Du klar lan oder willst Du Stress?“ ging mir damals wirklich leicht von den Lippen und klärte Konflikte schnell. Meine Freunde sagten mir damals „lan“ bedeutet „man“, der Google-Übersetzer verriet mir gerade, es heißt „verdammt“. Ich habe keine Ahnung was von beidem stimmt, aber der Satz verfehlte nie seine Wirkung.

Obwohl ich 6 Jahre die Gesamtschule besuchte bin ich nie dahintergekommen, warum meine Schulkammeraden immer von ihren Kollegen sprachen. Die waren doch Schüler wie ich auch, und ich war mir sicher, dass sie nicht arbeiteten. Dank unseres Autors habe ich jetzt eine Vermutung. Könnte es sein, dass die türkische Sprache die Sache mit der Anrede ähnlich handhabt wie die vietnamesische Sprache und dabei statt auf Verwandtenbeziehungen auf Arbeitsbeziehungen setzt? Leider beantwortet unser Autor diese Frage in seinem Buch nicht. Doch wozu gibt es das Internet?

Ein Freund oder mein Sohn?

Die Webseite Fandom verrät uns, dass Türkisch in Sachen Briefanreden genauso spießig ist wie das Deutsche. In der Umgangssprache ist es höflich, jemanden mit „mein Sohn“ (oğlum) anzusprechen. Unhöflicher ist die Ansprache “Alter“ (moruk), bei der laut dieser Webseite allerdings Vorsicht geboten ist, weil sie im falschen Moment zu Ärger führen kann.

Da das Internet meine Frage auch nicht beantwortet hat, habe ich einen Kumpel gefragt, der türkisch spricht. Seine Antwort lautet „Keine Ahnung […] Um Nähe zu erzeugen“.

Türkisch scheint meiner Recherche nach in Sachen Ansprache dem Deutschen doch ähnlicher zu sein als dem Vietnamesischen.

Fazit

Ich freue mich an dieser Stelle sehr, dass ich dank diesem Beitrag nach mehr als zwei Jahrzehnten endlich gelernt habe, warum mir das Wort Kollege in Berlin so oft begegnet. Zudem bin ich unendlich beeindruckt von dem Einfluss, den Sprachen auf unser Verhalten haben. Bevor ich das Buch gelesen habe, hatte ich nicht auf dem Schirm, wie stark Sprachen unser Verhalten beeinflussen und auch Traditionen zementieren.

Wahrscheinlich gibt es viele Gründe, die dafür sorgen, dass Sprachen unser Verhalten beeinflussen. Die Unterschiedlichkeit, Höflichkeit und Vielzahl der Anreden sind wahrscheinlich einer der Gründe.

Vor Kurzem habe ich einen TED Talk von Gaston Dorren gelesen, in dem er sagt, dass Sprachen Einfluss auf unser Verhalten haben. Innerlich war ich erleichtert, dass es nicht nur mir so geht. Wenn ich englisch spreche, bin ich ganz anders. Also ja, Sprache verändert unser Verhalten. Eine neue Sprache zu lernen, schenkt uns die Möglichkeit, andere Seiten an uns auszuleben.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Welche Sprachen sprichst Du? Hast Du das Gefühl, dass sie Dein Verhalten beeinflussen?