Was ist ein sokratischer Monolog?

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Bühne

Als ich über diese Frage stolperte, dachte ich „Als Historikerin und Politologin müsste ich diese Frage doch beantworten können.“. Doch Pustekuchen. Mit meinem aktuellen Wissenstand kann ich lediglich sagen, das Sokrates ein Philosoph war, der viel Freude daran hatte sich Menschen in einer Höhle vorzustellen. Und dass ein Monolog im Idealfall keinen Gesprächspartner hat, sondern auf eine Bühne gehört, wo es in Ordnung ist, dass nur einer erzählt und das Publikum zuhört. Dieser beiden Wissensstände führen mich zu der Frage: „Führe ich einen sokratischen Monolog, wenn ich allein in einer Höhle sitze?“

Dank

Malcolm Gladwell: Was der Hund sah und andere Abenteuer aus der Welt, in der wir leben

freue ich mich nun sehr darauf herauszufinden, ob wir für einen sokratischen Monolog eine Höhle brauchen.

Und das Internet sagt…

… dass es offensichtlich gar keinen sokratischen Monolog gibt. Doch zum Glück bekomme ich von meiner sehr smarten Suchmaschine ecosia.org Alternativtreffer für

Lupe, suche
Lupe
  • den sokratischen Dialog und
  • das sokratische Gespräch
  • die sokratische Methode
  • die Hebammentechnik

angezeigt.

Was das ist schauen wir uns gleich an, lass mich vorher nur kurz zu meinem Bücherregal schleichen und sicherstellen, dass mein Zeit-Lexikon die Ansicht meiner Suchmaschine teilt. Okay, ein kurzer Blick ins Lexikon bestätigt das Internet, auch hier gibt es keinen Hinweis auf einen sokratischen Monolog. (Um den heutigen Post längenmäßig nicht eskalieren zu lassen, konzentriere ich mich im Folgenden auf nur einen Punkt der Liste.)

Der sokratische Dialog

Der sokratische Dialog stammt tatsächlich von Sokrates. Allerdings hat nicht er, sondern sein Philosophenkumpel Platon, dafür gesorgt, dass diese Technik nicht in Vergessenheit geriet, indem er darüber schrieb.

Fragetechnik

Ein sokratischer Dialog ist im Grunde genommen eine Fragetechnik, die es dem Gesprächspartner ermöglicht eigene Ansichten zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu gewinnen und wird daher gern im Coaching, NLP (Neurolinguistische Programmierung), im Unterricht in der Schule oder einer Therapie eingesetzt. Der sokratische Dialog kann Menschen dabei helfen ihre negativen Glaubensätze zu überwinden. Das sympathische an dieser Methode ist, dass die Fragen eines sokratischen Dialoges auf den ersten Blick manchmal sehr naiv und schlicht wirken und dennoch eine unglaubliche Wirkung haben.

Bild, Kunstwerk
Idealbild

Fällt in einem sokratischen Dialog die Aussage „Mein Vater war ein wirklich schlechter Vater.“ wird nicht etwa gefragt was genau diesen Vater schlecht gemacht hat, sondern allgemein danach gefragt was ein schlechter Vater ist. Nun denk der Befragte nicht mehr an seinen eigenen Vater, sondern an ein Idealbild eines schlechten Vaters und beschreibt dies dem Fragesteller. Stellen wir uns nun einmal vor das Idealbild eines schlechten Vaters, dass in diesem Gespräch entstanden ist beschreibt eine Person, die

  • sich nicht für die eigenen Kinder interessiert
  • nie mit den Kindern spielt
  • sich keine Zeit für die Kinder nimmt
  • kein Hemmungen davor hat ein Kinder zu schlagen
  • ….
Erkennen

Dieses Idealbild eines schlechten Vaters wird im weiteren Gesprächsverlauf genutzt um die Aussage „Ich hatte einen schlechten Vater“ zu überprüfen. An dieser Stelle erkennt derjenige möglicherweise, dass sein Vater gar nicht vollständig diesem Idealbild eines schlechten Vaters entspricht, weil dieser zum Beispiel nie auch nur in Betracht gezogen hat, die eigenen Kinder zu schlagen. In diesem Moment ist ein Glaubenssatz entkräftet und der Befragte hat eine neue Perspektive gewonnen, die ihm dabei hilft seinen Vater in Zukunft anders zu betrachten.

Ein sokratischer Dialog schenkt dem Befragten Freiheit und Kontrolle. Die Fragen sind ergebnisoffen und beurteilt nicht.

Warum ist der sokratische Dialog auch als Hebammentechnik bekannt?

Ich liebe die Bezeichnung Hebammentechnik. Sie beschreibt mit nur einem Wort was ich grade versucht habe in vielen Worten zu verdeutlichen.

Hebamme

Eine Hebamme ist eine Frau, die einer anderen Frag dabei hilft ein Kind zur Welt zu bringen. Die Hebamme hat das Kind nicht gemacht, bei ihrem Eintreffen ist es schon da, auch wenn kein Mensch es sehen kann und lediglich ein dicker Bauch verrät, dass es bald einen kleinen Schreihals geben wird. Alles was die Hebamme tut, ist dafür zu sorgen, dass das Kind und die Mutter die Geburt möglichst unbeschadet überstehen.

Beim sokratischen Dialog nimmt der Fragesteller die Rolle der Hebamme ein. Der Befragte ist die Mutter und die Gedanken und Erkenntnisse die der Befragte im Gespräch gewinnt sind das Kind. Ähnlich wie das Kind ruhen die Gedanken und Erkenntnisse schon lange vor diesem Gespräch im Befragten, aber es braucht den Fragesteller um sie ans Tageslicht zu befördern.

Fazit

Wow, das heutige Thema ist sehr viel Spannender und Vielschichtiger ist als ich vermutet habe. Im Studium habe ich Texte die von Philosophen und Theoretikern erstellt wurden gehasst. Sie waren meist umständlich geschrieben und mir fehlte ein realer Anwendungszweck. Nach dem heutigen Tag habe ich das Gefühl, dass ich den Werken von Sokrates und Platon in nächster Zeit entgegen meiner Planung deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Jetzt bin ich neugierig, wie es Dir geht? Liest Du gern Philosophische Texte? Nutzt Die Sokratische Fragetechnik, oder kennst Du jemanden der sie nutzt? Oder hast Du mit Ihrer Hilfe schon einmal spannende Erkenntnisse gewonnen?

P.S.

Folgende Sätze haben mich zu unserem heutigen Post geführt:

Wenn er redet, bevorzugt er den sokratischen Monolog: Er stellt eine Frage, setzt ein langes „Ahhh“ dahinter, nickt eifrig und beantwortet sie dann selbst.

Malcolm Gladwell: Was der Hund sah und andere Abenteuer aus der Welt, in der wir leben, S. 45.

Hier ist doch irgendetwas durcheinander geraten, oder. Der heute beschriebene sokratische Dialog hat nichts mit dem Zitat zu schaffen. Gibt es den sokratischen Monolog doch? Wenn ja, wo finde ich Informationen über ihn? Ist in der Übersetzung des Buches etwas schief gegangen? Hat der Autor eine andere Monologform gemeint und wusste nicht wie sie richtig heißt? Solltest Du irgendeine dieser Fragen beantworten können, freue ich mich sehr darüber, wenn Du Dein Wissen mit mir teilst.